Weltwirtschaftsforum: Meuterei im Inter-Conti - DER SPIEGEL
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Weltwirtschaftsforum Meuterei im Inter-Conti

Die Veranstalter des Weltwirtschaftsforums haben alles versucht, ihre Kritiker von der Sicherheitszone rund um das Waldorf Astoria fernzuhalten. Doch dank einer katastrophalen Organisation haben sie gleich zu Beginn eine weitere Klientel gegen sich aufgebracht: die Journalisten.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

New York - Wer am Donnerstagmorgen pünktlich um halb neun Uhr am Hotel Inter-Continental eintrifft, um sich seinen Presseausweis für das Weltwirtschaftsforum abzuholen, findet eine Menschenschlange vor, die sich über einen halben Block zieht. Die Wartenden frieren, die Stimmung ist auf dem Nullpunkt. Über eine Stunde dauert es, bis man die Eingangstür passiert hat.

"Als Journalist wird man hier wie ein Hund behandelt", flucht ein Reporter der Schweizer Nachrichtenagentur. Journalisten warten nicht gerne, schon gar nicht, um in einen Raum mit einer Großbildleinwand geführt zu werden. Zum ersten Mal haben Reporter keinen direkten Zugang zum Forum. Statt sich zwischen die 3000 Teilnehmer im Waldorf Astoria zu mischen, müssen sie mit zwei Presseräumen im benachbarten Inter-Continental zufrieden sein. Sind sie aber nicht.

"Das ist lächerlich", sagt ein Redakteur der "Los Angeles Times". "All dieses Hin- und Herfaxen von Dokumenten Wochen vorher, und dann kommt man nicht mal rein." Die Attraktivität des Forums bestand gerade darin, auf Tuchfühlung mit den Reichen und Mächtigen zu gehen. Jetzt können die Reporter das Ohnmachtsgefühl der Globalisierungskritiker verstehen, die das Forum immer schon als exklusive Cocktailparty gebrandmarkt haben.

Das Forum findet nicht unter völligem Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Ausgewählte "Media Leader" dürfen hinein. Und es gibt die Übertragungen auf zwei Großbildleinwänden. Doch auch die erregen den Zorn der Journalisten. Denn das Programm ist sehr beschränkt: Im Waldorf Astoria finden mehrere Veranstaltungen parallel statt, hier jedoch wird immer nur eine übertragen. Die Auswahl haben die Organisatoren getroffen, und sie trifft nicht immer den Geschmack der Anwesenden.

Zudem gibt es gleich am Anfang ein technisches Problem. Die erste Diskussion "Wie kommen wir zu einer sichereren Welt?" beginnt ohne die Medien. Als die Leitung endlich steht, gibt es das nächste Problem. "Ich kann überhaupt nichts verstehen", nörgelt eine amerikanische Redakteurin. Die Tonqualität schwankt. Die beiden Presseräume sind zu klein, der Lärmpegel zu hoch. Einige unterhalten sich, ständig läuft jemand durchs Bild, viele telefonieren. Es gibt weder Ruhe zum Zusehen noch zum Schreiben. Die Redakteurin beschwert sich bei einer Angestellten des Forums: "Es gibt Leute, die das hier hören wollen." Die verspricht: "Ich leite es weiter." - "Klar, und später geben Sie mir Bescheid", höhnt die Journalistin. Sie ist sichtlich genervt.

Die Veranstalter plädieren für Verständnis: Diesmal sei die Rekordzahl von 500 Journalisten akkreditiert, normalerweise seien es 300. Auch sei der Platz diesmal sehr beschränkt. Doch auch das erklärt nicht, warum am Nachmittag bereits die Pressemappen ausgehen. Oder warum die Angestellten keine Auskunft darüber geben können, welche Veranstaltung wann und wo stattfindet. Das Verständnis bei der Presse ist gleich null. "Die machen das doch nicht zum ersten Mal", sagt ein deutscher Redakteur. "Man sollte meinen, dass diese reiche Organisation das auf die Reihe kriegt."

Die Journalisten trösten sich mit der Nachricht des Tages. Als einer erzählt, dass die Website des Forums gehackt wurde, bricht es aus dem Schweizer Journalisten heraus: "Cool."

Carsten Volkery