Wechsel im Leitindex: Dünger für den Dax - DER SPIEGEL
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Wechsel im Leitindex Dünger für den Dax

Wachwechsel an den deutschen Aktienmärkten: Gleich mehrere Firmen haben die Chance, in den Leitindex Dax aufgenommen zu werden. Doch es gibt keinen Aufstieg ohne Absteiger. Und der große Verlierer könnte diesmal TUI heißen.
Von Karsten Stumm
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Der Dax   steht vor einer Neuordnung. Erstmals seit zwei Jahrzehnten können beim Beschluss zur Indexumbildung am kommenden Mittwoch auf einen Streich gleich die Aktien zweier Firmen in die zweite Börsenliga verwiesen werden.

Verabschieden werden sich sehr wahrscheinlich die Anteilsscheine des Touristikunternehmens TUI  . Ab dem 22. September, wenn die Änderung wirksam würde, nähmen dann aller Voraussicht nach die Titel des Kasseler Düngemittelproduzenten K+S   ihren Platz ein. Das sollte dann der vorläufige Höhepunkt einer märchenhaften Börsengeschichte für das Unternehmen sein.

Der Wert der K+S-Aktien ist in den vergangenen zehn Jahren um sagenhafte 2500 Prozent gestiegen. Allein seit August 2007 hat sich die Bewertung der Aktien etwa vervierfacht: Einst nahezu unbeachtet, hat sich das Unternehmen zu einem Trendkonzern gemausert.

Seit die Preise für Rohstoffe und Nahrungsmittel rasant steigen, lohnt vielerorts auch der Ackerbau wieder, und somit nimmt auch die Nachfrage der Landwirte nach K+S-Düngern zu. Da viele Anleger auf weiter steigende Rohstoffpreise wetten, erfreute sich das Unternehmen großer Nachfrage: K+S musste kürzlich sogar einen Aktiensplit von 1:4 vollziehen, um den Preis für eine Aktie wieder unter die psychologisch wichtige Marke von 100 Euro zu drücken.

Jetzt will K+S sogar ehemals geschlossene Kaligruben in Ostdeutschland wieder in Betrieb nehmen. Und so avanciert das Unternehmen mit seinen Kalitransporten zum größten Exportumschlagbetrieb am Hamburger Hafen. Praktisch in alle Welt verschifft die Firma mittlerweile ihren Dünger.

Der wirtschaftliche Erfolg und das vergangene Kursfeuerwerk der K+S-Aktien würden dem wahrscheinlichsten Dax-Aufsteiger gleich zu einem beachtlichen Gewicht in dem wichtigsten Aktienindex der Frankfurter Börse verhelfen. Experten schätzen, dass K+S vom Start weg größeren Einfluss auf die künftige Dax-Entwicklung hätte als die etablierten Dax-Unternehmen Adidas  , BMW   oder Lufthansa  . Fragt sich nur, ob der Aufstieg in den Top-Index auch mit einem Kursschub belohnt wird.

"Die Bedeutung der Dax-Mitgliedschaft hat wegen der stark gestiegenen Zahl und Volumina von Derivaten und Indexfonds sehr zugenommen", sagt Commerzbank-Expertin Petra von Kerssenbrock. Allerdings decken sich indexorientierte Fondsmanager in der Regel schon weit vor dem offiziellen Datum der Anpassung mit den Titeln der Indexneulinge ein. Oftmals entwickeln sich die Kurse der Dax-Aufsteiger deshalb im letzten halben Jahr vor dem Wechsel besonders gut, haben Analysten immer wieder ermittelt.

Salzgitter kann noch hoffen

Deutliche Kursschübe sind also nicht mehr zu erwarten, selbst wenn das Vermögen der Indexfonds im ersten Halbjahr in Europa um zehn Prozent auf inzwischen knapp 100 Milliarden Euro gestiegen ist. Die Volatilität der K+S-Aktie hat ohnehin bereits in den vergangenen Monaten stark zugenommen, seit sich das Unternehmen von einem einst belächelten "Rentenpapier" zu einer veritablen Rohstoffwette gemausert hat.

Mit Kursschüben haben auch die Aktionäre des zweiten Dax-Kandidaten Erfahrungen gemacht: Seit Mitte des Jahres 2006 ist der Aktienkurs des Stahlunternehmens Salzgitter   von gut 30 auf aktuell mehr als 100 Euro gestiegen.

Nun ist die Gesellschaft schwer genug, um im Dax eventuell die Hypo Real Estate   zu verdrängen - und wieder würden sich die TUI-Aktionäre ärgern: Nicht nur, dass sich ihr eigenes Unternehmen sehr wahrscheinlich aus dem Dax verabschieden muss - jetzt steigt mit Salzgitter womöglich auch noch ein ehemaliges kleines Tochterunternehmen in die erste Börsenklasse auf, aus der die Ex-Konzernmutter gerade verbannt wird.

Denn TUI-Chef Michael Frenzel verkaufte Salzgitter im Jahr 1998 für rund 500 Millionen Euro, um sich mehr auf das Touristikgeschäft zu konzentrieren.

Im Rückblick ein äußerst schlechtes Timing: Heute ist Salzgitter dank des Stahlbooms an der Börse mehr als sechs Milliarden Euro wert, TUI selbst noch 3,3 Milliarden. Und das, obwohl TUI zwischenzeitlich noch eine Milliarde Euro mit einer Kapitalerhöhung eingenommen hatte, um die Schifffahrtsgesellschaft CP Ships zu kaufen.

Eine kleine Hoffnung bliebe den frustrierten TUI-Aktionären aber: Vielleicht schafft es die frühere Tochter ja doch nicht in den Leitindex.

"Zwar hat Salzgitter noch vor einem Monat die Dax-Kriterien Marktkapitalisierung und Börsenumsatz locker erfüllt, doch plötzlich schossen die Aktienkurse von EADS   und Infineon   in die Höhe, Fresenius   drückte zudem eine Kapitalerhöhung durch", sagt National-Bank-Analyst Manfred Jaisfeld. Damit rutschte Salzgitter auf Platz 31 der Marktkapitalisierungs-Rangliste. Im Dax ist aber nur für 30 Unternehmen Platz.