Wellness-Marketing Brau-Rebell kippt Algen ins Bier
Potsdam - Wer fit und gesund bleiben möchte, soll nicht länger zu Gemüsesaft und Kräutertee verurteilt sein - zumindest wenn es nach einem findigen Brauer in Brandenburg geht. Im Zuge der Gesundheits-Welle plant die Klosterbrauerei Neuzelle ein "Anti-Aging-Bier" auf den Markt zu bringen.
Neben den üblichen Zutaten Hopfen, Gerstenmalz, Hefe und Wasser enthält das Getränk auch Zusatzstoffe, die aus der Wellness-Welt bekannt sind: die Süßwasser-Alge Spirulina, Sole-Wasser aus dem brandenburgischen Kurort Bad Sarow und so genannte "Flavonoide", Pflanzenauszüge, die von der Kosmetikindustrie unter anderem in Anti-Falten-Cremes einsetzt werden. Ähnlich wie probiotischer Joghurt im Magen unterstütze das "präbiotische" Spezialbier die Darmflora, heißt es in Neuzelle: "Also erst den Joghurt, dann das Bier." Weil das Anti-Aging-Bier aber auch Alkohol enthalte, sei es besser nur in Maßen zu genießen.
1991 hatte der gebürtige Bayer Helmut Fritsche die Brauerei Neuzelle für eine Million Mark von der Treuhand gekauft und rund 13 Millionen Mark investiert, um aus dem ehemaligen VEB eine Klosterbrauerei nach dem Vorbild von Andechs in seiner Heimat zu machen. Von Anfang an sah er seine Chance abseits der Allerweltsbiere.
Seine Strategie erwies sich als goldrichtig: Inzwischen verkauft die Brauerei Neuzelle rund 20 Sorten, vom Glühbier über ein Kirschbier bis zum Badebier, das über die Apotheken vertrieben wird und auch äußerlich angewendet werden kann. Ein Teil der Jahresproduktion in Höhe von 40.000 Hektolitern wird bis nach Korea und in die USA exportiert. Für das Jungbrunnen-Bier habe sich bereits ein Betreiber von Altersheimen in der Schweiz interessiert, heißt es in Neuzelle.
Doch wenn Brauerei-Chef Helmut Fritsche sein neues Produkt ab Freitag auf der Grünen Woche vorstellt, geht ein auch alter Streit in eine neue Runde. Denn seit 1993 das Deutsche Reinheitsgebot auch in den Neuen Bundesländer wieder gilt, liegt der Brauereichef mit dem Land Brandenburg im Clinch. Weil er seinem Verkaufsschlager "Schwarzer Abt" einen Zuckersirup zusetzt, hatte das Landwirtschaftsministerium dem ehemaligen AEG-Manager verboten, es als "Bier" zu verkaufen. Wegen der Algen und Salze im Anti-Aging-Bier erwartet Fritsche jetzt neuen Ärger.
Die Bezeichnung "Bier" ist in Deutschland Getränken vorbehalten, die gemäß dem Bayerischen Reinheitsgebot gebraut werden. Ausnahmen gelten nur für Traditionsbiere, die seit Jahrhunderten nach überliefertem Rezept brauten. Auch ausländische Brauereien dürfen Biere mit Zusatzstoffen brauen und in Deutschland verkaufen.
Mit dieser Regelung wollten die deutschen Brauer ursprünglich den Ruf ihrer Marken schützen. Doch dem Reinheitsgebot von 1516 - immerhin das älteste Lebensmittelrecht der Welt - stellt Fritsche seine eigene Definition entgegen: "Was wie Bier riecht und wie Bier schmeckt, sollte auch Bier heißen".
Im Übrigen, so klagt Fritsche bedeute die engherzige Auslegung des Reinheitsgebots eine Diskriminierung gegenüber der Konkurrenz aus dem Ausland. Würde er drei Kilometer weiter östlich in Polen brauen, wäre der Verkauf unter der Bezeichnung "Bier" in Deutschland legal. In einem Verfahren vor dem Verwaltungsgericht Frankfurt (Oder) will Fritsche deshalb eine Ausnahmegenehmigung erstreiten. Eine Entscheidung wird in diesen Tagen erwartet.
Sollte sie nicht zu seinen Gunsten ausfallen, hat Fritsche schon einer Sprungrevision zugestimmt - dann geht der Fall direkt vors Bundesverwaltungsgericht, wegen seiner grundsätzlichen Bedeutung für die Rechtsprechung. Fritsche ist zuversichtlich, dass er am Ende Recht bekommt: "Notfalls gehe ich bis vor das Bundesverfassungsgericht".
Erich Dederich, Geschäftsführer des Deutschen Brauerbundes, steht dem Rechtsstreit dagegen skeptisch gegenüber: "Wir sind hier doch nicht bei Asterix und Obelix. Ganz Deutschland braut nach dem Reinheitsgebot, nur eine kleine Brauerei in Brandenburg tut noch was anderes in ihr Bier." Er hält den Brandenburger Bierkrieg eher für eine geschickte Marketing-Strategie.
Einen Nachweis, dass das "Anti-Aging-Bier" tatsächlich die menschliche Alterung verzögert, kann Fritsche nicht liefert. Die Entwicklung des Getränks ließ der findige Brauer allerdings von Brandenburger Instituten wissenschaftlich begleiten - mit Fördermitteln des Landes.