Wall Street Unfeine Boards, unfeine Bilanzen
New York - Unfähigkeit zur Reue. Überzogenes Selbstwertgefühl. Gleichgültigkeit gegenüber dem Leiden anderer. Kriminologen kennen diese Charakteristika gut: Sie sind klassische Merkmale von Psychopathen, Soziopathen und Serienmördern. Kategorisiert vom Psychologen Robert Hare, finden sie sich auf der inzwischen weltweit gängigen "Hare-Liste" zur klinischen Diagnose psychisch kranker Gewalttäter.
Doch sie finden sich offenbar auch noch anderswo: an der Wall Street. Endlose Betrugsskandale, Insider-Trading, jetzt auch noch die Nachricht, dass die sowieso überbezahlten Konzernchefs im vorigen Jahr, derweil sie munter Stellen kürzten, durch die Bank 15 Prozent mehr Salär einsackten als 2002: Lange nicht mehr stand hier das Big Business in einem so schlechten Ruf wie heute. "Schweine am Trog", betitelt die Kolumnistin Arianna Huffington ihre jüngste Streitschrift über "die Exzesse und den Wahnsinns-Betrug unserer hochfliegenden Wirtschaftsbosse".
Verantwortlichkeit der Chefetage
Und doch tun sich diese "Schweine" mit all ihrem Scheffeln und Schröpfen kaum einen Gefallen. Zu diesem Schluss kommt jetzt jedenfalls eine Untersuchung der Georgia State University in Atlanta. Mauscheleien, Vetternwirtschaft und üblere Unfeinheiten zahlen sich für die Konzerne auf lange Sicht nicht aus. Im Gegenteil - sie belasten die Bilanz: Unfeine Boards führen zu unfeinen Bilanzen.
Den Wirtschaftswissenschaftlern Lawrence Brown und Marcus Caylor ist es mit der Studie erstmals gelungen, einen statistischen Zusammenhang zwischen Corporate Governance - also der so viel zitierten Verantwortlichkeit der Chefetage - und tatsächlicher Unternehmensleistung nachzuweisen. Gemessen wurde die Verantwortlichkeit an betriebswirtschaftlichen Qualitätskategorien wie "Ethikgrundsätze", "Übernahmepraktiken", "Zusammensetzung des Boards", "Manager-Gehälter" und "Buchprüfungsergebnisse".
Ehrlichkeit zahlt sich aus
"Firmen mit schwächerer Governance", resümiert Brown, "sind weniger profitabel und leiden an höherer Volatilität." Konzerne mit starken, unabhängigen und transparenten Boards dagegen seien gewinnträchtiger und weniger risikogefährdet. Mit anderen Worten: Ehrlich währt am längsten - und zahlt sich aus.
Die Studie, die der weltgrößte Aktionärsverband Institutional Shareholder Services (ISS) aus dem US-Bundesstaat Maryland in Auftrag gegeben hatte, bringt eine neue Qualität in die schwelenden Diskussion um Corporate Governance, denn sie präsentiert konkrete Zahlen: So waren die zehn "verantwortungsvollsten" der 5460 hierzu untersuchten Firmen um 11,9 Prozent profitabler als die zehn "verantwortungslosesten", ihre Aktienkurse um 11,8 Prozent weniger volatil und ihre Dividenden um 10,4 Prozent höher. "Dies zeigt deutlich, welche finanzielle Auswirkungen schlechte Boards aufs Shareholder Value haben können", sagt ISS-Vizechefin Cheryl Gustitus.
Empfehlung für MBIA und Colgate -Palmolive
In Ehrlichkeit zu investieren rentiert sich also auf lange Sicht auch für den Anleger. Die drei nach diesen Maßgaben empfehlenswertesten Aktientipps sind derzeit der Finanzmulti MBIA, Colgate-Palmolive und Micron: Die hätten die vorbildlichste Corporate Governance von allen, schreibt ISS in seinem aktuellen Ranking.
Auf der anderen Seite der Ehrlichkeitsskala werden wieder die Unternehmen und Unternehmer Schlagzeilen machen, die den Erdrutsch im US-Anlegervertrauen losgetreten haben: Der ehemalige Enron-Präsident Jeffrey Skilling soll diese Woche endlich angeklagt werden, als bisher Ranghöchster in dem Milliardenskandal - während Enron-Chef Ken Lay weiter frei herumläuft; der Tyco-Prozess ist in vollem Gange; der Prozess gegen Martha Stewart, die gestürzte Haushalts-Queen, neigt sich dagegen langsam dem Ende zu. Als nächstes kommt der Rigas-Clan vor Gericht, der den Kabelkonzern Adelphia für eigene Zwecke ausgeplündert haben soll.
Die Erkenntnis der Georgia-Untersuchung ist übrigens alles andere als neu: "Wir haben immer gewusst, dass rücksichtsloses Eigeninteresse moralisch schlecht ist; jetzt wissen wir auch, dass es wirtschaftlich schlecht ist." Das sagte Franklin Roosevelt, in seiner Vereidigungsansprache von 1937.