Wall Street Kozlowski und die Durchhalte-Oma
New York - Der Hilferuf kam in Gestalt einer handgeschriebenen Notiz. "Die Geschworenen bitten um Ihren Rat", hieß es in dem dringlichen, einseitigen Papier an den Vorsitzenden Richter Michael Obus. "Die Atmosphäre in der Geschworenenkammer ist giftig geworden." Ein zweiter Zettel endete mit der flehentlichen Frage: "Was sollen wir tun?"
Seit Mitte März berät die Jury am Obersten Gerichtshof New Yorks über das Schicksal der Wall-Street-Legende Dennis Kozlowski, Ex-Chef des Elektronikgiganten Tyco. Kozlowski, wegen Betrugs in Höhe von 600 Millionen Dollar angeklagt, war einer der ersten White-Collar-Gauner, dem es in der jüngsten Klagewelle tatsächlich an den Kragen ging. Sechs Monate lang bot das Präzedenzverfahren in Saal 1324 in Lower Manhattan Einblick in die surreale Welt eines Börsenbullen. Der 15.000-Dollar-Schirmständer. Die 97.000-Dollar-Floristenrechnung. Die Zwei-Millionen-Dollar-Geburtstagsfete für Mrs. Kozlowski, bei der ein aus Eis gemeißelter David Wodka ins Becken pinkelte.
Nun aber steht der dramatischste Wall-Street-Prozess dieser Tage, wie ein John-Grisham-Roman, vor dem Platzen - mit der Aussicht, dass Kozlowski und sein Finanzchef Mark Swartz ungestraft davon kommen.
Geschworene Nummer 4 bockt
Dabei lief eigentlich alles so glatt. Nachdem Staatsanwaltschaft und Verteidigung ihre Plädoyers gehalten hatten, zogen sich die zwölf Geschworenen - neun Männer und drei Frauen, allesamt wie immer Privatpersonen, die per Los hierzu verpflichtet wurden – zur Urteilsfindung ins Hinterzimmer zurück. So was dauert sonst allenfalls ein paar Tage; im Fall der gestürzten Haushaltsikone Martha Stewart brauchte die Jury nur 48 Stunden für den Schuldspruch.
Doch nach sieben Tagen hatten sich die Kozlowski-Juroren zum Wochenende immer noch nicht geeinigt. Das sind eben die Tücken des amerikanischen Justizsystems: Die Geschworenen müssen ein einstimmiges Urteil finden, ansonsten kommt es zu einer so genannten "hängenden Jury", und der ganze Prozess platzt, ohne Urteil. Das passiert statistisch gesehen in sechs Prozent aller Fälle - und jetzt offenbar auch im Fall Kozlowski.
Schuld ist die Geschworene Nummer 4, eine 79-jährige, pensionierte Lehrerin und Anwältin. Die Boulevardzeitung "New York Post" nennt sie die "Durchhalte-Oma". Die Dame, deren eigentlich geheimzuhaltenden Namen das "Wall Street Journal" jetzt ausposaunte, ist offenbar von Kozlowskis Unschuld überzeugt. Sie weigert sich, einem Schuldspruch, für den die anderen wohl votiert haben, zuzustimmen.
Gebremster Aufstand gegen die Gierigen
Der Streit habe nunmehr einen unerträglichen Siedepunkt erreicht, schrieb der Rest der Gruppe in dem Notruf aus dem Hinterzimmer. Es flögen Beschimpfungen und Bedrohungen durch den Raum. Die Verhandlungen seien "irreparabel kompromittiert", und damit auch ein Urteil. Mehr noch: Als besagte alte Dame am Freitag am Verteidigertisch vorbeiging, hob sie die Finger zum stillen Siegeszeichen. Ein klarer Verstoß gegen die Vorschriften - und überdies ein wunderbarer Revisionsgrund.
So hatte sich das Generalstaatsanwalt Eliot Spitzer, der Rächer der geschröpften Anleger, kaum vorgestellt. Immerhin hat sein Musterprozess gegen den grinsenden Wirtschaftskriminellen von der Fifth Avenue schon anderweitige Konsequenzen gehabt. Tyco feuerte seine Buchprüfungsfirma PricewaterhouseCoopers und ersetzte sie durch Deloitte & Touche (die aber selbst wiederum in ein anderes Großverfahren verwickelt ist, das gegen die Gründer des Kabelkonzerns Adelphia). Und meuternde Tyco-Aktionäre versuchten auf der Hauptversammlung vorige Woche (vergeblich), den Firmensitz von Bermuda zurück in die USA zu verlegen, um den Shareholders besseren Gesetzesschutz zu garantieren. Alles in allem: Spitzer hatte einen Aufstand gegen die Gierigen losgetreten, der auch die anderen Konzerne zittern ließ.
Und jetzt soll das an einer störrischen Rentnerin scheitern? Da dürfte nicht nur Koszlowski die Sektkorken knallen lassen.
Order zum Wochende: kräftig entspannen
Ein Scheitern wird jedenfalls erwartet, wenn der Termin heute früh weitergeht. Das liegt nicht zuletzt auch an den Medien und vor allem dem "Wall Street Journal", das den Namen der Widerspenstigen so freiherzig ausgeplaudert hat. Damit haben die Blätter der Verteidigung einen weiteren Revisionsgrund geliefert. Denn damit wurde die vorgeschriebene Anonymität der Geschworenen gebrochen – und die Fairness des Verfahrens in Frage gestellt. "Wenn wir einzelne Personen auszusondern beginnen", sagt Ex-Staatsanwalt Scott Peeler, "riskieren wir, diese unter Druck zu setzen."
"Ich bin nicht sehr optimistisch", hatte selbst Richter Obus am Freitag geseufzt, bevor er das zerstrittene Kollegium mit der Order ins Wochenende schickte, kräftig zu "relaxen". "Wir werden sehen, was am Montag passiert." Können sich die Geschworenen auch heute nicht einigen, bleibt Obus nichts anderes übrig, als das Verfahren "ergebnislos" abzubrechen.
Bisherige Prozesskosten: zwölf Millionen Dollar.