Weltkrise privat Grün ist nicht grün
Nicht alles, was grün daher kommt, ist ein iranischer Freiheitskämpfer. Wenn man etwa in Berlin von einer schreienden Frau belästigt wird, die wirr guckt und lustige Wallegewänder trägt, handelt es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um Claudia Roth. Sie ist eine von gefühlt einem Dutzend Bundesvorsitzenden der sogenannten Grünen, einer deutschen Partei, deren Revolutionspotential in den vergangenen Jahren an Strahlkraft eingebüßt hat. Ihr geistlicher Führer war früher ein gewisser Joschka Fischer. Die hiesigen Grünen werden zwar gewählt, aber man hat vergessen, weshalb.
Iranischer Demonstrant mit Symbol-Hand: Trittin mobilisiert eher den psycho-sozialen Notdienst denn die Massen
Foto: DEMOTIX IMAGES/ REUTERSBeim iranischen Oppositionsführer Hossein Mussawi ist es andersrum. Seine dortigen Grünen sind überdies jung, dynamisch, gutaussehend und nutzen für ihren Kampf alle technischen Hilfsmittel wie den Internet-Dienst Twitter. Claudia Roth würde allenfalls in 130 Fortsetzungen ihre persönlichen Eindrücke vom letzten Bundesdelegiertenkongress twittern. Und es wäre auch eher uncool, wenn sich jemand wie Jürgen Trittin nachts auf ein Kreuzberger Hausdach setzen und schreien würde: "Öko ist groß!" So etwas mobilisiert weniger die Massen als den psychosozialen Notdienst.
Im Prinzip ist Grün als Revolutionsfarbe für die Deutschen damit jetzt erledigt. Einerseits will nicht mal der fundamentalistische Flügel der Partei bei der Bundestagswahl den Eindruck erwecken, einen gemäßigten schiitischen Islam in den Berliner Reichstag zu pushen. Andererseits wird das globalisierte Oppositions-Business das Islam-Grün global verwerten: T-Shirts, Mousepads, Stirnbänder, Sonnenbrillen, Handys, Hermès-Schleier-Kollektion sind nur einige Möglichkeiten des Reform-Merchandisings.
Dumm für die hiesigen Grünen, dass unter anderem Schwarz, Rot, Gelb, Grau und Braun hier zu Lande politisch längst besetzt sind. Selbst Orange können sie nicht nehmen, denn das gab's schon in der Ukraine. Und wie klingt das denn: "der Orangen-Vorsitzende Cem Özdemir"?
Alle Metallic-Farben hat sich überdies Porsche-Chef Wendelin Wiedeking schützen lassen, falls er demnächst zu einer Protest-Sternfahrt zur KfW nach Frankfurt aufruft. Vielleicht ginge noch Lachs-Mauve-Kariert. Oder cremefarbene Längsstreifen, da würden die Mitglieder des Wächterrats der deutschen Grünen wenigstens ein bisschen schlanker wirken.
Zynische Kleinanleger haben ohnehin ein anderes Problem: Sind die iranischen Proteste nun gut, weil sie das Land eventuell gen Westen öffnen? Oder heizt die unsichere Lage den globalen Ölpreis weiter an? Wäre es womöglich nicht nur moralisch ein tolles Geschäft, jetzt "short in Öl" zu gehen in der Hoffnung, die Teheraner Reformbewegung werde schnell gewinnen, damit der Barrel-Preis wieder einbricht? Wer früher nicht mehr weiter wusste, ging ins Wasser, heute geht man eher ins Öl.
Andererseits möge der kundige Anleger bedenken: Bundeskanzlerin Angela Merkel hat Teheran jüngst aufgefordert, die Stimmzettel umgehend neu auszuzählen. Angesichts eines derart enormen politischen Drucks kann es sich nur noch um Stunden handeln, bis Präsident Mahmud Ahmadinedschad zurücktritt und Berlin seine kompletten Rohstoffreserven überschreibt.
Man weiß nie, wie sowas ausgeht. Am Ende ist es vielleicht auch Essig mit Öl.