Energie Weitere Abstriche
Eloquent vertritt Earl Ross die Interessen des amerikanischen Erdölindustrieverbands. Auf alle Fragen zum Energieverbrauch hat der Lobbyist eine einfache Antwort.
Daß die Amerikaner Energie verschwenden, ist für Ross einfach nicht wahr. Dauernd, schimpft er, würden die USA an Japan gemessen. »Da werden Äpfel mit Birnen verglichen.«
Jeder wisse doch, sagt der Mann vom American Petroleum Institute, daß die Häuser in Japan viel kleiner seien, die Wohnungen dort würden im Winter nur auf 15 Grad geheizt. Und die spritsparenden Autos aus dem Fernen Osten seien viel zu klein, um sicher zu sein.
Amerika, so meint der Industriemann, soll es auch weiter warm haben und gefahrlos Auto fahren. »Das ist eine Frage des Lebensstils.«
Ross mußte viele solcher Reden halten in diesen Tagen. Sein Verband, in dem etwa 300 Firmen der Ölindustrie organisiert sind, kämpft gegen die Steuer, die US-Präsident Clinton vom nächsten Jahr an für den Verbrauch von Öl, Gas oder Elektrizität verlangen will.
500 000 Arbeitsplätze würde die Energiesteuer vernichten, behauptet die Branche. »Die Steuer ist ein Jobkiller«, schimpft Verbandschef Jerry Jasinowski.
1650 Betriebe aller Branchen haben sich zur »Amerikanischen Energieallianz« zusammengeschlossen. Sie organisiert Briefkampagnen und telefonische Massenattacken auf die Vertreter des Repräsentantenhauses und des Senats. Die Volksvertreter sollen das Gefühl bekommen, daß die Wahlbürger die Steuer nicht wollen.
Die Energie müsse in den USA billig bleiben, erklärt Monica Lovell, Sprecherin des Industrieverbandes. »Wir müssen in den USA so viele Steuern bezahlen«, sagt sie. »Da ist es völlig in Ordnung, wenn die Energie billig ist.« In keinem anderen industrialisierten Land kostet Energie sowenig wie in den USA. Daran würde auch eine Energy Tax von Bill Clinton nicht viel ändern. Autofahrer müßten statt 54 etwa 57 Pfennig pro Liter Benzin bezahlen. Die monatliche Stromrechnung einer amerikanischen Durchschnittsfamilie würde gerade um 3,60 Mark ansteigen.
Selbst dazu wird es nicht kommen, denn die Lobbyisten hatten bereits bemerkenswerte Erfolge. Kaum hatte Clinton die Steuer vorgeschlagen, waren schon zahlreiche Ausnahmeregelungen im Gespräch. Die Farmer sollten nur einen verringerten Steuersatz zahlen müssen. Hausbesitzer aus dem Nordosten der USA wären von der Steuer verschont geblieben.
Clinton ist mittlerweile bereit, die Industrie ganz von der Steuer auszunehmen und nur noch Treibstoff für den Transport zu besteuern. Statt der geplanten Mehreinnahmen von 72 Milliarden Dollar werden maximal 40 Milliarden übrigbleiben. Die Anti-Energiesteuer-Koalition rechnet sich sogar Chancen aus, die umstrittene Steuer im Senat ganz ablehnen zu können.
Zwar hat Clintons Demokratische Partei im Senat die Mehrheit. Doch nicht alle demokratischen Senatoren können der Energiesteuer ihres Präsidenten Positives abgewinnen.
Die Umwelt hat in Amerika keine starke Lobby. Selbst Clinton hat mit Treibhauseffekt und Ressourcenschonung wenig im Sinn. Er will die Energie besteuern, weil er für seinen Haushalt dringend Milliarden braucht.
Doch vor allem aus ökologischen Gründen erscheint eine Wende in der amerikanischen Energiepolitik notwendig. Kein Land der industrialisierten Welt verbraucht soviel Strom, Gas oder Öl wie die USA - pro Kopf der Bevölkerung mehr als zweimal soviel wie die Westeuropäer und sogar sieben- bis achtmal soviel wie die Menschen in den Entwicklungsländern (siehe Grafik).
Die USA stellen nur fünf Prozent der Weltbevölkerung, aber sie sind verantwortlich für ein Viertel des Energieverbrauchs der Erde. Und das liegt wesentlich am exzessiven Autoverkehr. Mehr als ein Drittel der in den USA konsumierten Energie geht durch die Auspuffrohre von Autos und Dieselloks.
Kein Wunder: In den USA ist das Benzin konkurrenzlos billig, es kostet real heute nicht mehr als 1947.
Dabei gibt es auch im wachstumsverliebten Amerika durchaus Ansätze eines vernünftigen Umgangs mit Strom, Gas oder Öl. Amerikanische Stromversorger haben längst bewiesen, daß wirtschaftliches Wachstum auch ohne Mehrverbrauch an Energie möglich ist.
Fast die Hälfte des für das Jahr 2000 vorhergesagten Stromverbrauchs könnte nach den Erkenntnissen des den Stromversorgern gehörenden Electric Power Research Institute eingespart werden. Die Bürger müßten nicht einmal auf gewohnten Komfort verzichten.
Southern California Edison, einer der größten Stromanbieter der USA, bietet seinen Kunden schon seit 1978 Anreize, mit Wärmepumpen, besseren Kühlschränken oder effektiveren Klimaanlagen und Glühbirnen Strom zu sparen. Die Mühen zahlten sich aus. Das Unternehmen hat seine geplanten Kapazitäten um den Umfang mehrerer Kraftwerke und damit auch die Umweltbelastung erheblich verringert.
Wisconsin Electric, ein kleiner Stromanbieter, startete 1987 ein Sparprogramm; seitdem sank der Bedarf seiner Kunden um mehr als vier Prozent.
Daß Energiesparen auch Vorteile hat, haben auch die drei großen Autokonzerne der USA begriffen, sie haben sich in die große Anti-Energiesteuer-Lobby nicht eingereiht.
Die Autobauer aus Detroit können sich sogar sehr gut erhöhte Benzinpreise vorstellen. »Wir unterstützen die Energiesteuer, auch wenn sie die Unternehmen viel Geld kosten wird«, erklärt der General-Motors-Chef Jack Smith.
Wenn der Sprit teurer wird, können die Automobilkonzerne moderne spritsparende Autos wie den Geo Metro oder den Festiva von Ford verkaufen. Die verbrauchen nur rund fünf Liter Benzin auf 100 Kilometer.
Bisher sind solche Cityautos im Land der großen Städte nur schwer verkäuflich. Die Erklärung eines General-Motors-Sprechers: »Günstiger Benzinverbrauch ist bei den jetzigen Treibstoffpreisen kein wichtiges Kriterium beim Autokauf.«
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_121_ Energieverbrauch pro Kopf der Bevölkerung
_____ / Unterschiedlich entwickelte Regionen
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