Handel Wenig Ware
Dreimal warteten die Manager des New Yorker Kaufhauskonzerns Macy auf Weihnachten. Dreimal hofften sie auf ein Wunder.
Der Boom blieb aus. Vergangenen Montag meldete Macy-Chef Edward Finkelstein beim Gericht des New Yorker Stadtteils Manhattan Konkurs nach den Vorschriften des sogenannten Chapter 11 an: Die Firma existiert und arbeitet weiter. Doch geführt wird sie unter richterlichem Kuratel.
Nach so altehrwürdigen Kaufhäusern wie Altman, Bonwit Teller und Bloomingdale's wurde mit Macy nun auch das berühmteste von allen Opfer amerikanischen Umgangs mit dem Geld. Das 134 Jahre alte Kaufhausunternehmen geriet nämlich nicht wegen schlapper Konjunktur in die Schieflage, sondern wegen sinnlos entstandener Schulden.
Edward Finkelstein, 66, der die Firma nun unter den Schutz des Pleiteparagraphen gestellt hat, war 1985 dem Sport des Jahrzehnts erlegen. Er hatte versucht, sich mit dem Geld anderer Leute legal zu bereichern.
Der talentierte Handelsmann, der seit über 40 Jahren bei Macy dient, hatte eine Gruppe von Finanziers zusammengeholt, um sich die florierende Aktiengesellschaft Macy selbst einzuverleiben. Zu den Hauptverbündeten gehörten die General-Electric-Tochter GE Capital, die L.T. Holdings, eine Tochter der Hotelgruppe Loews, und der Mutual Series Fund des Wall-Street-Wundermannes Michael Price.
Die Crew zelebrierte einen klassischen Management-Buyout: Sie bot den Aktionären das Anderthalbfache des damaligen Börsenkurses der Macy-Aktie, finanzierte den Kauf mit geliehenem Geld, für das nicht die Käufer bürgten, sondern das Kaufobjekt: Für Finkelsteins Buyout übernahm Macy rund 3,5 Milliarden Dollar Schulden.
Finkelstein blieb an der Spitze des Unternehmens, von dem ihm nun 26 Prozent der Stammaktien gehörten. Er mühte sich ab, die überhöhten Finanzschulden mit durchlaufenden Geldern zu bedienen.
Das ging so lange gut, wie die Konjunktur in den USA lief. Gewinne allerdings wies Macy in keinem einzigen Jahr nach dem Buyout aus, weil die enormen Schulden verzinst werden mußten.
1988 lieh Finkelstein weitere 1,1 Milliarden Dollar, um die vorwiegend an der US-Westküste vertretenen Kaufhausketten Bullock's und I. Magnin zu übernehmen. Die Verluste stiegen, doch Finkelstein war nicht irritiert.
Seit Mitte der achtziger Jahre nämlich hatten die Wall-Street-Gurus gemeint, die gute US-Konjunktur werde noch mindestens ein halbes Jahrzehnt andauern. Sie heizten die Hausse in Aktien und Grundstücken mit immer neuen Spekulationen an: Die Werte stiegen, und auf dieser Basis ließen sich immer Schulden machen, die in Konsum umgesetzt wurden.
Doch seit dem 19. Oktober 1987, dem blutigen Montag, als die Börsenkurse steil nach unten fielen, funktionierte nicht mehr alles nach Plan. Die Verbraucher begannen sich zurückzuhalten. Macy und die übrigen Kaufhäuser merkten es spätestens 1989 am müden Weihnachtsgeschäft.
1991 - auch das Weihnachtsgeschäft 1990 war wieder schiefgegangen - hatten die privaten Anteilseigner von Macy schon 200 Millionen Dollar aufbringen müssen, um die Firma von der Kante des Abgrunds zu holen. Doch trotz dieser Finanzspritze konnte das ruhmreiche Unternehmen seine Lieferanten oft nicht mehr bezahlen.
Das Ende kam mit dem dritten verpatzten Weihnachtsgeschäft 1991. Macy geriet mit 250 Millionen Dollar in Zahlungsverzug bei seinen 23 000 Lieferanten, die wiederum nur noch wenig Ware lieferten. Amerikas Konsumenten strichen durch Macy-Kaufhäuser, ohne zu kaufen.
Da war dann nichts mehr zu machen. Zwar behauptete der bekannte New Yorker Analyst Michael N. Cha vom Bankhaus J. P. Morgan noch am 6. Januar: »Wir bleiben zuversichtlich, daß Macy an der Pleite vorbeikommt.« Beim Kassensturz aber stellten die Gläubiger schnell fest, daß der Konzern inzwischen überschuldet war: Sein gesamtes Sach- und Finanzvermögen stand mit nur noch 4,94 Milliarden Dollar zu Buche, die Verbindlichkeiten dagegen mit 5,32 Milliarden.
Zu den Großgläubigern gehörten außer Loews-Chef Laurence ("Larry") Tisch und GE Capital auch noch Chemical Banking und die Versicherungsgesellschaft Prudential Insurance Company of America. Während die meisten nun um ihr Geld bangen müssen, hat Prudential sich 811 Millionen Dollar durch Hypotheken auf über 70 Macy-Kaufhäuser sichern lassen.
Finanzier Tisch machte einen letzten Versuch: Er bot noch eine Milliarde Dollar an, um Macy zu übernehmen. Doch Gläubiger Prudential weigerte sich, eine von Tisch gewünschte Senkung der Hypothekenzinsen mitzumachen. Larry Tisch zog sich zurück. Damit war Finkelsteins letzte Hoffnung zerstoben: Der Chef schritt zum Konkursrichter. Nun sollen möglichst viele Lieferanten ihre Forderungen in Macy-Anteile umwandeln.
Vor allem aber sollen sie das ausgedünnte Macy-Sortiment wieder auffüllen. Für das Weihnachtsgeschäft 1991, Hauptumsatzträger des Jahres, kam das ohnehin zu spät. Ob es für Macy selbst noch rechtzeitig kommt, entscheidet - falls nicht neue Finanziers auftauchen - allein Amerikas Konjunktur.
Edward Finkelstein, der das alles verursacht hat, bleibt gleichwohl im Amt. Nach wie vor besitzt der Chef 26 Prozent von Macy. Und das zählt, auch wenn es nicht mehr viel wert ist.