Weißer Fleck - DER SPIEGEL
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VERSICHERUNGEN Weißer Fleck

Mit dem Versuch, die britische Versicherung Eagle Star aufzukaufen, beweist der Allianz-Konzern wieder einmal seine enorme Finanzkraft. *
• aus DER SPIEGEL 45/1983
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Zwei Jahre lang bemühte sich der Vorstand der Münchner Allianz-Versicherung um die Gunst eines britischen Adeligen. Sir Denis Mountain, Chef der Londoner Assekuranzfirma Eagle Star, sollte den Münchnern Zugang zum ertragsträchtigen englischen Versicherungsmarkt verschaffen.

Doch Sir Denis blieb hart. Obwohl die Allianz seit 1981 Hauptaktionär beim Eagle Star ist, lehnte der Brite jede Zusammenarbeit mit den Deutschen ab. »Ich sehe darin«, wiederholte er immer wieder, »keinerlei Vorteile.«

Mitte Oktober war es dann mit den Freundlichkeiten vorbei. Allianz-Chef Wolfgang Schieren begann, dem Briten die Macht der Allianz zu demonstrieren. Statt Verhandlungen sollte nun Deutsche Mark zum Ziel verhelfen.

Daß es dem Münchner Konzern daran nicht mangelt, zeigt das am 20. Oktober verkündete offizielle Übernahmeangebot: Bis zum 12. November ist die Allianz bereit, sämtliche Eagle-Star-Aktien zum Stückpreis von fünf Pfund zu übernehmen. Die gesamte Transaktion könnte die Münchner mithin mehr als zwei Milliarden Mark kosten.

Es war dies das höchste Übernahmeangebot in der britischen Geschichte. Sir Denis erklärte die Attacke der Deutschen zu einer »Angelegenheit von nationaler Bedeutung«. In ganzseitigen Zeitungsanzeigen warnte er die Aktionäre, auf das »lächerliche Angebot der Allianz« einzugehen.

Den Münchnern fiel es schwer, die Aufregung der Briten zu verstehen. Für sie war die Sache klar: »Wenn man katholisch ist, geht man nach Rom; wer in Versicherungen tätig ist, kommt nach London«, lautet der Glaubenssatz des Allianz-Vorstands.

Daß solch schlichte Weisheiten sofort in die Praxis umgesetzt werden können, macht wieder einmal die Ausnahmerolle der Allianz, zu der neben der Münchner Allianz Versicherungs-AG auch die in Stuttgart ansässige Allianz Lebensversicherung und die Münchner Rückversicherung gehören, in der internationalen Versicherungswirtschaft deutlich. Vermutlich kaum eine andere Versicherungsgruppe könnte es sich leisten, derart locker mit Milliardenbeträgen zu jonglieren.

Das 1890 in Berlin gegründete Unternehmen, das inzwischen ein Heer von fast 70 000 Mitarbeitern beschäftigt, hat sich in den Nachkriegsjahren zu einem der einflußreichsten Finanzimperien der Bundesrepublik entwickelt.

Allein die Münchner Allianz Versicherungs-AG kassierte im vergangenen Jahr fast 14 Milliarden Mark an Prämien. Aus ihren Kapitalanlagen fließen der Gesellschaft jährlich mehr als eine Milliarde Mark an Zinsen zu.

Selbst im Rezessionsjahr 1982, in dem auch die Versicherungsbranche nicht mehr so glänzend abschnitt, schaffte die Allianz einen Netto-Ertrag von 205 Millionen Mark. »Im Hinblick auf die erwartete und angestrebte Expansion« (Bilanzbericht) packte sie gut die Hälfte des Überschusses in die Rücklagen.

Seine Finanzkraft verdankt das Unternehmen nicht allein einer geschickten Geschäftspolitik. Für ordentliche Überschüsse sorgen vor allem die Kalkulationsvorschriften des Aufsichtsamts für das Versicherungswesen.

Damit die Versicherer für alle erdenklichen Krisenfälle gewappnet sind, erlauben die deutschen Aufseher der Branche satte Sicherheitsaufschläge bei der Prämienkalkulation. Da diese Gelder in aller Regel nicht benötigt werden, mehren sie allein den Reichtum der Konzerne.

Die Allianz nutzte die reichlich fließenden Überschüsse, um sich zahlreiche Firmenbeteiligungen zuzulegen. Die Münchner Konzernmutter ist an 36 anderen Versicherungen beteiligt, darunter an der Hamburg-Mannheimer, an der Deutschen Kranken-Versicherung, an der Karlsruher Leben und an der Bayerischen Versicherungsbank. Selbst bei äußerst vorsichtiger Schätzung beläuft sich der Wert dieser Assekuranz-Beteiligungen auf mehr als eine Milliarde Mark.

Noch gehaltvoller sind die übrigen Beteiligungen der Gruppe: Beim Chemiekonzern Beiersdorf hält die Allianz 32 Prozent der Aktien; außerdem ist sie bei Daimler-Benz, beim Maschinenbau-Konzern Gutehoffnungshütte, bei der Frankfurter Metallgesellschaft und bei der Bayerischen Hypotheken- und Wechselbank beteiligt.

In der Bilanz der Münchner Allianz, die Kapitalanlagen von 12,85 Milliarden Mark ausweist, stehen diese Firmenbeteiligungen mit nur 2,1 Milliarden Mark zu Buche. In Wahrheit, so haben Anlageexperten errechnet, beläuft sich ihr Wert auf fast acht Milliarden Mark.

