Weltbauernpräsident: "Der Preisanstieg war notwendig" - DER SPIEGEL
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Weltbauernpräsident "Der Preisanstieg war notwendig"

Den drastischen Preisanstieg für Lebensmittel sieht Weltbauernpräsident Jack Wilkinson als dringend notwendige Korrektur. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE plädiert er für eine Wiederherstellung der regionalen Märkte und wehrt sich gegen die Verteufelung von Subventionen und Energiepflanzen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE: Herr Wilkinson. Wen vertreten Sie eigentlich? Es liegt auf der Hand, dass ein afrikanischer Kleinbauer ganz andere Interessen hat als ein industrieller Agrarbetrieb in den USA.

Jack Wilkinson: Agrarkonzerne gehören dem IFAP nicht an. Wir vertreten die nationalen Bauernverbände der Mitgliedsländer. Ein Drittel davon kommt aus dem Industriestaaten, zwei Drittel aus den Entwicklungsländern. Das ist schon ein sehr breites Spektrum.

SPIEGEL ONLINE: Bei einer solchen Zusammensetzung müssten Sie doch eher die Interessen der Kleinbauern vertreten - und sich für die Abschaffung der Subventionen für die Großbetriebe einsetzen.

Wilkinson: Hier muss man unterscheiden: Die Abschaffung von Export-Subventionen fordern wir seit langem. Sogar die Europäer in unseren Reihen sind der Meinung, dass sich da etwas ändern muss. Dass solche Subventionen für die Kleinbauern speziell in der Dritten Welt, aber auch in den Industriestaaten verheerende Folgen haben, darüber herrscht Konsens. Nicht zuletzt deshalb fordern europäische Bauernverbände auch seit langem von den Industriestaaten, Zölle für die Einfuhr von landwirtschaftlichen Produkten abzuschaffen. Grundsätzlich aber können Subventionen sinnvoll sein - sie dürfen nur nicht anderen Bauern schaden.

SPIEGEL ONLINE: An welche denken Sie dann da? An die der EU im Rahmen der gemeinschaftlichen Agrarpolitik?

Wilkinson: Es wäre falsch, Subventionen prinzipiell zu brandmarken, denn einige sind sehr sinnvoll. Sie dienen zum Beispiel dem Umweltschutz, wenn Bauern in Europa und Nordamerika dafür bezahlt werden, Land brachliegen zu lassen. Das ist von großer Bedeutung für eine nachhaltige Landwirtschaft und Artenvielfalt. Wenn keine Subventionen fließen würden, wäre diese Form des Umweltschutzes gar nicht möglich.

SPIEGEL ONLINE: Derzeit kämpft der deutsche Verbandspräsident Gert Sonnleitner um jede Subvention, um seine Bauern vor Einkommensverlusten schützen. Dabei zielt er nicht nur auf die von Ihnen beschriebenen sinnvollen Subventionen ab.

Wilkinson: Wenn staatliche Unterstützung das Einkommen der Bauern aufbessert, muss es nicht gleich den Farmern in den Entwicklungsländern schaden. Probleme entstehen nur, wenn sie zu Überproduktion führt, die dann weltweit zu Dumpingpreisen auf den Markt gebracht wird. Dann nämlich rauben sie den Bauern in Afrika oder Lateinamerika die Existenz. Die EU berücksichtigt diesen Faktor in ihrer Agrarpolitik allerdings schon seit langem. Berichterstatter und Ökonomen haben sich bislang nur nicht die Mühe gemacht, die Änderungen zur Kenntnis zu nehmen. Es ist wohl einfacher, althergebrachte Vorurteile zu pflegen.

SPIEGEL ONLINE: Den Entwicklungsländern hat der neue Kurs bislang offensichtlich nicht geholfen. Sie haben im Gegenteil mit dem extremen Anstieg der Lebensmittelpreise zu kämpfen.

Wilkinson: Jetzt sind die Regierungen in Afrika und auch in den Industriestaaten plötzlich besorgt wegen der armen Bevölkerung in den Städten. Sie sollten lieber Rahmenbedingungen schaffen, dass die Bauern, jetzt wo sie endlich in diesem Jahrzehnt kostendeckend arbeiten können, investieren und ihre Produktion ausbauen. Dann könnten sie ihre Bevölkerung ernähren. Wichtig wäre in diesem Zusammenhang, dass die regionalen Märkte gestärkt werden. Das dürfte speziell den kleinen Betrieben helfen, mehr zu verkaufen.

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen, dass steigende Lebensmittelpreise kein Problem darstellen, so wie es in den vergangenen Monaten überall beschrieben worden ist?

