Weg verbaut - DER SPIEGEL
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GEWERKSCHAFTEN Weg verbaut

Per Gerichtsurteil will ein Gewerkschafter erzwingen, daß der Vorstand der IG Bau neu gewählt wird.
• aus DER SPIEGEL 2/1983
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Plattenleger Werner Röhm, 45, war mehr als 20 Jahre lang in der Schwäbischen Arbeiterbewegung aktiv. In der IG Bau-Steine-Erden (BSE) arbeitet er im Vorstand der Landesgruppe für Fliesenleger, in der Stuttgarter Fliesenfirma Stelzer KG ist Röhm Betriebsratsvorsitzender.

Doch seit kurzem - Röhm merkt es deutlich auf Baustellen und bei Gewerkschaftstreffen - gehen ihm viele Kollegen aus dem Weg. Manche, so stellt er bedauernd fest, sagen nicht mal mehr »Grüß Gott«.

Nicht nur unter Kollegen, sondern vor allem auch in der Gewerkschaftsführung hat sich Röhm unbeliebt gemacht. Röhm will sich nicht damit abfinden, daß »Macht vor Recht geht«, und das nehmen manche Funktionäre dem wackeren Schwaben übel.

Röhm wirft dem Vorstand seiner Organisation Machtmißbrauch und Manipulation vor. Vor dem Frankfurter Landgericht will er die Vorstandswahlen vom Oktober für ungültig erklären lassen.

Die Klage des Fliesenlegers bringt den neuen BSE-Chef Konrad Carl in arge Verlegenheit. Auf einer Sitzung des Gewerkschaftsbeirats mußte der Vorstand bereits zugeben, daß gegen Röhms Aktion wenig auszurichten sei. Um einen außerordentlichen Gewerkschaftstag zur Wiederholung der Wahlen komme die IG Bau wohl nicht herum.

Das wird zum einen teuer. Mindestens eine halbe Million Mark werde es kosten, so kalkulieren Gewerkschafter, die 360 Delegierten der IG Bau erneut zu versammeln.

Zum anderen aber hat die BSE-Führungsmannschaft die Gewerkschaften erneut in Verruf gebracht. Denn die mißliche Situation hat sie durch rüden Umgang mit unbequemen Andersdenkenden selbst verschuldet.

Mitte vergangenen Jahres war den BSE-Vorständlern zu Ohren gekommen, daß der Stuttgarter Bezirksleiter Gerhard Schramm auf dem bevorstehenden Gewerkschaftstag in der Frankfurter Alten Oper für den Vorstand kandidieren wollte. Diese Kandidatur behagte dem Funktionärskader jedoch überhaupt nicht - Schramm schien ihnen zu aggressiv und kompromißlos; er paßte nicht in die vorsichtige Strategie, die der scheidende Vorsitzende Rudolf Sperner festgelegt hatte (SPIEGEL 42/1982).

Doch Schramms Chancen für den Spitzenjob waren gut. Mit Sperner erreichten noch zwei weitere Vorstandsmitglieder die Pensionsgrenze; insgesamt drei Geschäftsbereiche waren deshalb neu zu vergeben.

Außerdem konnte kaum ein Kandidat so viele Erfolge vorzeigen wie der Mann aus Stuttgart. Während in den meisten Bezirken der Bau-Gewerkschaft die Funktionäre sich wegen davonlaufender Mitglieder sorgen, hat Schramm die Zahl der eingeschriebenen Kollegen in den zwölf Jahren seiner Amtszeit als Bezirksgeschäftsführer fast verdreifacht. Aggressiv, aber auch geschickt im Umgang mit den Arbeitgebern, hat Schramm den Ruf eines harten Interessenvertreters.

Für einen Gewerkschafter, meint Schramm, müsse es doch eine Selbstverständlichkeit sein, für seine Meinung zu kämpfen. Wenn jemand von diesem demokratischen Recht Gebrauch mache, dürfe er nicht gleich zum »fiesen Kerl« abgestempelt werden.

Um Schramm den Weg in den Vorstand zu verbauen, nahmen seine Gegenspieler, unter Sperners Anleitung, zu einer List Zuflucht. Sie ließen die Satzung ändern.

Dabei ging die Sperner-Riege so geschickt zu Werke, daß die meisten Delegierten auf dem Gewerkschaftstag ihr Spiel nicht durchschauten. Zunächst schafften sie auf Betreiben der Führung die bis dahin für Satzungsänderungen erforderliche Dreiviertel-Mehrheit ab. »Ab sofort« sollte für Satzungsänderungen eine einfache Mehrheit der Stimmen ausreichen.

Danach wurde der Vorstand von neun auf sieben Mitglieder verkleinert. Jetzt war nur noch ein Posten neu zu besetzen, und für den präsentierte die BSE-Führung einen ihr genehmen Kandidaten, den Landesvorsitzenden von Westfalen, Georg Voss.

Wem die Sympathien des Vorstands galten, konnten die Delegierten schon auf den Stimmzetteln ablesen. Der Name von Sperners Favorit war bereits auf den Zetteln mit ausgedruckt; den Namen des Oppositionellen Schramm mußten die Delegierten nachtragen - obwohl seine Kandidatur schon seit Monaten sicher war.

Voss erhielt dann auch doppelt soviel Stimmen wie Schramm.

Doch leider hatten die BSE-Führer bei ihren Winkelzügen eine wesentliche Bestimmung übersehen: Die Satzungsänderungen, mit denen sie dem Kandidaten Voss den Weg geebnet hatten, waren nicht rechtzeitig in der Tagesordnung für den Gewerkschaftstag angekündigt worden.

Hier haken nun die Anwälte von Schramms Stuttgarter Gefolgsmann Werner Röhm ein. Der Vorstand, so monieren die Juristen in ihrer Klageschrift, habe die Delegierten auf dem Gewerkschaftstag überrumpelt. Weil aber der Kongreß ohne rechtzeitige Ankündigung in der Tagesordnung die Satzung nicht habe ändern können, seien die entsprechenden Beschlüsse nichtig, die darauf folgenden Wahlen unwirksam.

Vor Ende Mai können die Richter nicht über die Klage entscheiden. So würde die Gewerkschaft völlig führungslos in die schon im Februar beginnende Tarifrunde schliddern.

Das aber will auch Gewerkschafter Röhm nicht: Seine Anwälte werden diese Woche beim Frankfurter Landgericht die Einsetzung eines Notvorstands beantragen.

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