Wall-Street-Rundruf: Warnungen vor Weihnachten - DER SPIEGEL
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Wall-Street-Rundruf Warnungen vor Weihnachten

Je näher das Jahresende rückt, desto stärker der Drang der US-Firmen, doch noch eine Gewinnwarnung auszusprechen. Die Börse kann die Dosis Realismus gut gebrauchen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

New York - Lucent ist immer für eine Gewinnwarnung gut. Der Telekom-Dauerpatient erschreckte die Anleger vergangene Woche zum x-ten Mal mit einem düsteren Blick in die Zukunft. Im derzeitigen Börsenklima sind solche Deja Vus dringend benötigte heilsame Schocks. Denn die fast drei Monate alte Rallye beruht größtenteils auf dem Prinzip Hoffnung.

Pünktlich zum Jahresende geben die amerikanischen Unternehmen einen Ausblick auf die Quartalszahlen, die sie im Januar veröffentlichen werden. Während ein Teil die Erwartungen bestätigen oder sogar nach oben korrigieren wird, werden die Anleger genau auf die Gewinnwarnungen der kommenden Tage achten. Denn die könnten mitten in der Aufbruchstimmung neue Zweifel am Wirtschaftsaufschwung säen.

Die Gewinne der US-Unternehmen werden im vierten Quartal noch einmal gut 20 Prozent schlechter ausfallen als im gleichen Vorjahreszeitraum, schätzen die Analysten laut Thomson Financial/First Call. Das wäre der gleiche Einbruch wie im dritten Quartal, aber nicht schlimmer. Optimisten sehen deshalb bereits das Licht am Ende des Tunnels: Der Negativtrend der letzten vier Quartale scheint endlich gestoppt.

Doch schaut man genauer hin, sieht es weitaus düsterer aus. Denn die Vergleichsquartale des Vorjahres unterscheiden sich deutlich: Im dritten Quartal 2000 waren die Gewinne noch um 18,5 Prozent gewachsen, im vierten Quartal begann die Malaise: Das Gewinn-Wachstum flachte auf 3,5 Prozent ab. Daher ist der tatsächliche Gewinneinbruch im laufenden Quartal weitaus dramatischer als der im dritten Quartal - die Gewinne sind weiterhin im freien Fall.

Weil dieses Jahr so schwach war, werden sich die Gewinne 2002 zumindest auf dem Papier erholen. Für das erste Quartal erwarten die Analysten nur noch einen einstelligen Gewinnrückgang, für das zweite Quartal ein Wachstum von rund zehn Prozent. "Das ist allerdings mit Sicherheit noch nicht das letzte Wort", gibt Thomas Okeefe von Thomson Financial/First Call zu bedenken. Wahrscheinlich müssten die Analysten nach Bekanntgabe der Quartalszahlen ihre Schätzungen noch mal nach unten revidieren.

Und die Vergleichswerte sagen nicht viel über die tatsächlichen Gewinne aus: "Wenn Lucent nicht mehr von Quartal zu Quartal Milliarden verliert, heißt das noch lange nicht, dass die Lage wirklich besser ist", sagt Peter Canelo von J.P. Morgan. Der Aufschwung, wenn er denn kommt, wird längst nicht so triumphal wie die Wall-Street-Rallye, sondern zäh und unspektakulär. David Wyss, Chef-Volkswirt der Rating-Agentur Standard and Poors, prophezeit bereits ein "langweiliges neues Jahr".

An der Wall Street werde es diese Woche jedoch noch hoch hergehen, sagt Todd Clarke von der Investmentbank W.R. Hambrecht. "Jede Menge Volatilität, mit einem Trend nach oben", lautet seine Prognose. Letzte Woche sei zuviel verkauft worden, das werde diese Woche wieder korrigiert. Ein Zeichen für den Aufschwung wird wahrscheinlich der Index der wichtigsten Wirtschaftsindikatoren geben, der am Mittwoch veröffentlicht wird. Aber Gewissheit werden erst die Gewinne der Unternehmen bringen.

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