Weltkrise privat: Urlaub mit Otto Normalrobin - DER SPIEGEL
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Weltkrise privat Urlaub mit Otto Normalrobin

Sie können tanzen und tauchen, mit einer Kindergabel Luftröhrenschnitte legen und selbst aus Wüstensand Wellfit-Drinks zubereiten: Animateure haben sich geschmeidiger auf die Krise eingestellt als so mancher Minister. Ein Vorbild deutscher Rezessionsbewältigung!
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Liebes Ferientagebuch,

früher machte man Urlaub, um sich vom Job zu erholen. Jetzt fährt man, um die Angst zu vergessen, man könnte diesen Job bald los sein. Dabei helfen vor allem sogenannte Animateure. In Robinson-Clubs zum Beispiel heißen sie Robins, bei der Konkurrenz von Aldiana nicht Aldis, sondern Dolphins. Aber ob beim Animations-Prekariat auf dem ostanatolischen Eineinhalb-Sterne-Campingplatz oder im Dubaier Luxusresort - überall sind die Stimmungsfachleute jung, dynamisch und sehen derart gut aus, dass sich fast jeder heterosexuelle Mitteleuropäer sofort wie eine hornhautfarbene Einlegesohle fühlen muss.

Natürlich können sie auch das überspielen, wenn sie mittags plötzlich im Strandrestaurant mit ihrem Teller Blattsalat vor unserem Tisch stehen, dem einzig besetzten weit und breit, und fragen: "Is' hier noch was frei?" Dann folgt entweder: "Euch hab ich noch gar nicht beim Kitesurfen gesehen. Lust auf 'ne Schnupperstunde?" Oder: "Und was macht 'n ihr so?"

Man könnte antworten: "Du, ich war bis kurz vorm Urlaub so Geschäftsführer so eines Automobilzulieferers, der jetzt so Pleite is', du so." Manche Gäste hier in unserem Club bei Hurghada sehen aus, als wollten sie genau das gern mal loswerden. Aber auch dann wären Benny, Swantje oder wie unsere Robins sonst heißen und aussehen, um eine küchenpsychologisch fundierte Antwort sicher nicht verlegen.

Die Animateure haben sich ohnehin geschmeidiger auf die Krise eingestellt als manche Bundesminister. Sie treten heute weit weniger rambazamba-offensiv auf als zu jener Zeit, da deutsche Ferienclubs den Terrorcamps im pakistanischen Grenzland noch als Vorbild dienten. Dennoch geben Robins, Dolphins und Co. alles, nur eben zurückhaltender: Sie können ja nicht nur tanzen und tauchen, selbst aus Wüstensand lactosefreie Wellfit-Drinks zubereiten und mit einer Kindergabel einen minimalinvasiven Luftröhrenschnitt legen, wenn einer ihrer Gäste mit leichter Hautrötung konfrontiert werden sollte. Oh nein, Robins wirken lässig-eloquent, als würden sie im Wintersemester mindestens noch an einer Diplomarbeit zur kalten Fusion arbeiten oder Frühbyzantinistik an der Fern-Uni Hagen studieren und nebenher als DJ jobben.

So schlecht kann es um den Standort D nicht bestellt sein, wenn das unser Nachwuchs ist. Mit solchen Leuten kann es nur noch eine Frage von Tagen sein, bis die Konjunktur wieder anspringt. Nix Generation Krise. Hier regiert die Generation 20-Stunden-Tag-ohne-Lohnausgleich. Otto Normalrobin begrüßt uns ab 7.30 Uhr pfannkuchenbackend am Frühstücksbuffet mit einer Fröhlichkeit, als würde er dafür bezahlt. Danach betreut er/sie etwa zehn Stunden lang Fatburner Step H und/oder Ayurveda-Kurse im Thalasso-Center und singt nachts noch vier Hauptrollen im clubeigenen Rockmusical.

Beachvolleyball-Turniere werden Pflicht

Seit längerem schon stehen kluge Frauen an den Spitzen etlicher internationaler Regierungen ihren Mann. Seit kurzem regiert in den USA der erste schwarze Präsident. Wann endlich wird der erste Alt-Robin oder Ex-Dolphin Bundeskanzler? Animateur würde dann sofort als Ausbildungsberuf anerkannt, Hartz IV abgelöst von einem All-Inclusive-Package und die deutsche Wochenarbeitszeit auf 120 Stunden erhöht. Rentner wären verboten, dafür jeden Mittwoch in allen Orten über 2000 Einwohnern Beachvolleyball-Turniere Pflicht.

Dass hier in Ägypten so wenige von uns Gästen mitziehen, hat nichts mit den Robins zu tun, nur mit der Hitze. Unsere eigene Agenda sah gestern so aus: Frühstücken, Pool, klimatisiertes Zimmer, Mittagessen, Pool, Zimmer, Abendbuffet, Musikshow, Nachtruhe. Wenn wir crazy Germans mal total ausflippen wollen, gönnen wir uns noch die extra zu zahlende Kinderschokolade aus der Minibar. Oder wir gehen zum "Orientalischen Abend". Alle Gäste trugen da neulich Leih-Dschalabijas und Tücher um den Kopf. Es sah aus wie die Strandparty einer sonst sehr geschlossenen Psychiatrie. Die Robins haben nicht gelacht.

Wer das schafft, könnte auch ganz ernst ein drittes Konjunkturpaket oder Steuersenkungen auf den Weg bringen.

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