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POLEN-KREDITE Warten und Hoffen

Wenn Polen pleite geht, droht den westlichen Kreditgebern ein Bankenkrach. Notgedrungen halten die Geldmanager weiter still. Ihre Hoffnung: Moskau steht für Warschau gerade.
• aus DER SPIEGEL 53/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die telephonischen Anfragen aus Moskau und London waren fast gleichlautend: Bei über zwei Dutzend westlichen Banken erkundigten sich russische Staatsbankiers, direkt oder über ihre englische Filiale, nach den Konditionen für millionenschwere Kredite. Als sich S.66 die hellhörig gewordenen Bankiers in Frankfurt und Paris, Luxemburg und London, Zürich und New York über die eiligen Rundrufe aus dem Osten verständigten, war die Überraschung perfekt: Fast zwei Milliarden Mark, so rechneten die Bankiers vorletzte Woche rasch nach, wollen sich die Russen auf die schnelle im Westen pumpen.

Was Moskau mit dem vielen Geld will, war den Geldmanagern von vornherein klar: Rund vier Milliarden Mark hatten die Sowjets dem bankrotten Polen nach der Machtübernahme der Militärs in Warschau als Soforthilfe zugesagt. Ohne die Bruderhilfe aus Moskau und deren Anleihe im Westen käme die polnische Wirtschaft nicht mehr über den Winter. Notgedrungen muß Moskau selbst einspringen, denn »neues Geld für die Polen«, so ein Frankfurter Großbankier, »steht weltweit nicht mehr zur Debatte«.

Das wundert nicht: Mit Polen erleben die westlichen Banken ein Finanzdesaster ohnegleichen. Mit rund 27 Milliarden Dollar stehen die Polen derzeit im Westen in der Kreide.

Seit dem 26. März werden die fälligen Kredite nicht mehr zurückgezahlt. Und als Marian Minkiewicz, Präsident der polnischen Außenhandelsbank Handlowy, vor wenigen Tagen den wichtigsten Geldgebern im Westen mitteilte, Polen könne seine bis zum Jahresende fälligen Zinsen über 350 Millionen Dollar nicht überweisen, erklärte er sein Land damit praktisch für zahlungsunfähig. Nach einem mühsam ausgehandelten Moratorium hatten die Polen noch im Frühherbst versprochen, wenigstens die Zinsen zu zahlen.

Der gigantische Schuldenberg von 17 Milliarden Dollar gegenüber den 460 Gläubigerbanken im Westen und dazu noch zehn Milliarden Dollar Verbindlichkeiten bei den kapitalistischen Regierungen könnten Polen zum größten Pleitefall der Nachkriegszeit machen.

Insbesondere unter den zahlreichen mittelgroßen und kleineren Spezialbanken, die seit Jahren mit dünner Kapitaldecke und knappen Zinsmargen im riskanten, aber ertragreichen Europa-Kreditgeschäft mitmischen, herrscht »größte Nervosität«, so der Londoner Filialchef einer deutschen Großbank.

Die etablierten Bankiers plagt seit Monaten ein Alptraum: Ein Bankenneuling am Euromarkt könnte die Nerven verlieren und Polen offiziell als bankrott erklären. Dann wären auf einen Schlag alle Polenkredite fällig, neue Gelder dürften nach den ehernen Grundsätzen des Gewerbes nicht mehr bewilligt werden, rückständige Zinsen dürften ab sofort nicht mehr gestundet werden.

Da aber bei den Polen nichts zu holen ist, müßten die kapitalistischen Banken im Falle des kommunistischen Staatsbankrotts ihre Forderungen mit einem Schlag abschreiben und in ihren Bilanzen Milliardenverluste verbuchen. Die düstere Folge: Durch die Polenverluste könnte das Vertrauen der Geldanleger und Sparbuchsparer in ihre Bank völlig schwinden, ein Run auf Bargeld könnte losgehen. Selbst erzsolide Bankhäuser könnten in einen Krisenstrudel geraten.

Um das Schlimmste zu verhindern, bleibt den Banken gar keine Wahl: Sie müssen warten und hoffen, daß die Polen wieder zu Geld kommen.

