Weniger Erwerbslose Nur Lehrstellenlücke wird immer größer
Nürnberg - Auf den ersten Blick geben die Zahlen Anlass zur Freude: Zwar waren im Juni 4,397 Millionen Menschen offiziell als erwerbslos registriert. Das waren aber immerhin 138.000 weniger als im Mai und 383.000 weniger als im Juni vergangenen Jahres. Die Arbeitslosenquote sank damit von 10,8 Prozent im Mai auf 10,5 Prozent. "Die Arbeitslosigkeit sank stärker als in einem Juni üblich", erklärte der Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit (BA), Frank-Jürgen Weise. "Die Nachfrage nach Arbeitskräften ist nach wie vor hoch". Bei genauerem Hinsehen allerdings treten die Probleme deutlich zu Tage.
Schon jetzt droht die Lehrstellenlücke in diesem Jahr größer zu werden als im Vorjahr. "Eine Vorausschau auf das Ende des Berufsberatungsjahres lässt derzeit eine größere Lücke als Ende September 2005 befürchten", hieß es bei der BA. Damals waren 28.300 junge Jobsuchende ohne Lehrstelle geblieben. Die rechnerische Lücke zwischen freien Stellen und Suchenden liegt diesen Juni bei 194.600. Vor einem Jahr hatte sie zur gleichen Zeit bei 183.500 gelegen.
Dabei hatte die Bundesregierung vor zwei Jahren eigens einen Pakt mit der Wirtschaft geschlossen, im Rahmen dessen vereinbart wurde, jährlich mehrere tausend zusätzliche Lehrstellenpakrt zu schaffen. Doch das Problem des sogenannten Ausbildungspaktes wird nun erneut deutlich: Zahlreiche bereits vorhandene Lehrstellen fallen gleichzeitig weg.
Bundesarbeitsminister Franz Müntefering (SPD) zeigte deshalb auch nur verhaltene Freude angesichts der positiven Gesamtentwicklung. Erstmals seit fünf Jahren sei die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten höher als im Jahr zuvor, erklärte er zwar. Dann aber forderte er die Wirtschaft auf, mehr zu tun gegen die Arbeitslosigkeit. Die neuen Zahlen vom Arbeitsmarkt seien Auftrag, für mehr Arbeit, mehr Beschäftigungsmöglichkeiten und mehr Ausbildung zu sorgen, erklärte der SPD-Politiker. "Hier muss mehr passieren. Insgesamt reicht hier die Anstrengung noch nicht." Die Politik werde ihrerseits ihre Reformanstrengungen konsequent und konzentriert fortsetzen.
Nach Ansicht von BA-Chef Weise ist der positive Gesamttrend noch nicht nachhaltig. Zwar habe die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Jobs im April erstmals nicht das Vorjahresniveau unterschritten. Dies deute auf das Ende des Abbaus der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung hin. "Von einer Trendwende sprechen wir aber erst, wenn diese Zahl in den kommenden drei bis vier Monaten steigt", schränkte Weise ein.
Auch Unions-Fraktionschef Volker Kauder übte sich in Zurückhaltung. Die sinkenden Arbeitslosenzahlen seien zwar ein positives Signal dafür, dass sich die Wirtschaft in Deutschland nach und nach erhole. "Wir dürfen uns aber dennoch nicht zurücklehnen", sagte der CDU-Politiker. Weitere Schritte zur Verbesserung der Arbeitsmarktsituation seien dringend erforderlich. Deshalb müssten die Unternehmenssteuerreform und die Gesundheitsreform wie geplant zügig vorangebracht werden.
ase/AP/ddp/dpa-AFX