Werksschließung in Dassow: Eine Stadt wird arbeitslos - DER SPIEGEL
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Werksschließung in Dassow Eine Stadt wird arbeitslos

Alle reden von Nokia in Bochum - schlimmer aber trifft es Dassow in Mecklenburg-Vorpommern. In einem insolventen DVD-Werk stehen 1100 Mitarbeiter bald ohne Job da. In der strukturschwachen Region und für den Ort mit seinen 4000 Einwohnern eine Katastrophe.
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Dassow - Ein See, eine Mauer, eine Steppdeckenfabrik und eine Schnapsbrennerei - das war Dassow vor der Wende. Der kleine, 4000 Einwohner zählende Ort liegt rund 20 Kilometer nordöstlich von Lübeck, genau an der Grenze zwischen Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern. Damals die Grenze zwischen West und Ost, das Städtchen war Sperrgebiet, keiner durfte rein, keiner raus.

Heute ist das anders, heute kommen die Menschen nach Dassow. Aus Schönberg, Groß Siemz und Klein Siemz, aus Petersberg und Grevesmühlen, aus Wismar und Travemünde. Zum Teil sogar aus Rostock, obwohl das über 100 Kilometer sind. Sie kommen, weil es in Dassow das gibt, was in Mecklenburg-Vorpommern sonst rar geworden ist: Arbeitsplätze.

Grund ist die nagelneue, hochmoderne Fabrik in dem 20 Hektar großen Gewerbegebiet Holmer Berg. Seit 1990 werden hier CDs und DVDs produziert, erst unter dem Firmennamen ICP, später dann - nach einer ersten Insolvenz - als Optical Disc Service, kurz ODS. Rund 70 Millionen Euro sind nach Angaben des Landeswirtschaftsministeriums in dieser Zeit in das Werk geflossen: klassische Investitionsförderung vom Land, Investitionszulagen vom Bund und Lohnförderungen durch die Arbeitsagentur, als Gesellschafter beteiligt sich auch die inzwischen ins Trudeln geratene IKB. Innerhalb weniger Jahre wird ODS zum größten europäischen Produzenten von Beilege-CDs und -DVDs, drei Millionen Scheiben verlassen täglich das Werk. Die Zahl der Beschäftigten schnellt von rund 100 auf 1100 hoch.

"Mir wären 20 Firmen mit 50 Beschäftigten lieber gewesen. Ich hatte immer Angst, dass das eine Luftblase ist, die irgendwann platzt", sagt Jörg Ploen. Der große, untersetzte Mann sitzt in dem wenig repräsentablen Gemeindehaus der kleinen Stadt und schwankt zwischen Wut und der Hoffnung des Verzweifelten. Im Gegensatz zu den Betroffenen weiß er, dass die Pleite des Werkes nicht nur für rund 400 Dassower heißt, dass sie ihren Job verlieren. Er weiß auch, was das für den Haushalt seiner Stadt bedeutet.

Hälfte der Mitarbeiter schon ohne Job

Denn das einstige Vorzeige-Werk hat im Oktober letzten Jahres Insolvenz angemeldet, derzeit verhandelt der Insolvenzverwalter mit möglichen Käufern. Von den 1100 Mitarbeitern ist rund die Hälfte in einer Auffanggesellschaft gelandet und seit Anfang Februar quasi ohne Job. Die anderen arbeiten die restlichen Aufträge ab, das Werk läuft mit 45 bis 50 Prozent der Kapazitäten. Ab März ist auch damit Schluss - es sei denn, es wird bis dahin ein Käufer gefunden, der das Werk weiterführt.

"Es ist der Super-GAU", sagt Ploen. Nicht nur für die Familien, in denen oft beide Ehepartner in dem Werk angestellt waren, und die im kleinen Neubaugebiet des Ortes gerade Häuser gebaut haben. "Die Pleite führt auch zu einer finanziellen Schieflage der Stadt", sagt Ploen. Denn das Unternehmen hat die Arbeitslosenquote des Örtchens auf für den Landstrich paradiesische zehn bis elf Prozent gedrückt. Es hat Kaufkraft geschaffen - und Gewerbesteuer gezahlt.

In guten Zeiten waren das bis zu einer Million Euro - wenn auch nur brutto. Bei einem Gesamthaushalt der Stadt von rund vier Millionen Euro allerdings ein großer Batzen. "Außerdem hatten wir - im Gegensatz zu anderen Gemeinden hier - keinerlei Probleme mit leerstehenden Wohnungen, die rund 150 Wohnungen der kommunalen Immobiliengesellschaft wurden uns quasi aus der Hand gerissen", sagt Ploen. ODS-Mitarbeiter sind der Arbeit wegen nach Dassow gezogen.

"Man merkt schon jetzt, dass die Leute wenig kaufen"

Das wird sich ändern. "Man merkt schon jetzt, dass die Leute weniger kommen. Und dass sie weniger kaufen", sagt die Verkäuferin in der "Netto"-Filiale. Dass das Geld sowieso schon nicht üppig ist in Dassow, sieht jeder, der einmal die Hauptstraße mit ihren geduckten Backsteinhäuschen entlang läuft: Das örtliche Bekleidungsgeschäft wirbt mit "Pullover ab 12 Euro", der kleine Blumenladen verkauft gleichzeitig frische Eier und noch längst nicht alle Häuser sind richtig saniert. Die Bürgersteige sind neu gemacht - immerhin. Und es gibt einen Jugendclub, einen Kindergarten und eine kleine Bibliothek. Außerdem eine Familienbegegnungsstätte, eine Mehrzweckhalle, einen Heimat-, einen Sport- und zwei Angelvereine. Es gibt Provinzstädtchen, in denen deutlich weniger los ist.

