FORSCHUNG Weit auseinander
Fast 200 Sonnentage im Jahr, den Lago Maggiore zu Füßen, die Schweizer Alpen im Rücken - die Forscher in der italienischen Ortschaft Ispra arbeiten in einer Landschaft, die für Urlaubsträume gemacht zu sein scheint.
In einem parkähnlichen Gelände liegen die Labors, Werkstätten und Institute des größten Forschungszentrums der Europäischen Gemeinschaft. Tennisplätze gibt es, eine gepflegte Kantine und ordentliche Gehälter. Durchschnittlich rund 9000 Mark netto verdient ein Wissenschaftler in Ispra, weitaus mehr als seine Kollegen in den nationalen Instituten.
In bemerkenswertem Kontrast zu diesen famosen Lebensverhältnissen steht offenkundig das Ergebnis der wissenschaftlichen Arbeit. Von den »1556 Drohnen am Lago Maggiore« schrieb das »Wall Street Journal«. Eine Gruppe von Industriemanagern, die im Auftrag der Brüsseler Kommission die Arbeit des Zentrums untersuchte, entdeckte schon 1986 mangelnde Effizienz und falsches Programm-Management. Geoffrey Pattie, damals britischer Minister für Informationstechnologie, schockte seine Kollegen im Ministerrat mit der Diagnose: »Die Arbeit der gemeinsamen Forschungsstelle ist völlig bedeutungslos.«
Das Institut in Ispra ist fast so alt wie die EG. Die Forschungsstätte sollte laut Euratom-Vertrag von 1957 »die Voraussetzungen für die Entwicklung einer mächtigen (europäischen) Kernindustrie schaffen«. Dazu ist es nie gekommen. Statt dessen wurde Ispra, das im vorigen Jahr 260 Millionen Mark aus der Europa-Kasse erhielt, zum Modellfall für europäisches Mißmanagement.
Das liegt nicht daran, daß die Euro-Forscher allzusehr die Annehmlichkeiten des Standorts genossen hätten. Verantwortlich für das Ispra-Debakel sind die nationalen Regierungen. Über Jahrzehnte hinweg zeigten sie sich unfähig, eine Einigung über gemeinsame Forschungsziele herbeizuführen.
Als sich 1968 herausstellte, daß der 30-Megawatt-Reaktor »Essor« in Ispra nicht konkurrenzfähig war, wußte niemand so recht, wie es mit dem Institut weitergehen sollte. Der deutsche Abteilungsleiter Helmut Holtbecker sagt heute: »Die Identitätskrise zieht sich seither wie ein rotes Band durch unsere Geschichte.«
Eine Schließung wäre damals nur konsequent gewesen. Deutschland, Frankreich und England trieben ihre Atomforschung eigenständig voran und hatten kaum Interesse an einer gemeinsamen Entwicklung.
Doch da sperrten sich vor allem die Italiener. Die Regierung in Rom war froh, ihr ehemaliges Versuchsgelände an die EG losgeschlagen zu haben. Den italienischen Wissenschaftlern ist Ispra zu weit abgelegen. Nun sorgten die hochdotierten Wissenschaftler und Verwaltungsangestellten aus Europa in der Region um Varese für schöne Umsätze.
Jahrelang feilschten Politiker und Bürokraten in Brüssel, um ein neues Programm für ihre gemeinsame Forschungsstelle zustande zu bringen. Ergebnis: Neben der Reaktorsicherheit sollte sich die Anstalt am Lago maggiore den nichtnuklearen Energien und dem Umweltschutz widmen.
Doch die Hoffnungen der Wissenschaftler auf kontinuierliche und interessante Aufgaben waren verfrüht. Die Forschung in Ispra war weiterhin von politischen Konjunkturen und nationalen Egoismen abhängig. Die Entwicklung des europäischen Reaktors Jet, der in Ispra hätte gebaut werden können, wurde auf Drängen der Briten ins englische Culham verlagert.
Der Plan der Ispra-Forscher, mit einem Großexperiment zur Simulierung von Reaktorunfällen (Super-Sara) dem Forschungszentrum eine führende Rolle in der Reaktorsicherheit zu verschaffen, scheiterte am Widerstand im Ministerrat. Abteilungsleiter Holtbecker: »Wir mußten uns Aufgaben suchen, die alle Mitgliedstaaten interessierten un niemand störten.«
Das ist ein nahezu aussichtsloses Unterfangen, zu weit liegen die Interessen der EG-Länder auseinander. Dänemark beispielsweiselehnt grundsätzlich jede Form der Kernenergie ab und zeigt viel Interesse für Umweltschutz-Forschung; Großbritannien andererseits hat wenig mit Umweltschutz und viel mit Kernenergie im Sinn.