Die fälligen Kredite und rückständigen Zinsen werden weiterhin auf Stundungskonten umgebucht. Dieser seit dem Frühjahr eingeschlagene Weg, die Polenprobleme zu vertagen, bietet insbesondere gewinnschwachen Banken die Möglichkeit, wohl unvermeidbare Rückstellungen und Abschreibungen auf viele Jahre zu verteilen.

Am liebsten freilich wäre es den Bankiers, wenn ihnen die Regierungen der westlichen Länder - und möglichst sogar der Ostblockstaaten - einen Teil des Risikos abnehmen. Nach Ansicht des westdeutschen Bankenpräsidenten Harald Kühnen etwa sollte sich die Bundesregierung »sehr ernsthaft zusätzliche Kreditgarantien überlegen«.

Das aber könnte in der angespannten Haushaltslage scheitern. Für das Jahr 1981 hat sich Finanzminister Hans Matthöfer auf Bürgschaftsausfälle für Polen in Höhe von 650 Millionen Mark eingerichtet. Was noch droht, ist ungewiß. Zur Zeit ist der Kontakt zwischen der polnischen Staatsbank und der Hermes-Exportversicherung, die für die Bundesrepublik als Agent auftritt, abgerissen.

Außerdem hat Bonn für 1981 noch Bürgschaften für Nahrungsmittel in Höhe von 720 Millionen Mark in den Büchern. Dieses Geld ist bis auf 40 Millionen Mark verbraucht; von diesem spärlichen Rest ist wohl die Rede, wenn Bonner Regierungsmitglieder von weiterer Polenhilfe reden.

Den Banken jedenfalls kann der Finanzminister kaum beistehen. Die Hermes-Exportversicherung darf lediglich Garantien für die Ausfuhr langlebiger Investitionsgüter übernehmen. Ungebundene Finanzkredite können nur verbürgt werden, wenn dies hilft, die Rohstoffbasis der Bundesrepublik zu sichern. Beides gilt nicht für die Zinsen, die Warschau schuldig bleibt. Daß Bonn für die Nahrungsmittelhilfe bürgte, war schon am Rande der Legalität.

Auch außerhalb der Hermes-Versicherung kann Bonn wenig tun. Nach der Haushaltsordnung des Bundes ist es nicht gestattet, Bürgschaften zu übernehmen, die mit großer Sicherheit fällig werden.

Das wäre nur möglich, wenn zusätzlich zu der im Etat 82 vorgesehenen eine Milliarde Mark weitere Polen-Garantien bereitgestellt würden. Matthöfer sind also zur Zeit die Hände gebunden.

Derart allein gelassen, grübeln führende Bankiers inzwischen über ihre fahrlässige Großzügigkeit im Polen-Geschäft. Der westdeutsche Sparkassenpräsident Helmut Geiger: »Die Kredite an Polen hätten mit mehr Auflagen vergeben werden müssen.«

Gemessen an der tatsächlichen Exportkraft des Ostblocklandes, zeigten die Banken geradezu erstaunliche Kreditbereitschaft. Von 1972 bis 1979 stieg die Schuldendienstquote - der Anteil der Zahlungsverpflichtungen an den Exporteinnahmen - von 15 auf 92 Prozent. Im Klartext: Die Polen konnten mit ihren Ausfuhren gerade noch ihre Schulden bezahlen, für den Aufbau der Wirtschaft war nichts übrig.

Doch die westlichen Banken verließen sich auf zwei schlichte Faustregeln. Zum einen galten die Oststaaten einfach als pünktliche Zahler. Zum anderen vertrauten sie auf die östliche Regenschirmtheorie: Im Ernstfall werde die Sowjet-Union zum Schutz eines anderen Comecon-Landes einspringen.

Der russische Regenschirm erscheint jetzt einigen der vom Polenbankrott bedrohten Eurobanken in London und Luxemburg als die letzte Hoffnung. Die Sowjets, so meinen sie, müßten im eigenen Interesse für Polen einspringen. Sonst könnte auch der übrige Ostblock von den lebenswichtigen Westkrediten abgeschnitten werden. Die drohende Folge: Der gesamte Ost-West-Handel käme zum Stillstand.

Um die Gefahr abzuwenden, mobilisieren die Moskauer Staatsbankiers bereits ihre Reserven: Seit Tagen verkaufen ihre westlichen Bankfilialen in Zürich und London ungewöhnlich große Mengen Gold.

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