Wende am Arbeitsmarkt Deutsche Firmen stoppen Einstellungswelle
Hamburg - Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" ist für ihre Bedächtigkeit bekannt. Doch an diesem Montag schlägt das Blatt Alarm: Erstmals seit langem bauen die Unternehmen in Deutschland mehr Arbeitsplätze ab als sie neue schaffen.
Arbeiter-Protest (bei Nokia im Januar): Kehrtwende am Arbeitsmarkt
Foto: DPADies geht aus einer Untersuchung der Zeitung hervor. Dabei wurden alle öffentlich angekündigten Personalveränderungen von mehr als 100 Stellen ausgewertet. Das Ergebnis: Im ersten Halbjahr wurden 45.067 Jobs gestrichen - aber nur 38.450 geschaffen.
Zum Vergleich: Im gesamten Vorjahr wurden nur 47.000 Arbeitsplätze abgebaut (siehe Tabelle). Sowohl 2007 als auch 2006 gab es mehr Neueinstellungen als Stellenstreichungen. Dieser Trend ist nun durchbrochen. "Der Aufschwung am Arbeitsmarkt ist im Begriff, zu Ende zu gehen", sagt Peter Hohlfeld von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung zu SPIEGEL ONLINE.
Stellenabbau und Neueinstellungen im Überblick *
| Stellenabbau | Neueinstellungen | |
|---|---|---|
| 2005 | 160.000 | 71.000 |
| 2006 | 83.000 | 95.200 |
| 2007 | 47.000 | 80.700 |
| 1. Halbjahr 2008 | 45.067 | 38.450 |
Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Dabei steht das Schlimmste noch bevor. Denn das Wirtschaftswachstum in Deutschland schwächt sich deutlich ab, der Arbeitsmarkt hinkt der Konjunktur jedoch zwei bis drei Quartale hinterher. "Im Herbst wird sich das bemerkbar machen", sagt Hohlfeld. "Die Beschäftigung wird nachlassen."
Richtig düster könnte es im kommenden Jahr werden, warnt der Experte. "Wenn das Wirtschaftswachstum weiter nachlässt, ist ein neuer Anstieg der Arbeitslosigkeit 2009 wahrscheinlich."
Für den Arbeitsmarkt würde dies eine glatte Kehrtwende bedeuten. Denn bisher ist die Zahl der Arbeitslosen Stück für Stück gesunken. Im Juni waren nur noch 3,16 Millionen Menschen auf Job-Suche - rund zwei Millionen weniger als vor rund drei Jahren. Frank-Jürgen Weise, der Chef der Bundesarbeitsagentur, äußerte bereits die Hoffnung, dass die Zahl der Erwerbslosen bald unter die Marke von drei Millionen rutschen könnte. Doch daraus wird jetzt wohl nichts: "Im Jahresdurchschnitt ist das definitiv ausgeschlossen", sagt Hohlfeld.
Diese Firmen streichen Stellen *
| Rang | Firma | Stellenabbau | wann | Branche |
|---|---|---|---|---|
| 1 | T-Systems | 12.000 | 2010 | Telekommunikation |
| 2 | BMW | 7500 | 2008 | Automobilindustrie |
| 3 | Pin Group | 6000 | 2008 | Postdienstleister |
| 4 | Hypo-Vereinsbank | 2500 | 2011 | Bank |
| 5 | Nokia | 2300 | 2008 | Telekommunikation |
| 6 | Continental | 1500 | 2008 | Automobilzulieferer |
| 7 | WestLB | 1500 | 2008 | Bank |
| 8 | Siemens SEN | 1200 | 2008 | Elektrotechnik |
| 9 | ODS Optical Disc | 1100 | 2008 | Elektronik |
| 10 | Qimonda | 890 | 2008 | Halbleiter |
| ... | ... | ... | ... | ... |
| gesamt | - | 45.067 | - | - |
Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Auch die Finanzkrise hinterlässt Spuren. Allein die HypoVereinsbank streicht 2500 Stellen, gefolgt von der WestLB, der Deutschen Bank und der BayernLB. Im internationalen Vergleich stehen die deutschen Geldhäuser damit aber noch gut da: In den USA streicht allein die Citigroup 15.500 Stellen.
Immerhin: Zahlreiche Unternehmen schaffen auch jetzt noch neue Jobs. Ganz vorne liegen Lufthansa , Volkswagen und Siemens (siehe Tabelle). Mittelständler gehören ebenfalls zu denjenigen, die nach wie vor Personal einstellen.
Diese Firmen schaffen Jobs *
| Rang | Firma | neue Stellen | wann | Branche |
|---|---|---|---|---|
| 1 | Lufthansa | 4300 | 2008 | Luftfahrt |
| 2 | Volkswagen | 4250 | 2008 | Automobilindustrie |
| 3 | Siemens | 4200 | 2008 | Elektrotechnik |
| 4 | Telekom | 4000 | 2008 | Telekommunikation |
| 5 | Persona Service | 2000 | 2008 | Zeitarbeit |
| 6 | Bosch | 1500 | 2008 | Autozulieferer |
| 7 | DHL | 1500 | 2012 | Logistik |
| 8 | Porsche | 1500 | 2009 | Automobilindustrie |
| 9 | ZF Friedrichshafen | 1200 | 2008 | Autozulieferer |
| 10 | KPMG | 1100 | 2008 | Beratung |
| ... | ... | ... | ... | ... |
| gesamt | - | 38.450 | - | - |
Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Ungetrübt ist das Bild allerdings auch in diesen Firmen nicht. So plant Siemens in der Elektrotechnik zwar 4200 Neueinstellungen. Gleichzeitig fallen aber in der Sparte SEN 1200 Arbeitsplätze weg. Weltweit will Vorstandschef Peter Löscher sogar 16.750 Stellen streichen.
Das Problem der Unternehmen: Noch sind die Auftragsbücher voll - zum Teil brauchen sie dringend neue Leute, um die anfallenden Arbeiten zu erledigen. Gleichzeitig jedoch müssen sich die Firmen auf den Abschwung vorbereiten. "Eine solide Personalplanung scheint unter solchen unklaren Vorzeichen kaum möglich", schreibt die "FAZ".
Ifo-Institut bleibt optimistisch
Allerdings wird auch Kritik an der Untersuchung laut. "Ich halte es für verfrüht, jetzt schon von einer Trendwende am Arbeitsmarkt zu sprechen", sagt Martin Werding vom Münchner Ifo-Institut. "Wir rechnen in diesem Jahr noch mit einer günstigen Entwicklung am Arbeitsmarkt."
Der Experte zweifelt vor allem an der Methode der Untersuchung. "Es wurden nur die öffentlich angekündigten Personaländerungen betrachtet", sagt Werding. "Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit richtet sich aber vor allem auf den Stellenabbau. Wenn Unternehmen hingegen Neueinstellungen planen, machen sie das wegen der allgemeinen Unsicherheit nicht unbedingt bekannt."
Im Übrigen sieht Werding die großen Konzerne zu stark gewichtet - denn nur deren Personalmaßnahmen werden öffentlich wahrgenommen. "Das sagt aber wenig über den gesamten Arbeitsmarkt aus. In Deutschland gibt es rund zwei Millionen kleine und mittlere Unternehmen."
Für das Gesamtjahr 2008 erwartet das Ifo-Institut im Durchschnitt 3,26 Millionen Arbeitslose. Im kommenden Jahr soll die Zahl der Prognose zufolge weiter leicht sinken - auf 3,08 Millionen.
Allerdings warnt auch Werding: "Bei einer längeren Schwächephase kann die Arbeitslosigkeit wieder steigen."