Weltkrise privat Gemeinde-Fasching in Zuffenhausen
Wendelin Wiedeking schmeißt hin. Nein, er bleibt. Nein, er fliegt raus. So ging das am Mittwochabend hin und her. In einer Woche soll es bei der Porsche-Aufsichtsratssitzung ohnehin um alles gehen - zum gefühlten zwanzigsten Mal dieses Jahr.
Angeblich kümmert sich die Firma neben der liebevollen Pflege des eigenen Existenzkampfes und der Zukunft ihres Vorstandschefs auch noch um den Bau von Autos. Aber das ist sicher nur ein böses Gerücht, gestreut von Verleumdern, die aus Wiedekings Sicht mittlerweile überall lauern.
Alle wollen ihn erledigen: VW und IG Metall und Ministerpräsident Christian Wulff genauso wie Opus Dei und Lord Voldemort und Kim Jong Il, aber er lässt sich nicht kleinkriegen, ooh nein, denn er hat vorgesorgt, ooh ja, weil alle einsteigen wollen bei Porsche, nicht nur der Emir von Katar, hahaa, sondern auch Warren Buffet und der Vatikan und Brad Pitt, und neulich erst kam ein Blankoscheck mit der Post, einfach so, und aus Unternehmenskreisen sickerte gerade durch, dass ein handschriftliches Testament aufgetaucht ist in deutscher Sprache von Michael Jackson, der darin all sein Geld Porsche vermachen wollte wie so viele andere vom Maharadscha von Dingsbums bis zum König von Lummerland, ein Fingerschnippen und die stehen bei ihm in Zuffenhausen aber sowas von stramm, da muss er nur mal, ja eben genau, mit dem Finger schnippen und dannistderladenabersowasvongerettet!
Sagen wir so: Manche haben sich schon wegen geringfügigerer Malaisen in psychiatrische Behandlung begeben. Aber hinter Chef und Firma liegen auch dramatische Ereignisse, die man wie fast alles im Leben auf wenige Zeilen reduzieren kann: Die goldenen Zeiten sind lange vorbei, als selbst James Dean am liebsten in einem Porsche tödlich verunglückte.
Dann ging es der Firma eine Weile nicht so gut. Dann wurde Wiedeking Vorstandschef. Dann war Porsche gerettet und plötzlich noch viel reicher als die Leute, die sich welche kauften. Dann wollte Wiedeking plötzlich VW übernehmen, was bei VW nicht so gut ankam. Dann sah es trotzdem ein paar Monate lang so aus, als könnten er und sein Finanzvorstand die Wolfsburger quasi ihren eigenen Verkauf bezahlen lassen. Dann durfte zwischendurch auch noch ihr Betriebsratschef auftreten, ein lustiger Thaiboxer mit einem Kopf wie ein christbaumkugeliger Formschinken und einem Cayenne als Firmenwagen.
Alle drei passten wundervoll zum Image der integren, leisen und bescheidenen schwäbischen Sportwagen-Schmiede. Kaum zu glauben, aber wahr: Dieses Trio aus abwägend-feinnervigen Diplomaten, deren zweiter Vorname "Zurückhaltung" ist, hat sich am Ende verhoben.
Jetzt ist wahrscheinlich auch deshalb Schluss, weil im Fall Porsche alle Sprachspiele ausgereizt sind: Die drei Turbo-Kapitalisten wurden wahlweise aus der Kurve getragen, ausgebremst oder gerieten wenigstens ins Schleudern, wenn nicht gleich unter die Räder und natürlich mit Vollgas ins Abseits. Dabei haben sie alles gegeben.
Bislang nicht unbekanntes Bildmaterial (siehe oben) legt den Verdacht nahe: Wiedeking hat beim letzten Zuffenhausener Gemeinde-Fasching sogar ein paar Bettlaken und wiederverwendbare Schnurrbärte mitgehen lassen, um sich als Scheich von Katar zu verkleiden und als Investor ins Gespräch zu bringen. Er war schon ein Teufelskerl!
"War". Genauso wie er mal das große Kraftwerk der deutschen Autoindustrie war. Jetzt ist er ihr Krümmel. Seine Strahlkraft hat doch arg gelitten. Über Wiedekings Restlaufzeit wird verhandelt. Eines wird er für sich bestimmt noch raushandeln: eine gute Abwrackprämie.