Warnstreik bei E.on: Ver.di will Kraftwerke lahmlegen - DER SPIEGEL
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Warnstreik bei E.on Ver.di will Kraftwerke lahmlegen

Arbeitskampf beim Energieriesen E.on: Die Gewerkschaften Ver.di und IG BCE rufen 30.000 Beschäftigte zu Warnstreiks auf, später sollen auch Kraftwerke lahmgelegt werden. Dabei steht es um die Stromversorgung ohnehin schlecht - die Bundesnetzagentur sieht das Netz "am Rande der Belastbarkeit".
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Düsseldorf/Bonn - Erstmals seit der Gründung des Energiekonzerns E.on   im Jahr 2000 haben die Gewerkschaften an diesem Montag zu einem Warnstreik aufgerufen. Ver.di und IG BCE forderten die 30.000 Beschäftigten der Tochter E.on Energie auf, am Mittwoch die Arbeit niederzulegen. Auch an Standorten von Atomkraftwerken seien Aktionen geplant.

E.on ist der größte deutsche Energiekonzern. Sein Netz erstreckt sich von der österreichischen Grenze bis nach Schleswig-Holstein. Millionen Kunden in Deutschland beziehen ihren Strom von E.on.

Entsprechend groß ist das Drohpotential, das die Gewerkschaften aufbauen können. In einer weiteren Eskalationsstufe könne es sogar dazu kommen, dass Kraftwerke heruntergefahren werden, sagte Ver.di-Fachgruppenleiter Sven Bergelin. E.on müsse dann Strom über die Börse kaufen, um seinen Lieferverpflichtungen nachzukommen. Die Stromerzeugung und der Netzbetrieb sollen nach Angaben der Gewerkschaften jedoch aufrechterhalten werden.

Schwerpunkte der Warnstreiks sind Bayern, Niedersachsen, Hessen und Nordrhein-Westfalen. Betroffen sind auch die Atomkraftwerke Brokdorf, Grafenrheinfeld und Würgassen. Vor der Konzernzentrale von E.on Energie in München ist eine Kundgebung geplant.

"Die Arbeitgeber haben auf stur geschaltet, sie fahren einen knallharten Konfrontationskurs. Wenn sie den Konflikt wollen, können sie ihn haben", sagte IG-BCE-Verhandlungsführer Michael Winkler. Der Warnstreik solle mehrere Stunden dauern. Die Gewerkschaften setzen darauf, dass die Geschäftsführung danach ein neues Angebot vorlege. Andernfalls drohten unbefristete Streiks. E.on selbst äußerte sich zu dem Konflikt zunächst nicht.

Die Gewerkschaften fordern eine Anhebung der Löhne und Gehälter um 8,5 Prozent sowie verbesserte Übernahmemöglichkeiten für die Auszubildenden. Die Arbeitgeber hätten in der dritten Verhandlungsrunde fünf Prozent mehr bei einer Laufzeit von 14 Monaten angeboten. Im Gegenzug wollten sie die Arbeitszeit um eine auf 37 Stunden erhöhen. Eine Stunde Arbeitszeitverlängerung entspreche aber einer Entgeltkürzung um 2,8 Prozent, sagte Winkler, sodass von den fünf Prozent real nur noch 2,2 Prozent übrig blieben. Der bisherige Tarifvertrag bei E.on war Ende April abgelaufen.

Ähnliche Probleme wie E.on hatte kürzlich auch der Konkurrent EnBW  . Vor wenigen Wochen legten Beschäftigte bei einem 24-stündigen Streik Teile der Stromproduktion lahm. Die Konzernleitung einigte sich anschließend mit den Gewerkschaften auf eine Lohnerhöhung von 4,35 Prozent. Der Essener Versorger RWE   hatte sich im Januar mit den Gewerkschaften auf einen neuen Tarifvertrag geeinigt, der für rund 20.000 Beschäftigte Einkommensverbesserungen von 3,9 Prozent vorsah.

Ein Streik bei E.on käme zu denkbar ungünstiger Zeit. Denn die in Deutschland zur Verfügung stehende Strommenge ist ohnehin knapp, überdies gilt das Netz als überlastet. So warnte die Bundesnetzagentur an diesem Montag, die deutschen Stromleitungen seien "bereits heute am Rande der Belastbarkeit".

Ohne Ausbau der Netzkapazitäten könne beispielsweise auf der Strecke Rhein-Ruhr/Rhein-Main schon 2012 eine "besonders kritische Situation" entstehen, erklärt die Behörde in ihrem Ende April dem Bundestag vorgelegten Tätigkeitsbericht. Eine Sprecherin bestätigte eine entsprechende Meldung der "Bild"-Zeitung.

"Engpässe nicht auszuschließen"

Noch sei die Versorgungszuverlässigkeit in Deutschland vergleichsweise hoch, heißt es in dem Bericht. Demnach falle in deutschen Haushalten der Strom im Durchschnitt nur 22,9 Minuten im Jahr aus. Diese Angaben stammten aus dem Jahr 2004, sagte die Sprecherin der Bundesnetzagentur. Neuere Messungen lägen sogar günstiger: Für das Jahr 2006 lag demnach die Ausfallzeit bei durchschnittlich 21,53 Minuten.

Allerdings könnte sich dies in Zukunft ändern. So warnte der Präsident der Bundesnetzagentur, Matthias Kurth, schon im Januar vor Engpässen im deutschen Stromnetz. Da die Netzauslastung durch die zunehmende Windenergieerzeugung und durch steigende Stromdurchleitungen wachse, seien "in einigen Regionen Deutschlands mittelfristig Engpässe im Stromnetz nicht auszuschließen". In den Überlandnetzen der vier großen Stromkonzerne EnBW, E.on, RWE und Vattenfall bestehe "erheblicher Investitionsbedarf".

In dem Bericht für den Bundestag heißt es, es gebe "Anlass zur Besorgnis", weil sich der Bau neuer Stromleitungen verzögere. Schuld daran seien nicht die Konzerne, sondern die "aus mangelnder Akzeptanz der Bevölkerung resultierenden zeitintensiven Genehmigungsverfahren". Die Realisierung einer neuen Freileitung dauere bis zu zehn Jahre und "somit länger als der Bau eines Kraftwerks".

wal/Reuters/AP