Wall Street Wenn alte Säcke Feuer fangen
New York - Der Zeitpunkt, bis zu dem Nokia noch eine coole Marke war, lässt sich ziemlich genau datieren. Es war im Sommer 1999, als der erste Teil des Cyberspace-Epos "The Matrix" ins Kino kam. Wenn Protagonist Neo sich ins Datennetz einklinken wollte, griff er zu einem Nokia 7110 (das war jenes gebogene Handy, das beim Öffnen des Deckels so schön "Schnack" machte). In den Fortsetzungen "Reloaded" und "Revolutions" verwendeten Neo und Trinity erneut ein hippes Handy - nur diesmal war das Gerät von Samsung.
Die Anekdote illustriert, wie viel Europas Technologiekonzern Nummer eins innerhalb weniger Jahre von seinem Glanz eingebüßt hat. Die Technik mag in Ordnung sein, aber das Design der Telefone ist entweder altbacken oder allzu futuristisch: Das 7600, Flaggschiff von Nokias UMTS-Reihe, sieht aus, als ob einem CAD-Designer nach dem vierten Finlandia-Wodka die Maus ausgerutscht ist. Das macht sich in den Zahlen bemerkbar, die Aktie leidet. Derzeit dümpelt sie bei elf Euro, dem tiefsten Stand seit Ende 1998. Am vergangenen Freitag stuften zwei weitere Investmenthäuser das Papier erneut herunter.
Alte Säcke in der Midlife-Crisis
Nokia befindet sich in bester Gesellschaft. Microsoft, Amerikas Technologiekonzern Nummer eins, steckt ebenfalls in einer Art Midlife-Crisis. Das Betriebssystem Windows ist nicht mehr auf dem neuesten Stand und der Nachfolger Longhorn kommt frühestens 2006. Wie weit Microsoft technologisch zurückgefallen ist, illustriert auch hier ein Beispiel: Der Suchmaschinenhersteller Google wird laut "New York Times" demnächst eine Software auf den Markt bringen, mit der Windowsnutzer ihre Rechner nach Windowsdateien durchsuchen können. Mit der systemeigenen Suchfunktion selbst geht das nämlich nicht so gut.
Die Wall Street hält Microsoft schon länger nicht mehr für ein gutes Investment. Die Aktie der Gates-Firma hat seit ihrem Hoch bei etwa 60 Dollar einen veritablen Crash hingelegt: Wer im Jahr 1999 in Microsoft investierte, hat seitdem eine Rendite von überschaubaren nullkommanull Prozent erwirtschaftet. Und weil fast jeder Publikumsfonds Microsoft im Portfolio hat, frotzelte die "Business Week" unlängst: "Vermutlich besitzen auch Sie ein Stück dieses Felsens."
Wann geht die Sonne wieder auf?
Fast alle sind sich einig, dass sowohl Nokia als auch Microsoft in die Jahre gekommen sind und kein Feuer mehr besitzen. Soviel Übereinstimmung zwischen Presse, Investmentbanken und Börse sollte einen aus Prinzip misstrauisch stimmen. Denn die oben genannten Probleme der beiden Marktführer sind der Ist-Zustand. Der sollte Börsianer aber weniger interessieren als die Zukunft.
Ohne eine Kristallkugel ist die normalerweise schwer vorherzusagen. Doch im Falle von Nokia zeichnet sich bereits ab, dass die Dinge nicht ganz so dramatisch sind, wie es derzeit den Anschein hat. Im Laufe des Jahres wird der Konzern etwa 30 neue Handymodelle auf den Markt bringen. Wenn sich die Finnen nicht allzu ungeschickt anstellen und zumindest eine Handvoll passabler Geräte zustande bringen, sollte das den Druck von der Aktie nehmen. Zudem vergessen viele, dass Mobiltelefone nur eines von Nokias Geschäftsfeldern sind.
Als Ausrüster stellt der Konzern jene Technik her, die für den Aufbau und die Erhaltung von Mobilfunknetzen benötigt wird. Wegen des Geschäfts mit UMTS zog der Umsatz in dieser Sparte im ersten Quartal um 16 Prozent an, Tendenz vermutlich steigend. Da Nokias Aktie mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 13,7 für kommendes Jahr recht niedrig bewertet ist, könnte sich das Papier demnächst wieder nach oben bewegen. Zum Vergleich: Das KGV der 83 Technologiewerte im amerikanischen Standard & Poor's 500 Index liegt für 2005 bei geschätzten 22. Das lässt Nokia beinahe als Schnäppchen erscheinen.
Taschengeld von Bill
Der Fall Microsoft ist etwas schwieriger. Einige Kommentatoren sind bereits kurz davor, Nachrufe zu verfassen, doch das ist Quatsch. Bei allem Herumgemäkel an Microsofts Produkten: Wird in zehn Jahren immer noch die Mehrheit aller Rechner auf Windows laufen? Ja. Werden wir immer noch a) mit Word texten und b) einander mit Power-Point-Folien langweilen? a): Definitiv, b) Sehr wahrscheinlich. Folglich ist die Microsoft-Aktie eine relativ sichere Bank. Sie wird zwar kaum durch die Decke gehen, aber bis zum unwiderruflichen Untergang des Redmonder Riesen wird es noch einige Jahrzehnte dauern - da hilft auch das Beten der Mac-Community nichts.
Was der Microsoft-Aktie bereits in der zweiten Jahreshälfte Schub geben könnte, sind Spekulationen bezüglich des riesigen Haufens Cash, auf dem das Unternehmen sitzt (in den fünf Minuten, die Sie zum Lesen dieses Artikels benötigt haben, ist der Berg um weitere 19.000 Dollar angewachsen). Den könnte der Konzern theoretisch an seine Anteilseigner verteilen. Seit 2003 zahlt Microsoft zwar eine Dividende von 16 Cent pro Aktie - doch das ist etwa so, als ob der Sultan von Brunei seinem Sohn einmal im Jahr einen Hunderter in die Hand drückte und sagte: "Aber teil ihn dir gut ein, wir haben nicht unendlich viel davon."
Microsoft begründet seine Knauserigkeit mit den zahllosen Kartell- und Patentklagen, in die das Unternehmen verwickelt ist. Erst wenn diese beigelegt seien, könne man über den Cash sprechen. Da Microsoft in den vergangenen Monaten etliche Rechtstreitigkeiten per Vergleich beigelegt hat, hoffen einige Beobachter, dass der Konzern demnächst das Taschengeld für seine Aktionäre deutlich aufstocken wird. Finanzvorstand John Connor hat angedeutet, dass es auf der jährlichen Analystenkonferenz Ende Juli weitere Informationen zu Microsofts Cash-Strategie geben wird.
Sobald Bill Gates sein Portemonnaie öffnet, könnte die Aktie wieder steigen - und zwar langfristig: Angenommen Microsoft würde seine Dividende ab 2005 auf 80 Cents je Aktie verfünffachen, wäre sein Geldberg - bei konstanten Einnahmen - erst im Jahre 2028 abgetragen.