Wein als Geldanlage: Erst probiert, dann investiert - DER SPIEGEL
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Wein als Geldanlage Erst probiert, dann investiert

Lafite-Rothschild, Margaux und Haut-Brion: An den Weinbörsen sind die Preise für besonders edle Tropfen in die Höhe geschossen. Luxus-Weine werden so zur lohnenden Geldanlage - nicht nur für Profis, sondern auch für Liebhaber.
Von Christopher Nachtweh
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Knapp 30.000 Euro kostet die Kiste mit zwölf Flaschen. Das sind fast 2.500 Euro pro Flasche oder rund 75 Euro für jeden Schluck. Der ist jedoch noch in weiter Ferne. Der Pétrus des Jahrgangs 2005 lagert noch bis ins Frühjahr 2008 in den Fässern des Châteaus. Erst dann wird er in die Flasche kommen, und erst dann steht fest, ob er halten wird, was sich Weinkenner von ihm versprechen.

Sie versprechen sich viel vom Bordeaux-Jahrgang 2005. Die Sommermonate waren sonnig und heiß, die Trauben voller Aroma. Es gab anders als im laufenden Jahr auch im Herbst keinen heftigen Regen, der Früchte hätte zerstören können.

Es ist nach 2000 und 2003 bereits der dritte Jahrgang des Jahrzehnts, der als Jahrhundert-Jahrgang gefeiert wird. Doch noch nie wurde ein höherer Preis für einen Bordeaux bezahlt, der noch gar nicht in der Flasche ist. Nur der Burgunder Romannée Conti des Jahrgangs 2003 war „en primeur“, also zum ersten möglichen Kauftermin vor der Flaschenabfüllung, noch teurer.

Gut das Zweieinhalbfache des Vorjahrespreises müssen Weinliebhaber für die 2005er-Kiste Bordeaux en primeur im Schnitt bezahlen. Die jüngsten Weine der Châteaus der besten Lagen – Latour, Lafite-Rothschild, Margaux, Mouton-Rothschild und Haut-Brion – kosten 254 bis 344 Prozent mehr als ihre Vorgänger aus dem Jahr 2004.

Nicht allein die 2005er brechen allerdings Preisrekorde. Für Spitzenweine älterer Jahrgänge wird ebenfalls mehr gezahlt als je zuvor. Der Leitindex für feine Weine der Londoner Internet-Weinbörse Liv-ex, der Liv-ex 100, hat im laufenden Jahr bis Oktober 43 Prozent zugelegt und damit die meisten Aktienmärkte geschlagen (siehe Grafik unten). Der Index bildet die Preisentwicklung von 100 größtenteils französischen Weinen der Jahrgänge 1982 bis 2003 ab.

„Es gibt viele neue Märkte, etwa Indien, China und vor allem Russland“, sagt Liv-ex-Chef James Miles zum rasanten Anstieg seines Index. „Die Oligarchen wollen einen 82er Lafite in ihren Learjets und auf ihren Yachten.“ Hinzu kommen immer mehr Reiche in der westlichen Welt, für die ein edler Wein im Keller einfach Prestige bedeutet.

Der Keller wird zum Portfolio

Neben der wachsenden Zahl von Superreichen gibt es einen weiteren Grund für den jungen Boom an den Weinbörsen und bei den Auktionshäusern von Sotheby’s und Christie’s, bei denen der Wert der ersteigerten Weine den des Vorjahres um 40 beziehungsweise 17 Prozent übertraf: Längst kaufen nicht mehr nur passionierte Weintrinker und der Geldadel die edlen Tropfen. Immer mehr institutionelle Investoren interessieren sich für Wein als Anlageklasse. Die Weine der Spitzenhäuser heißen heute Blue Chips, und Käufer unterscheiden zwischen „Investment Grade“ und „Consumption Grade“. Neben der Liv-ex gibt es die Weinbörse Uvine, und wer sich die Auswahl der Blue Chips nicht zutraut, kann auf eine wachsende Zahl von Fonds zurückgreifen.

Das gilt zumindest international. Während es in Deutschland nach einer Reihe von geschlossenen Fonds derzeit keine Beteiligungsmöglichkeiten gibt, entstehen anderswo neue Weinfonds. Anders als die Fonds deutscher Machart, die vielfach bessere Einkaufsgemeinschaften waren, sind britische und amerikanische Fonds hedge-fonds-ähnliche Konstrukte, die allein auf Rendite fokussiert sind. Investoren bekommen den Wein, in den die Fonds investieren, in der Regel nie zu Gesicht. Deutsche Fonds wie der Millennium Weinfonds der Guter Geschmack GmbH und die Vinum-Fonds von Blue Capital dagegen liefern die Flaschen am Ende der Fondslaufzeit aus. Einen weiteren Ertrag gibt es nicht.

