ITALIEN Weiche Spaghetti
Der Betriebsrat von Alfa Romeo in Mailand tat die Idee als »reinen Wahnsinn« ab, und Franco Bentivogli, Sekretär der Metaller-Gewerkschaft FLM, witterte schon ein »abenteuerliches Manöver der Bosse zum Schaden der Arbeiter«.
Die Wahnsinnsidee: Pietro Sette, Präsident der Staatsholding In, hatte in einem Interview Ende Juli erklärt, er wolle das seit Jahren defizitäre Auto-Unternehmen Alfa Romeo, das der In gehört, am liebsten verkaufen. Das Interview löste, wie die Zeitung »La Repubblica« beobachtete, »ein wahres Erdbeben« im Bereich der kränkelnden italienischen Staatsbetriebe aus.
Zwar schwächten In- und Alfa-Manager die Worte des Vorsitzenden Sette sogleich ab: Das traditionsreiche Automobilwerk werde keinesfalls,, meistbietend versteigert«. Erwünscht sei vielmehr ein finanzstarker Beifahrer, der bei der Sanierung der angeschlagenen Firma helfe.
Doch die Gewerkschaften blieben höchst mißtrauisch. Denn zum einen wollen sie grundsätzlich jede Privatisierung oder Teil-Privatisierung von italienischen Staatsbetriehen verhindern, weil sie fürchten, ein privater Mitbesitzer werde Arbeitsplätze wegrationalisieren.
Zum anderen argwöhnen sie, Alfa Romeo könnte sich eng mit einem ausländischen Kfz-Produzenten -- etwa dem japanischen Honda-Werk -- verbünden, der dann seinerseits der italienischen Autobranche Konkurrenz macht. »Schon jetzt«, warnt die Gewerkschaft FLM, »haben die ausländischen Autohersteller einen Marktanteil von 33 Prozent in unserem Land erobert.«
Daß Alfa Romeo in der wohl schwersten Krise seiner Geschichte steckt, leugnen indes auch die Gewerkschaften nicht. Die Automobilfirma (Werbeslogan: »Die schönste Verbindung zwischen zwei Punkten ist ein Alfa Romeo") produziert mit der Tochterfirma Alfasud nur rund 200 000 Pkw pro Jahr -- obwohl mehr Alfas montiert und auch verkauft werden könnten.
Seit Anfang 1977 verbuchte der Konzern über 300 Milliarden Lire Verluste (670 Millionen DM). Bei jedem verkauften Wagen zahlt der Staatsbetrieb, also letztlich der Steuerzahler, umgerechnet 2300 Mark drauf.
Die Hauptursachen für die Konzern-Misere liegen im Alfasud-Werk, in Pomigliano d?Arco bei Neapel. Erst Anfang der 70er jahre gebaut, produziert diese modernste Autofabrik Italiens unter viel zu hohen Kosten, sie ist daher für die Mutterfirma »ein schwerer Klotz am Bein« (so ein Mailänder Alfa-Manager).
Die 15 000 Alfasud-Beschäftigten scheinen besonders anfällig für Krankheiten, und die Neigung zum Streik ist ausgeprägt. Bei TV-Übertragungen von Spielen der Fußball-Nationalmannschaft macht fast die Hälfte der Belegschaft blau, um nur ja die »partita«, das Spiel nicht zu versäumen. Nach Angaben der Firmenleitung ist im Schnitt ein Fünftel der Belegschaft abwesend, nach Zählung der Gewerkschaften sind es freilich »nur 14 Prozent«, da man die Streiks nicht mitrechnen dürfe.
Gestreikt wird bei Alfasud oft aus ganz geringfügigem Anlaß. Wenn es in einer Werkhalle zu heiß ist oder die Spaghetti in der Kantine zu weich gekocht sind, legen die Arbeiter erst einmal das Werkzeug beiseite.
Die Vertreter der großen Gewerkschaften, so scheint es, haben die Kontrolle weitgehend verloren. Erheblichen Einfluß übt dagegen die »camorra« aus, eine neapolitanische Spielart der Mafia. Die camorra entscheidet, klagen Alfasud-Insider, wann gearbeitet wird und wann nicht, wer einen Job kriegt und wer keinen.
Allerdings hemmen offenbar auch Fehlentscheidungen des Managements den Produktionsfluß. Oft sind Arbeitsgänge falsch geplant. So kommt es zu Engpässen in der Produktion, das Betriebsklima ist gespannt -- und die neuen Autos sind oft mangelhaft lackiert, so daß sie schon bald nach der Auslieferung zu rosten beginnen.
Zwei Drittel der Alfa-Romeo-Verluste entfallen auf Alfasud, aber auch ohne die betriebswirtschaftlich bankrotte Südtochter wäre der Mailänder Konzern bös in der Klemme. Die Holding Iri, die selber Schulden in astronomischer Höhe (rund 49 Milliarden Mark) hat, scheint nicht bereit, das Defizit der Autobauer weiter hinzunehmen oder die Rechnung einfach an den zuständigen römischen Minister weiterzureichen.
Alfa-Romeo-Chef Ettore Massacesi hielt deshalb schon seit geraumer Zeit nach einem potenten Partner Ausschau. Interesse an einer Beteiligung bei Alfa Romeo oder zumindest an gemeinsamen Projekten zeigte angeblich die Führungsspitze des japanischen Automobil- und Motorrad-Produzenten Honda. Die Japaner bauen bereits Motorräder in Italien.
Ein ausländischer Partner bei Alfa -- diese Perspektive schreckte außer den Gewerkschaften auch den Branchenführer Fiat auf, der im heimischen Markt ohnehin schwer gegen französische und deutsche Konkurrenz (Renault, Citroen, VW) ankämpfen muß. Alfa Romeo, fürchtet ein leitender Ingenieur. werde das »Trojanische Pferd«. mit dessen Hilfe ausländische Autobauer den italienischen Markt erobern können.
Das finanziell gesunde Turiner Großunternehmen, bei dem 1978 rund 1,3 Millionen Pkw vom Band rollten, könnte durch neue Gemeinschaftsprojekte dem kranken Bruder Alfa unter die Arme greifen. Voraussetzung: Der italienische Staat soll garantieren, daß sich bei Alfa Romeo kein ausländischer Konkurrent einnistet.
Schon jetzt bauen Fiat und Alfa Romeo gemeinsam Dieselmotoren in der Stadt Foggia, die Zusammenarbeit könnte auf andere Bereiche ausgedehnt werden. Aber Alfa-Manager Massacesi möchte sich viele Türen offenhalten. »Man könnte zum Beispiel«, sinniert er, »ein neues Automodell mit einem Partner entwickeln, den Wagen dann mit einem anderen produzieren und mit einem dritten Partner verkaufen.«
Von einer Teilprivatisierung der Staatsfirma wagten die Alfa- und In-Lenker Mitte vergangener Woche kaum noch zu reden. Gewerkschaften und Links-Parteien wollten darüber nicht einmal diskutieren. Eugenio Cazzaniga, Mitglied des Alfa-Romeo-Betriebsrats, spottete gar über Pietro Sette, der die Verkaufsidee lanciert hatte: »Der hat wohl einen Sonnenstich.«