Weltkonjunktur 2007 Wer gewinnt, wer verliert
Hamburg - Die Aussichten für die Weltwirtschaft 2007 sind eindeutig: Die Asiaten bleiben der Wachstumsmotor in der globalen Ökonomie - gefolgt von Russland und Lateinamerika. Die herausragende Rolle der US-Wirtschaft, jahrelang unangefochten an der Spitze, wird kleiner. "Die USA werden insgesamt eher langsamer laufen. Das hat Auswirkungen auf die Weltkonjunktur", sagt Joachim Scheide, Leiter der Prognoseabteilung des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel. China und Indien werden hingegen wieder kräftig wachsen: "Wachstumsraten von acht bis zehn Prozent sind möglich."
Schon Ökonomen der Weltbank hatten sich in diesen Tagen rund ein Dutzend asiatischer Länder für eine genauere Untersuchung vorgeknöpft. Das Ergebnis: Um stolze 7,8 Prozent wird die Wirtschaft in Ostasien allein in diesem Jahr zulegen. Das ist das zweitgrößte Plus innerhalb von fünf Jahren in der Region. Dabei strotzt mal wieder China vor Kraft und hängt die anderen Länder ab. Auf Platz zwei: das viel kleinere, aber ebenso schnell aufstrebende Vietnam. Auch Indonesien, Singapur, Hongkong, Taiwan und die Philippinen tragen zu der beachtlichen Wirtschaftsleistung bei. China liegt derzeit auch im Weltvergleich vorn - kein Wunder bei zehn Prozent Wachstum im Jahr. Der Internationale Währungsfonds (IWF) prognostiziert für Europa lediglich zwei Prozent. In den USA sollen es immerhin rund 2,5 Prozent sein.
"Soft Landing" für die Weltwirtschaft
Das weltweite Wirtschaftswachstum werde sich 2007 zwar etwas "verlangsamen und unter fünf Prozent liegen", sagt IfW-Konjunkturforscher Scheide. "2007 wird aber immer noch ein gutes Jahr sein." Die Weltwirtschaft lege ein soft landing hin - eine sanfte Landung. Es gebe zwar etwas weniger Wachstum als 2006, aber die Preise würden nicht übermäßig zulegen. Daher seien die Notenbanken auch nicht gezwungen, die Zinsen in die Höhe zu schrauben - was zur Folge hätte, dass der Aufschwung schnell abgewürgt würde.
Nach Scheides Einschätzung sind nicht nur die Aussichten in Asien gut, sondern vor allem auch in Südamerika. "Argentinien hat hohe Zuwachsraten, das wird weitergehen." Vor einigen Jahren steckte das Land noch in einer tiefen Krise - inzwischen hat es über acht Prozent Wachstum, es profitiert von steigenden Löhnen und sinkender Arbeitslosigkeit. Den Ländern in Südamerika kommen die hohen Rohstoffpreise zugute: Die Ölexporteure haben wegen der gestiegenen Ölpreise zuletzt besonders gut verdient.
Aber auch Eisenerz hat die Exporterlöse von Ländern wie Brasilien in die Höhe schnellen lassen. Der IWF ist optimistisch und sagt für Brasilien für 2007 eine Wachstumsrate von vier Prozent voraus. Eric Thode, Ökonom bei der Bertelsmann-Stiftung, erwartet ein weiteres Vorpreschen der südamerikanischen Länder: "Brasilien hatte lange Zeit eine miserable Wirtschaftspolitik. Doch die Reformen zeigen Wirkung." Auch wenn Brasilien natürlich nicht an Wachstumsraten wie in China, Indien und Russland herankomme.
ZEW-Indikator sinkt auf niedrigsten Stand seit 13 Jahren
In Europa glänzen gerade die östlichen Staaten: "Länder in Osteuropa wie die Slowakei stehen auch gut da", sagt Thode. In Deutschland sind so hohe Wachstumsraten wie in den Boom-Regionen schon lange kein Thema mehr. Das klappt nur in Aufholphasen - in Deutschland zuletzt nach dem Zweiten Weltkrieg. Asiatische Boomländer hingegen öffnen sich immer stärker für den Weltmarkt und haben dementsprechend hohe Steigerungsraten. Aber auch in Deutschland müssen die Konjunkturforscher in jüngster Zeit wiederholt ihre Zahlen nach oben korrigieren. So revidierte gestern das Statistische Bundesamt die Daten zum Wirtschaftswachstum für die ersten sechs Monate. Die Konjunktur wuchs hierzulande so stark wie seit dem Jahr 2000 nicht mehr.
Von dem weltweiten Wirtschaftsaufschwung werde auch Deutschland profitieren, zum Beispiel durch die hohe Exportnachfrage, sagt Thode. "Aber das Land noch läuft ein bisschen hinterher." So konnte Deutschland in einem internationalen Standortranking der Bertelsmann-Stiftung "leichte Fortschritte erzielen, aber es hat immer noch viele strukturelle Defizite". Fraglich ist Thode zufolge, ob sich Deutschland wirklich schon auf dem "langfristigen Wachstumspfad" befindet. Trotz der vielen Reformen gebe es immer noch zu viele Arbeitslose - der bisherige Aufschwung sei eben nur "konjunkturell bedingt".
Außerdem wird im kommenden Jahr in Deutschland die Mehrwertsteuererhöhung das Wirtschaftswachstum erst mal wieder bremsen: "Konsens ist, dass es zu einer Delle kommt", sagt IfW-Konjunkturexperte Scheide. "Die Frage ist nur, wie es danach weitergeht."
So stellen auch neue Daten des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) ein großes Fragezeichen hinter die ökonomische Leistung in Deutschland. Die vom ZEW befragten Finanzmarktexperten schätzten zwar die aktuelle Wirtschaftslage so gut ein wie seit Ende 1991 nicht mehr. Doch der ZEW-Konjunkturindikator sank auf den niedrigsten Stand seit 13 Jahren. Einziger Trost: Die ZEW-Experten glauben nicht, dass es noch weiter bergab geht.