Daneben hat die Allianz ihre Überschüsse aus dem Versicherungsgeschäft vor allem in Immobilien angelegt. Ihr gehören wertvolle Grundstücke in allen Regionen der Bundesrepublik und Ladenpassagen wie etwa das Hamburger »Hanse Viertel«. Würde die Aktie der Allianz-Versicherung den Wert all dieser Kapitalanlagen wiedergeben, so müßte ihr Kurs nach Meinung von Experten von jetzt etwa 800 Mark auf etwa das Doppelte steigen.

Das Geld der Versicherten ermöglichte den Assekurenz-Chefs, in den siebziger Jahren ihr Imperium immer weiter auszudehnen. Als in Deutschland nichts mehr zu holen war, weil schon jede fünfte Versicherungspolice von der Allianz kassiert wurde und das Kartellamt weitere Firmenbeteiligungen nicht mehr zulassen wollte, wich der Konzern ins Ausland aus.

Die Münchner übernahmen Konkurrenzunternehmen in Amerika, Australien, Südafrika und Brasilien. Allein den Kauf der beiden US-Gesellschaften Fidelity Union und Nalac ließ sich der Konzern rund eine halbe Milliarde Mark kosten.

Daneben errichtete die Allianz in den vergangenen Jahren eigene Niederlassungen in Frankreich, Italien, Spanien, Saudi-Arabien, Indonesien und Singapur. So stieg die Firma in den Siebzigern von einer nationalen Größe zu einer der bedeutendsten Versicherungen der Welt

auf. 1981 konnte Allianz-Chef Schieren voller Stolz seinen Aktionären verkünden: »Wir sind eines der größten Unternehmen dieses Erdballs.«

Ein bedeutendes Land zählt allerdings noch nicht zum Allianz-Reich: Großbritannien. In London, dem Sitz der Lloyd-Versicherer, betreibt die Allianz nur ein winziges Ein-Mann-Büro. Dabei gilt die britische Hauptstadt immer noch als einer der wichtigsten Plätze der Assekuranz, weil dort unter anderem viele große industrielle Versicherungskontrakte abgeschlossen werden.

Seit Jahren schon suchte Schieren deshalb die Anbindung an einen etablierten britischen Versicherer. Ein erster Versuch mit dem Branchenriesen Commercial Union scheiterte an den Monopolgesetzen; es war absehbar, daß die Kartell-Behörden eine Verbindung der beiden Giganten nicht genehmigen würden.

Ein zweiter Anlauf galt der zum Verkauf stehenden Cornhill-Versicherung. Doch die schnappte sich der britische Mischkonzern BTR.

Nun sollte im dritten Anlauf der Sprung auf die Insel geschafft werden. Die Vorbereitungen begannen bereits 1981. Mit einem »Angriff im Morgengrauen« ("The Times") ließ die Allianz an einem Junimorgen innerhalb von zehn Minuten gut 20 Millionen Eagle-Star-Aktien zum Stückpreis von 290 Pence aufkaufen.

»Schnell und planmäßig«, so Schieren, verlief auch die zweite Aktion. Bei einem sogenannten Tender offer erwarb die Allianz weitere 18 Millionen Aktien. Insgesamt mußte Schieren für die beiden Pakete 530 Millionen Mark ausgeben.

Dafür besaß die Allianz gut 28 Prozent der Eagle-Star-Anteile. Schieren konnte stolz verkünden, er sei »der einzige Großaktionär« bei einer Firma, die »von der Bonität her in Ordnung ist und unseren internationalen Interessen entgegenkommt«.

Doch der Münchner hatte die Rechnung ohne den Eagle-Star-Chef Mountain gemacht. Sir Denis, der Enkel des Firmengründers, wollte den Eindringlingen weder Sitze im Aufsichtsrat noch eine andere Art von Mitbestimmung einräumen. So mußte sich die Allianz bisher auf das Abkassieren der reichlich sprudelnden Dividende beschränken.

Daß der Versicherungskonzern sich damit auf Dauer nicht zufriedengeben würde, war klar. So kam denn, nachdem alle Kooperationsgespräche ohne rechten Erfolg geblieben waren, für Sir Denis die Kaufofferte der Deutschen nicht überraschend.

Eine Überraschung für beide Seiten war hingegen in der vergangenen Woche ein Gegenangebot des Mischkonzerns BAT Industries. Das mit einem Jahresumsatz von 46 Milliarden Mark drittgrößte Unternehmen in England will statt 500 Pence 575 Pence pro Aktie geben - insgesamt also fast 3,2 Milliarden Mark.

Das unerwartete BAT-Angebot veränderte die Allianz-Lage schlagartig. Es könnte den Münchnern den Einstieg auf dem britischen Markt zum Nulltarif ermöglichen.

Wenn die Allianz nämlich ihre zum Preis von 290 Pence gekauften Aktien für 575 Pence an die BAT weiterreicht, haben die Münchner innerhalb von zwei Jahren fast eine halbe Milliarde Mark an dem Kampf um Eagle Star gewonnen. Und damit, so meinen Experten, läßt sich allemal die Übernahme einer etwas kleineren britischen Assekuranzfirma bezahlen.

»Für uns«, meinte denn auch Ende vergangener Woche ein Allianz-Manager, »sind alle Möglichkeiten offen.«

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