»Weichen falsch gestellt« - DER SPIEGEL
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KONJUNKTUR »Weichen falsch gestellt«

Thomas Straubhaar, 44, Präsident des Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Archivs (HWWA), über die Aussichten für die Wirtschaft
• aus DER SPIEGEL 6/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Das Geschäftsklima hat sich laut Umfragen wieder verbessert. Ist das schon die Trendwende?

Straubhaar: Zumindest gibt es Anzeichen dafür, dass der Tiefpunkt erreicht ist und es im ersten Halbjahr nach oben geht.

SPIEGEL: Und danach?

Straubhaar: Die Bundesregierung erwartet in ihrem Jahreswirtschaftsbericht einen starken Aufschwung. Allerdings könnten wir schon froh sein, wenn wir über das Jahr hinweg 0,75 bis ein Prozent Wachstum erreichen.

SPIEGEL: Reicht das, um die Arbeitslosenzahl zu senken?

Straubhaar: Keinesfalls. Die Zahl dürfte im Jahresschnitt bei vier Millionen liegen. Deutschland benötigt weit mehr Wachstum als Dänemark oder die USA, um dieselben Beschäftigungseffekte zu erzielen wie diese Länder.

SPIEGEL: Was kann die Regierung tun, um die Konjunktur auf Trab zu bringen?

Straubhaar: Da hätte sie früher handeln müssen. Sie hat in ihrem ersten Jahr die Weichen falsch gestellt, das ist in einem halben Jahr nicht mehr zu korrigieren. Es dauert eben, bis Reformen, die wirklich helfen - ein durch Steuern finanziertes Sozialsystem zum Beispiel -, eingeführt sind und greifen. Auch der Staatshaushalt ist in einem so desolaten Zustand, dass es keine Handlungsspielräume gibt.

SPIEGEL: Wie passt da die Forderung der IG Metall von 6,5 Prozent mehr Lohn?

Straubhaar: Gar nicht. Die Obergrenze für den Lohnzuwachs endet mit dem Produktivitätzuwachs, also bei höchstens 2,5 Prozent. Nur wenn die Lohnerhöhung niedriger ausfällt, werden Arbeitsplätze erhalten oder, wenn es gut geht, sogar neue geschaffen.

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