Wall-Street-Profite Getrübter Goldrausch
New York - Selbst die coolsten Aktienanalysten lassen sich manchmal noch beeindrucken. Als Susan Katzke von Credit Suisse jüngst die aktuellen Quartalsergebnisse der Investmentbank Goldman Sachs sah, verfiel sie geradezu in den Jubel eines Teenagers: "Einfach riesig!"
Aus gutem Grund: Der Gewinn für das erste Geschäftsquartal 2006, den Goldman vorige Woche bekannt gab, lag mit 2,48 Milliarden Dollar sagenhafte 64 Prozent über dem Wert des Vorjahres. Die Erwartungen der Analysten übertraf der Finanzriese damit um mehr als die Hälfte. "Ein ganz außerordentliches Ereignis", staunte da sogar das "Wall Street Journal".
Goldman steht nicht alleine. Auch bei den anderen großen Wall-Street-Banken klingelt die Kasse. Tags darauf legte Lehman Brothers mit seinem eigenen Firmenrekord nach: 1,9 Milliarden Dollar Gewinn - 24 Prozent mehr als Anfang 2005. Da konnte sich schließlich auch Konkurrent Bear Stearns nicht lumpen lassen: Dort lag das Quartalsplus mit 514,2 Millionen Dollar 36 Prozent über dem Gewinn von 2005 und markierte ebenfalls ein Hausrekord.
Getrübter Jubel
Goldrausch an der Wall Street: Es ist vor allem die jüngste Fusions- und Akquisitionswelle in den USA wie auch in Europa, die den New Yorker Investmenthäusern enorme Profite beschert. Denn die streichen dafür, dass sie diese Mega-Deals betreuen, saftige Gebühren ein. Anschließend kassieren die Banken über Anleiheemissionen, mit denen die Geschäfte finanziert werden, noch ein zweites Mal ab.
Hinzu kommen steigende Gewinne aus dem institutionellen Börsenhandel für die Brokerhäuser. "Die größten Zuwächse gegenüber unseren Erwartungen kamen vom Aktiengeschäft, etwa bei Goldman Sachs und Lehman Brothers", schrieb Analyst Chris Meyer von Morgan Stanley. Meyers Arbeitgeber selbst wird übermorgen mit seinen eigenen Quartalszahlen die Runde komplett machen, und auch hier ist die Wall Street hoffnungsvoll.
Doch die Jubelstimmung wird getrübt. Am selben Tag, da Bear Stearns seine Rekordeinnahmen präsentierte, lancierte das Geldhaus notgedrungen und kleinlaut auch noch eine andere, etwas unangenehmere Meldung. Die Börsenaufsicht SEC verdonnerte die Bank per außergerichtlicher Einigung zur Strafzahlung von 250 Millionen Dollar - wegen unlauterer Machenschaften zu Ungunsten einfacher Investoren und Kunden.
Zum Dank ins Spa
Bear Stearns, so die SEC, habe betrügerischen Hedgefonds und Brokern fleißig dabei geholfen, heimlich abzuzocken, namentlich mit illegalen oder zumindest verpönten Handelstricks. "Bear Stearns war die Schaltstelle, die die Speichen verband", erklärte Mark Schonfeld, der SEC-Regionaldirektor für den US-Nordosten.
Selbst die obersten Abteilungsleiter hätten von diesen "Aktivitäten" gewusst und weggeguckt, hieß es in der 40-seitigen SEC-Beschwerde. Denn das Gemauschel habe auch für Bear Stearns selbst "Hunderte Millionen Dollar Profit" eingebracht.
Die Hedgefonds-Manager hätten sich dafür revanchiert - mit "Spa-Geschenkgutscheinen, Veranstaltungstickets und Mahlzeiten". Neun derzeitige und frühere Bear-Stearns-Mitarbeiten haben jetzt auch noch ein anderes Geschenk zugestellt bekommen: eine "Wells Notice" der SEC - die höfliche Mitteilung, dass der Adressat alsbald mit einer Zivilklage rechnen möge.