Häufig genug einigten sich die Minister auf den kleinsten gemeinsamen Nenner und stießen einmal beschlossene Programme wieder um. So wurde nach vierjähriger Laufzeit die Erforschung von Wind- und Sonnenenergie zurückgedreht. Anfangs hatte es 80 Millionen Mark für dieses Projekt gegeben; nun sinkt das Budget für die umweltfreundliche Energiegewinnung bis 1991 auf 22 Millionen Mark. Von den 50 Solarexperten muß sich die Hälfte nach einer neuen Aufgabe umsehen.
Die Franzosen waren an Solarstrom nicht interessiert. Sie möchten den Strom aus ihren zahlreichen Atommeilern EG-weit exportieren, alternative Energiequellen könnten da stören.
Die nukleare Sicherheitsforschung ist eines der wenigen Felder, in dem die Ispra-Wissenschaftler international Anerkennung einheimsten. Sie wird ebenfalls drastisch eingeschränkt. Statt wie bisher 230 sollen nur noch 130 Physiker auf diesem Gebiet arbeiten - eine Konzession an die Dänen und an die Iren, die mangels eigener Reaktoren kein Interesse an größerer Sicherheit der Atommeiler aufbringen.
Weil die Projekte ständig wechseln, müssen die Wissenschaftler sich immer wieder in andere Bereiche einarbeiten: von der Kernkraft zur Solartechnik, von der Umwelt zur Fernerkundung. Entsprechend mickrig ist der wissenschaftliche Output des Zentrums. Im Durchschnitt publiziert jeder Ispra-Wissenschaftler nur einen Artikel pro Jahr. Ein Patent erhält er nur alle 14 Jahre.
Wenn die Experten aus Ispra Auskunft geben könnten, werden sie nicht gefragt. Nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl hätte das Zentrum vergleichbare Daten für die europaweite radioaktive Belastung liefern können. Doch Objektivität war nicht überall erwünscht, lieber besänftigten die Griechen oder die Franzosen beunruhigte Bürger mit geschönten Daten.
EG-typisch ist gewiß die Hingabe, mit der die Forschung bürokratisch begleitet wird. IN der Regel vergeht ein Jahr mit Diskussionen und Formalitäten, bis mit der Arbeit begonnen werden kann. Manche der Ispra-Forscher verbringen die Hälfte ihrer Zeit in den Brüsseler Amtsstuben, um ihre Projekte zu erläutern und voranzutreiben.
Das alles, zweifellos eine EG-typische Mißwirtschaft, soll nun gründlich anders werden, wenn man den Ankündigungen der Minister traut. Nach jahrelangem Gerangel liegt dem Ministerrat eine »neue Zielsetzung« vor. Sie gründet auf den Empfehlungen jenes Industriellen-Gremiums, das die Schwachstellen des zentrums analysiert hatte.
Mit der Aufteilung des schwerfälligen Zentrums in neun relativ selbständige Institute sollen das Management und die Entscheidungsabläufe erleichtert, außerdem soll dem Aufsichtsrat aus Intretern mehr Macht zugestanden werden.
Hundert Angestellte möchten die Ispra-Reformer in den Vorruhestand schicken, um Platz für Nachwuchs zu schaffen. Mit Zeitverträgen und Abordnungen aus nationalen Instituten soll für Bewegung beim wissenschaftlichen Personal gesorgt werden.
Die ganze Reform, so der Brüsseler Generaldirektor Jean-Pierre Contzen, mache freilich nur Sinn, wenn dem Zentrum »langfristig inhaltlich interessante Aufgaben« zugewiesen werden.
Auf drei Schwerpunkte soll sich die künftige Arbeit der Forschungsstelle konzentrieren: den Umweltschutz, die Sicherheitsforschung und -überwachung in der Industrie sowie die Kontrolle der gemeinsamen europäischen Qualitäts- und Sicherheitsstandards, die mit dem grenzfreien Binnenmarkt kommen sollen.
Es soll aber auch ein bißchen schwerer für das Personal am Lago Maggiore werden. 14 Prozent ihres Budgets müssen die Ispra-Manager künftig durch Auftragsforschung erwirtschaften.
Die marktwirtschaftlich orientierten Briten hatten auf dieser Neuerung bestanden.