Wegen Handy-Boom Die Telefonzelle stirbt aus
Hamburg - Selbst bei nüchternen Experten schwingt Wehmut mit, wenn sie an die Zukunft der Telefonzelle denken. "Man muss sich von lieb gewordenen Dingen lösen, wenn die Entwicklung weiter gegangen ist", sagt Manfred Herresthal, Vorsitzender des Deutschen Verbands für Post und Telekommunikation in Offenbach. "Es gibt keinen Bedarf mehr."
Rund hundert Jahre nach dem ersten öffentlichen "Fernsprech-Automaten" in Berlin hat das "große Zellensterben" eingesetzt, wie die "Zeit" bemerkte. "Die Telefonzelle ist ein sterbender Raum. Ein Opfer der mobilen Gesellschaft", schrieb die "Welt". Der große Vorteil des Handys ist fast zu banal, um ihn überhaupt zu nennen: Man hat es überall dabei. Für Telefonzellen hingegen scheint Murphys Gesetz zu gelten. Braucht man eine, findet man keine oder die falsche - ein Münz- oder Karten-Gerät, je nachdem, was man gerade nicht dabei hat.
Ein Stück Kulturgeschichte verschwindet. Wer erinnert sich nicht an den wolkenförmigen Aufkleber mit der Aufforderung "Ruf doch mal an"? Unruhig Wartende vor der Zelle, das zerfetzte Telefonbuch, der versonnene Blick beim Telefonieren, die hektische Suche nach Münzen - das ist der Stoff, aus dem kollektive Erinnerungen sind. Ganz abgesehen davon, dass Telefonzellen einer der Dauerbrenner waren, wenn es in Frauenzeitschriften um ungewöhnliche Orte für Sex oder in Krimi-Serien um einen Platz für ungestörte Erpressergespräche ging.
Das gelbe Häuschen gehörte zum Alltag - auch in der DDR. Bezahlt wurde dort mit Zwanzig-Pfennig-Münzen, Mogler versuchten ihr Glück mit fast wertlosen polnischen Zloty. Beliebt waren auch R-Gespräche, bei denen der Angerufene zahlte. "Wenn ich in den Urlaub fuhr, sagte meine Mutter immer, ruf an und mach ein R-Gespräch", erinnert sich eine 30 Jahre alte Berlinerin. Für viele waren die öffentlichen Geräte überhaupt die einzige Möglichkeit zu telefonieren, denn ein privater Anschluss galt in der DDR als Privileg.
Telefonieren in der Zelle haben die meisten Deutschen als Kind gelernt wie Radfahren oder dass man von Fremden keine Süßigkeiten annimmt. Mittlerweile hat jedoch rund jeder zweite Jugendliche ein Handy, manche sind so geübt, dass sie SMS tippen können, ohne das Handy aus der Hosentasche zu nehmen. Auch die meisten älteren Menschen hätten sich mittlerweile daran gewöhnt, dass es Handys gibt, bestätigt Manfred Herresthal vom Deutschen Verband für Post und Telekommunikation.
Durch den Nachholbedarf in der Ex-DDR war die Zahl der Zellen in den neunziger Jahren zunächst von rund 120.000 auf 165.000 gestiegen. Derzeit sind es allerdings nur noch 135.000 Telefonhäuschen - Tendenz fallend. Zwar betont ein Telekom-Sprecher, in den letzten zwei, drei Jahren sei die Zahl konstant geblieben. Doch Herresthal glaubt nicht daran: "Die werden auf jeden Fall weniger."
Wer braucht die öffentliche Telefonzelle noch? An Flughäfen und Bahnhöfen und auf Messegeländen werden sie wohl nicht verschwinden. Rentabel sind nach den Worten der Experten auch Geräte, an denen Touristen und Reisende mit der Kreditkarte zahlen. Die Telefonzellen in Dörfern lohnen sich oft nicht mehr, heißt es. Rund 1000 Mark kosten sie durchschnittlich im Monat, bei manchmal nur mageren fünf Mark Umsatz, wie ein Sprecher der Telekom erklärt.
So wird die "öffentliche Telefonie", wie es im Fachdeutsch heißt, neue Wege gehen müssen. Die Telekom setzt auf schlanke Edelstahlsäulen, die alle Zahlungsarten akzeptiert ("All-Payment-Funktion"), und das "TeleKiosk", mit dem man im Internet surfen und E-mails lesen kann.
Caroline Bock, dpa