Doch all das hilft den Menschen jetzt wenig. "Die Stimmung ist gereizt, die Menschen sind hilflos und wütend", sagt der örtliche Apotheker - und er versteht sie. "Für viele ist eine Welt zusammen gebrochen, sie können nicht nachvollziehen, wie ein Unternehmen in den Sand gesetzt werden kann, in das so viele Subventionen gepumpt worden sind." Die wenigen Menschen, die man auf der Straße trifft, wollen schon gar nicht mehr über "das Werk" reden. "Erst schlucken sie die ganzen Subventionen und wenn es nichts mehr zu holen gibt, dann sind sie weg", ist alles, was ein junger Mann schließlich rauslässt.

Die hilflose Wut richtet sich gegen "die da oben", die immer ungeschoren davon kommen. Etwa gegen den ehemaligen Geschäftsführer Wilhelm Mittrich, von dem die "Ostsee-Zeitung" herausgefunden hat, dass er in England bis Ende 2008 kein Unternehmen gründen und führen darf. Laut der britischen Insolvenzbehörde soll er dort im Jahr 2000 als Geschäftsführer des britischen Musikanbieters "Point Group Limited" rund 385.000 Euro aus der Firma abgezweigt und in die ODS gesteckt haben. Mittrich selbst bestätigt die Vereinbarung mit der Insolvenzbehörde, bestreitet aber, Geld veruntreut zu haben. Er habe im Gegenteil mit einem persönlichen Darlehen die ODS unterstützt.

Betriebsrat hatte Angst vor "renitenter Belegschaft"

"Das ist doch alles eine Gangsterei", redet sich einer der Werksschützer von ODS in Rage. Und erzählt von den Kollegen, die Zwölf-Stunden-Schichten hingelegt haben für 6,14 Euro brutto, denen der Urlaub verweigert wurde, weil das Werk mehr Aufträge angenommen hatte als es bewältigen konnte. Von denen, die nachts um halb vier aufstehen, damit sie pünktlich um sechs mit ihrer Schicht anfangen können. Von den steuerfreien Zuschlägen, die fast 20 Prozent des Nettolohns ausmachten - jetzt aber dazu führen, dass die Menschen plötzlich nur noch die Hälfte ihres Gehaltes als Arbeitslosengeld bekommen. "Und dabei war jeder noch froh, dass er diesen beschissenen Job überhaupt hatte."

"Die Ungewissheit auszuhalten ist für viele Mitarbeiter am Rande des Ertragbaren", sagt Dagmar Karnasch vom ODS-Betriebsrat. Der verhält sich auffällig still, will mit einer "renitenten Belegschaft" mögliche Investoren nicht vertreiben. Bislang gab es deshalb nur eine größere Demonstration. "Dass das Wirtschaftskonzept von ODS bedenklich ist, davor haben wir schon vor zwei Jahren gewarnt", sagt Gunnar Danz von der IG Metall. Man habe sich sowohl an den Betriebsrat als auch an die Landesregierung gewandt. "Aber das wollte damals keiner hören." Kontakt zwischen der Gewerkschaft und dem Betriebsrat bestand seitdem kaum noch - bis heute.

Im Gespräch mit den verbliebenen Mitarbeitern redet der Betriebsratsvorsitzende Jürgen Thiergart trotzdem viel von dem, was man alles versucht habe, von Betriebsvereinbarungen und sonstigen Bemühungen. Es wird mit Schweigen quittiert. "Mir sind am Wochenende tausend Kieselsteine vom Herzen gefallen, dass ich noch ein Monatsgehalt mehr habe", ist das einzige, was eine Mediengestalterin sagt, die zu den Kollegen gehört, die noch einen Monat weiter arbeiten können.

Zu der Demonstration haben sie auch den prominentesten Vertreter eingeladen, den das Land hat: Bundeskanzlerin Angela Merkel, deren Wahlkreis Stralsund-Nordvorpommern-Rügen ist. Verschiedene Kollegen haben ihr E-Mails geschrieben, ihr den Fall geschildert, Ort und Zeitpunkt der Protestveranstaltung genannt. Zurück kam eine automatisch generierte Antwort mit dem Hinweis auf "hilfreiche Links".

Von Merkel im Stich gelassen

Gut angekommen ist das nicht: "In Bochum bei Nokia hat sie Backen aufgeblasen und hier hat sie sich noch nicht einmal blicken lassen", erregt sich eine Kollegin am Eingang. "Dabei war sie an dem Tag in Deutschland, das habe ich abends in den Nachrichten gesehen", pflichtet eine andere bei. Sie fühlen sich im Stich gelassen - ausgerechnet von der Frau, die "doch auch aus dem Osten kommt".

Im Ansehen der Menschen von Dassow ist sie "zehntausend Meter weit gesunken". Sie sind allein mit ihrer Wut und ihrer Hoffnung - und nur bei manchen führt das zum Mut der Verzweifelten: "Das Letzte, was ich hier mache", sagt eine Kollegin vom Werksschutz entschlossen, "ist die Betriebsbesetzung - und wenn ich sie alleine organisiere."