KONJUNKTUR Weichen gestellt
Im Herrenhaus Buchholz zu Alfter bei Bonn störte ein Amtsbote beim Mittagessen. Den deutschen Konjunkturlenkern Hans Matthöfer (Finanz) und Otto Graf Lambsdorff (Wirtschaft), die ihren britischen Kollegen Sir Geoffrey Howe bewirteten, verdarb die Nachricht den Appetit: Die Bundesbank in Frankfurt hatte gerade den Leitzins erhöht -- gleich um einen Punkt auf sechs Prozent.
Auch der Bundeskanzler, bei dem die beiden Ökonomen nach Tisch Trost und Rat suchten, erschrak: Die Währungshüter vom Zentralbankrat hatten am Reformationstag die Weichen für einen wirtschaftspolitischen Kurswechsel gestellt.
Sie votierten, so Bundesbankpräsident Otmar Emminger, »für Stabilität« und, nicht ausgesprochen, gegen Wachstum. Für die Regierenden in Bonn ein Kurswechsel zur falschen Zeit: Ins Wahljahr 1980 steuert die Bundesbank auf Restriktionskurs, mit vorhersehbar schlechten Folgen für Arbeitsplätze und Wohlstand der Wähler.
Nur noch auf Resignation und Sarkasmus stieß in den Bonner Chefzimmern der Hinweis des Bundesbankpräsidenten, er sehe trotz Zinserhöhung »nicht die Gefahr, die Konjunktur abzuwürgen«. Genau dafür, so befürchten nicht nur Politiker, sondern auch Wirtschaftsexperten wie der Kieler Professor Norbert Walter, wird die Hochzinspolitik der Bundesbank sorgen.
Schon einmal, 1974, war es der Notenbank gelungen, die ökonomischen Weichen falsch zu stellen: Damals, gleich nach der ersten Ölkrise, betrieben die Konjunkturlenker eine Geldpolitik, bei der die Zinsen viel zu langsam nach unten gingen. Die schwerste Rezession der Nachkriegszeit war die Folge.
Diesmal steigen die Banker zu einem Zeitpunkt voll auf die Bremse, zu dem sich die bislang schnelle Fahrt des Konjunkturzugs ohnehin verlangsamt. Die Frankfurter Aktion scheint überflüssig; Nichtstun wäre besser.
Das wirtschaftliche Wachstum, derzeit noch auf dem stolzen Wert von 4,5 Prozent, vermindert nach Meinung aller Experten das Tempo schon ohne amtliches Zutun. Der Boom flaut ab.
Bei der deutschen Industrie gingen die Aufträge von Juli bis August um 3,5 Prozent zurück; die Bestellungen aus dem Ausland verringerten sich um 5,5 Prozent. Noch kräftiger -- um elf Prozent -- sackten im Sommer die ausländischen Orders für Investitionsgüter.
Noch signalisieren die Zahlen keinen dramatischen Einbruch. Aber sie markieren die Wende im bisherigen Aufwärtstrend, die von der Bundesbank schon im Frühjahr, damals aber eher vorsichtig, angesteuert wurde.
Seit dem Sommer wirken die Bremsinstrumente, mit denen die Bank-Strategen die Versorgung der Wirtschaft mit Geld beeinflussen: Ein Wachstum der Geldmenge -- in Barem oder auf Girokonten -- fand zuletzt nicht mehr statt. Geld wurde so knapp, daß Banken und Sparkassen schon Wertpapiere aus ihren Beständen verkaufen mußten, um flüssig zu bleiben.
Kein Wunder, daß unter diesen Umständen der Marktzins und der offizielle Diskont -- der Zinssatz, den die Bundesbank den Geschäftsbanken für Wechsel-Kredite berechnet -- schon längst weit auseinanderklaffen. Die Banken nahmen ihren Kunden zuletzt bis zu 10,5 Prozent, rund fünf Punkte über dem Diskont, ab -- und machten dabei goldene Schnitte. Doch Emminger irrt, wenn er den neuen Konjunkturkurs harmlos nur als »Anpassung an den Marktzins« beschönigt.
Seit 1. November wird das ohnehin knappe Geld noch teurer. Geschäftsbanken wie die Dresdner Bank annoncierten sogleich eine weitere Erhöhung der Sollzinsen. Der gleichzeitige Beschluß des Zentralbankrats, den Geldbestand aufzustocken und den Kreditinstituten -- über die Möglichkeit, mehr Wechsel bei der Bundesbank einzureichen (Rediskontkontingente) -- vier Milliarden Mark mehr anzubieten, ist eher lächerlich als wirksam.
Die Zentralbankräte wollten auch gar nicht en detail tätig werden. Sie suchten nur nach einem deutlichen Signal dafür, daß sie -- so Emminger -- »in ihrer Sorge um die Geldwertstabilität nicht lockerlassen« wollen.
Der löbliche Vorsatz, mit aller Kraft gegen Inflationsgefahren anzugehen, entspringt freilich einem Irrtum: Die derzeitige Preissteigerungsrate von 5,7 Prozent ist keineswegs, wie der Bundesbankchef behauptet, »im wesentlichen hausgemacht«. Dies ist sie höchstens zur Hälfte. Auf das Konto der seit Juli erhöhten Mehrwertsteuer gehen 0,7 bis ein Prozentpunkt; bis zu 1,5 Prozent sind Resultat der höheren Rohölpreise.
Zum größeren Teil aber erklärt sich die hohe Jahresrate mit der statistischen Zufälligkeit, daß einige repräsentative Waren, wie etwa Obst und Gemüse, im Spätsommer 1978 ungewöhnlich billig geworden waren.
Übers Jahr erscheint die Preissteigerung höher, weil die Basiszahl aus dem Vorjahr besonders niedrig ist. Zum Vergleich: Wird ein 100-Mark-Artikel während einer Werbeaktion um zehn Prozent ermäßigt für 90 Mark angeboten und danach für 110 Mark verkauft, dann ist er zehn Prozent teurer als der Katalogpreis, aber kostet 22 Prozent mehr als zu der Zeit, als das Sonderangebot lief.
Dieser »Basiseffekt« (Branchenjargon) entfällt Anfang nächsten Jahres, weil um die Jahreswende 1978/79 die Preise wieder angezogen haben. Bei allen Experten gilt dann -- sofern die Unternehmer bald wieder maßhalten -- eine Stabilisierung auf Werte um vier Prozent als sicher. Lambsdorff: »Die ungünstigsten Zahlen liegen bald hinter uns.«
Das käme nach Meinung der Bonner Chefokonomen noch früh genug, um den Gewerkschaften bei der nächsten Lohnrunde wieder Zurückhaltung abzuverlangen.
Doch das Risiko, die Arbeitnehmer könnten, mit Verweis auf die Teuerung, schon jetzt zu viel nachfordern, war den Bankern zu groß. Schon seit Wochen spielte Emminger Kassandra und warnte vor dem Auftauchen einer »Lohn-Preis-Spirale«, die außer ihm in letzter Zeit niemand hatte sehen können: Bei der letzten Tarifrunde waren die Gewerkschaften einsichtig und maßvoll wie selten.
Die Bonner trösten sich derweil mit der Hoffnung, daß der Zinsbeschluß vom Oktober-Ultimo die letzte Tat Otmar Emmingers gewesen sei -- er geht Silvester in Pension.
Allerdings, Emmingers Nachfolger Karl Otto Pöhl, Sozialdemokrat und einst Staatssekretär bei Helmut Schmidt, votierte mit der konservativen Mehrheit im Zentralbankrat.