„Noch ist das Volumen der Fonds mit rund 75 Millionen Euro relativ klein“, sagt Miles. Doch gerade sind mit dem Fine Wine Fund und dem Amphora Fine Wine Fund zwei neue Angebote auf den britischen Markt gekommen, in den USA startete jüngst der European Fine Wine Fund.

„Wein ist vollkommen unkorreliert mit allen anderen Asset-Klassen“, beschreibt Andrew della Casa einen der Vorzüge der Anlageklasse. Der Geschäftsführer des 2003 aufgelegten Londoner Wine Investment Fund: „Der zweite Grund für das steigende Interesse ist die Performance, die wir liefern. Sie liegt bei rund 2 Prozent pro Monat.“

"Am Anfang eines Bullenmarkts"

Die Fonds machen sich die wichtigste Eigenart des Weinmarkts zunutze: Das Angebot an Spitzenweinen ist endlich. Die Top-Châteaus können nur eine begrenzte Zahl von Flaschen produzieren. Weil über die Jahre ein Teil der Flaschen eines Jahrgangs getrunken wird, sinkt das Angebot weiter. Eine konstante Nachfrage nach Spitzenjahrgängen – in jüngerer Zeit 1982, 1986 und 1990 – treibt die Preise fast automatisch nach oben. „Der Seltenheitswert steigt. Wir glauben, dass die Preise für den 2005er die attraktive Bewertung älterer Jahrgänge nur unterstreichen“, sagt William Beck, der seit dem 21. August mit dem Fine Wine Fund auf dem Markt ist und bis Ende Oktober bereits 4,3 Prozent erwirtschaftet hat. Derzeit ist etwa ein 1990er Pétrus nicht teurer als ein 2005er – obwohl bereits die ein oder andere Flasche entkorkt wurde.

Auch Miles ist überzeugt, dass der Großteil feiner Weine nach wie vor attraktiv bewertet ist: „Abgesehen von einer sehr kleinen Gruppe von Insidern und ein paar Leuten, die den Weinmarkt seit Jahren verfolgen, hat noch kaum jemand gemerkt, dass es einen derartigen Aufschwung am Weinmarkt gibt. Es ist daher sehr wahrscheinlich, dass wir uns erst am Anfang eines Bullenmarkts befinden.“

Die Insider konzentrieren sich mit ihren Fonds auf die Weine aus wenigen Regionen. Fast ausschließlich Bordeaux landet in den Portfolios der Fonds, die in professionell geführten Kellern lagern. Hinzu kommen wenige Weine aus dem Burgund, einige Champagner und vereinzelt Weine aus der Toskana. „Nur Weine aus diesen Regionen haben eine konstante Qualität und einen ausreichenden Track Record“, sagt Mahesh Kumar, Autor des Buchs „Wine Investment for Portfolio Diversification“. Insbesondere Burgunder und Bordeaux überzeugten durch extrem lange Haltbarkeit. Gute Jahrgänge lassen sich nach 100 Jahren noch trinken.

Vor allem werden sie getrunken oder in den Kellern gelagert, wenn sich auf den Flaschen das richtige Etikett findet: Die Top-Performer unter den Weinen stammen großenteils von einem der fünf Châteaus, die in der bis heute gültigen Klassifizierung von Bordeaux-Weinen aus dem Jahr 1855 am höchsten bewertet werden, die sogenannten Premiers Crus. Hinzu kommen wenige längst etablierte Châteaus wie Ausone, Cheval Blanc, Le Pin und Pétrus.

Sie haben nicht nur einen guten Namen, sondern darüber hinaus fast ein Abonnement auf gute Noten des US-Weinexperten Robert Parker. Neben Jahrgang und Herkunft spielt dessen Meinung eine entscheidende Rolle dafür, ob sich ein Wein fürs Portfolio eignet. „Robert Parker gilt als Standard & Poor’s des Wein-Investments“, sagt Miles von der Liv-ex. Parker bewertet Weine auf einer Skala von 50 bis 100 Punkten. Obwohl seine Urteile in der Fachwelt höchst umstritten sind, bestimmen sie die Performance: Die 10 Prozent der Weine mit der besten Wertentwicklung an der Weinbörse Liv-ex haben eine durchschnittliche Bewertung von 97 Parker-Punkten.

„Stockpicking war in der Welt des Weins bislang keine großartige Wissenschaft“, kommentiert Miles die simplen Investmentregeln. Doch spätestens seit der immensen Wertentwicklung im laufenden Jahr dürfte es für Wein-Investoren schwieriger werden, einfache Schnäppchen zu machen.

Dem 2005er Pétrus beispielsweise, den er aus dem Fass bereits probiert hat, wird Parker nach der Abfüllung 96 bis 100 Punkte geben. „Sollte der Wein keine 100 Punkte bekommen, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass der Preis sinkt“, sagt Miles. „Es gibt immer diesen Hype um neue Bordeaux-Jahrgänge“, ergänzt Andrew Davison vom Vintage Wine Fund: „Ich werde meine Bank nicht verwetten, bevor ich den Wein probiert habe.“