Wilkinson: Es kommt auf die Balance an. Die Bauern müssen genug verdienen, um ihre Betriebe führen zu können und natürlich auch davon zu leben. Auf der anderen Seite müssen die Preise so niedrig sein, dass die Konsumenten sie bezahlen können. Grundsätzlich war ein Preisanstieg aber notwendig. In den vergangenen Monaten haben die Märkte aber etwas überreagiert, weil das Angebot in einigen Bereichen überraschend knapp wurde.

SPIEGEL ONLINE: Die Preisexplosion - im vergangenen Jahr verteuerte sich allein der Reis um 80 Prozent - war also nur das Ergebnis einer notwendigen Korrektur?

Wilkinson: Jahrelang boten die niedrigen Preise den Bauern kaum Anreiz, wesentlich mehr zu produzieren, als für den Eigenbedarf notwendig war. Das aktuelle Preisniveau macht Investitionen jetzt interessant, und es führt nebenbei zu einer wesentlich effizienteren Produktion.

Damit lassen sich auch noch andere Probleme lösen. In vielen Ländern geht bis zu 30 Prozent der Ernte verloren, weil zum Beispiel geeignete Lager und Transportmöglichkeiten fehlen. Dieser Verlust ließe sich mit geringem Aufwand vermeiden. Und das wäre zweifelsohne besser, als durch die Abholzung von Wäldern zusätzliche Ackerfläche zu schaffen, um den Verlust zu kompensieren.

SPIEGEL ONLINE: Sie reden so, als ob der drastische Preisanstieg nur eine schlichte Bewegung des Marktes ist und nichts, worüber man sich Sorgen machen müsste.

Wilkinson: Im Gegenteil. Man sollte die Entwicklung als Weckruf begreifen. Von 53 Staaten in Afrika sind lediglich drei in der Lage, so viele Nahrungsmittel zu produzieren, dass etwas für den Export übrig bleibt. Dass dort 250 Millionen Menschen unterernährt sind, ist der Skandal. Und die Herausforderungen werden eher noch wachsen, allein wegen des Klimawandels und der zunehmenden Wasserknappheit. Dabei erfordert schon das Bevölkerungswachstum eine Steigerung der Lebensmittelproduktion um jährlich vier Prozent.

Warum die Lebensmittelpreise so hoch sind

SPIEGEL ONLINE: Ist es angesichts der wachsenden Weltbevölkerung und schrumpfender Wasservorräte vertretbar, immer mehr Anbaufläche für Energiepflanzen zu reservieren?

Wilkinson: Energiepflanzen schaffen zugegebenermaßen zusätzliche Probleme. Aber es ist unfair, wenn einige NGO sagen, die Welt wäre in Ordnung, wenn es nur den Biosprit nicht gäbe. Natürlich kann man die Frage stellen, ob Ackerfläche für etwas anderes zur Verfügung stehen sollte als für die Produktion von Lebensmitteln. Aber dann dürfen die Energiepflanzen nicht als einzige am Pranger stehen. Immerhin stellen Staaten wie Uruguay, Chile oder Argentinien Ackerfläche zur Verfügung, um Bäume großzuziehen. Wenn Sie so wollen, könnte man sogar die Produktion von Hopfen für Bier in Frage stellen. Aber im Ernst: Es ist Mode geworden, den Anbau von Energiepflanzen zu verteufeln, doch damit wird man dem Problem nicht gerecht.

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie von der Idee, die Welternährungsbank einzusetzen, um die Verteilung von Nahrungsmitteln zentral zu koordinieren und so den Mangel in einer Region mit Überschüssen in einer anderen auszugleichen?

Wilkinson: Ein Reglement solcher Art hatten wir schon einmal. In Europa wurde über Jahre hinweg Ackerfläche stillgelegt, um Überschüsse abzubauen. In den USA kaufte die Regierung zigtonnenweise Nahrungsmittel auf, um sie für schlechte Zeiten zurückzulegen. Das Ganze brachte mehr Schaden als Nutzen. Die Nahrungsmittel aus den US-Lagern wurden schließlich als Teil des Welternährungsprogramms nach Afrika transportiert und verdarben auf den örtlichen Märkten die Preise und vernichteten bäuerliche Existenzen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sonst soll der Hunger besiegt werden?

Wilkinson: Geben Sie den Bauern die Möglichkeit, effektiv zu produzieren. Schaffen Sie eine Infrastruktur, die es den Bauern erlaubt, ihre Produkte zu erträglichen Kosten auf die Märkte zu bringen - und erlauben Sie ihnen, dafür einen fairen Preis zu nehmen.

Das Gespräch führten Susanne Amann, Charles Hawley und Michael Kröger.

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