DDR Which Germany
Mit »besonderer Herzlichkeit« begrüßte Harold Wilson auf dem Labour-Parteitag in Blackpool »erstmals auch den Botschafter der DDR«.
Wilsons Gruß galt einem Gast, der noch gar nicht Botschafter ist. Denn einen ostdeutschen Botschafter in London soll es erst geben, wenn die Deutschen ihre gegenseitigen Repräsentanten -- Gaus in der DDR, Kohl in Bonn -akkreditiert haben.
Der Irrtum des Sozialisten-Führers konnte freilich nicht verwundern. Denn obgleich der DDR-Diplomat Karl-Heinz Kern bislang lediglich Leiter der DDR-Vertretung ist. »treten die Ostdeutschen hier schon ganz schön selbstsicher auf«, registrierte ein Deutschland-Experte des Foreign Office.
Elf Hausnummern nur von der Bonner Botschaft am Belgrave Square entfernt -- so nah, daß Bonn von Abhör-Experten prüfen ließ. ob die Genossen möglicherweise bei ihnen lauschen können -- residieren die Ost-Berliner, Für den auf 78 Jahre abgeschlossenen Pachtvertrag ihrer Villa (Nachbarn: »Englands Geisterbeschwörer-Gesellschaft") zahlte die DDR einer Schwägerin des Ägypten-Königs Faruk 1.3 Millionen Mark.
Anläßlich des Gründungstages der DDR. am 7. Oktober, bat der DDR-Statthalter Karl-Heinz Kern. als sei er schon der Botschafter Ost-Berlins, das diplomatische Corps zum Cocktail. Den deutschen Botschafter Karl-Günther von Hase informierten die DDR-Vertreter lediglich durch eine Zirkular-Note über die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu Großbritannien.
An die Westdeutschen gerichtete Briefe, unter ihnen eine Rechnung des »Belfry«-Restaurants für Bonns Presseattaché Rolf Breitenstein, lieferten Londons Postboten mehrmals bei den Ostdeutschen ab, für die DDR bestimmte Post landete bei den Bonnern. Londons Taxifahrer, für die bisher die Anweisung »German Embassy« ausreichte, fragen nunmehr zurück: »Which Germany« -- welches Deutschland?
Bonns 168 Botschafts-Bedienstete an der Themse nehmen die DDR-Präsenz bislang noch gelassen hin. Vornehmlich um Berlin-Interpretationen, so vermuten die Westdeutschen, werden sie sich mit den Genossen (derzeitige Personalstärke: etwa 40) streiten müssen. »Wenn aber die da drüben etwa die 250. Wiederkehr von Goethes Konfirmationstag für sich in Anspruch nehmen wollen«. spottete ein Bonn-Diplomat, »werden wir uns nicht wehren«
Sollte es zu Kontakten mit DDR-Vertretern kommen, müssen sich die Bonn-Diplomaten »so normal wie möglich benehmen«, wies das AA unlängst an, und manch einer der Repräsentanten der Bundesrepublik interpretiert das auch für inoffizielle Kontakte: »Falls ich beim Einkaufen bei Harrod einen Kollegen aus dem Osten sehe, werde ich nicht krampfhaft wegsehen.«
Zum Krampf wird ohnehin nur wenig Gelegenheit sein. Denn im Gegensatz zu den Bonnern, die zumeist in den Luxus-Vierteln der Briten-Metropole residieren, brachte die DDR viele ihrer Genossen in einem Haus im tristen Londoner Vorort Hendon unter -- eine Kommune, in der sich DDR-Kindergärtnerinnen um die Kleinen mühen, während die Mütter den Vätern als Sekretärinnen assistieren.
Zwar wird die DDR erst durch den Botschafter tatsächlich hof fähig, aber präsent sind ein ADN-Korrespondent und ein Vertreter des »Neuen Deutschland« bei Pressekonferenzen im Außenministerium und beim Parlament. Ein DDR-Reisebüro ("Berolina") wirbt für die Leipziger Messe und bietet Sonderreisen für Stahlarbeiter. ostdeutsche Exporteure liefern Maschinen für die Fließband-Fabrikation von Automobilen und Fußball-Stiefel der Marke »Hansa-Dynamo«. Und künftig wollen »British Airways« und »Interflug« während der Messe zwischen London und Leipzig gemeinsam fliegen.
Auf den Empfängen, vor allem der Ostblock-Staaten, trinken seit langem DDR-Diplomaten mit. Wenn etwa die Tschechoslowakei zum Dinner bittet, ist meist auch ein ostdeutscher Mitesser dabei. In der »Royal Albert Hall« musizierte das Berliner Sinfonie-Orchester, schlugen DDR-Boxer die Equipe Englands k.o. Beim Leichtathletik-Länderkampf DDR -- Großbritannien schmückte das DDR-Staatsemblem bereits vor Aufnahme diplomatischer Beziehungen die Programmhefte. Zehntausende von Briten reisten bisher als Touristen in die DDR.
Das Image der DDR aber wandelt sich im Bewußtsein der Briten trotz der emsigen Diplomaten, trotz des Engagements einer Londoner Werbe- und PR-Agentur nur langsam: Mauer. Stacheldraht. Athleten, der Einmarsch von DDR-Truppen mit den Sowjets in Prag bestimmen das Briten-Bild. Honecker und Stoph sind so unbekannt wie afrikanische Stammesfürsten »Der Mond ist kaum weiter entfernt«, kommentierte vor Jahren ein BBC-Fernsehreporter, »als dieses kleine, weniger als 800 Kilometer von hier entfernte Land« -- das gilt auch heute noch.
Die Londoner Public-Relations-Agentur Lex Hornsby übernahm die Öffentlichkeitsarbeit für die DDR-Handelsvertretung und verschickt seither Tausende von Publikationen wie »Trade Review« und »All about the Art & Science« an Interessenten.
Im Unterhaus hatten sechs linke Labour-Abgeordnete schon vor Jahren einen Entschließungsentwurf eingebracht, wonach die drei Westmächte die DDR diplomatisch anerkennen sollten. 80 Abgeordnete, beinahe ein Drittel der Labeur-Fraktion, unterstützten die Forderung. Beim Parteitag der Sozialisten im Oktober letzten Jahres beschlossen die Labour-Führer gleichwohl, den Antrag 433 ("volle Anerkennung der DDR") wegen der Bundestagswahlen nicht zu diskutieren.
Die Tatsache, daß zwei deutsche Staaten bestehen, argumentierten jedoch Professoren und Schriftsteller in einem Brief an die »Times«, sei »weltweit akzeptiert worden«, und auch Ex-Außenminister George Brown fragte: »Warum sollen wir uns zurückhalten?«
Die Konservativen aber stützen die Politik der Sozialdemokraten am Rhein, offiziell mieden sie die Genossen aus dem zweiten Deutschland. Zwar bestellte das Foreign Office einen DDR-Vertreter einmal -- heimlich -- ins Ministerium, um Mißbehagen über die allzu stark besetzte DDR-Handelsvertretung zu äußern. Zum »historischen Händeschütteln« ("Guardian") zwischen dem antikommunistischen Außenminister Douglas-Home und dem DDR-Statthalter Kern aber kam es erst mi April -- bei einem Empfang in Prag.
Anthony Royle, Unterstaatssekretär im Foreign Office, war wegen der Annäherung der beiden deutschen Staaten und der Aktivität der DDR-Diplomaten in London »beinahe überzeugt«, daß sich die beiden Herren, die er vor vier Monaten auf einer Party in der mongolischen Botschaft zusammenbrachte, »sich sicher kennen« würden. Von Hase, Botschafter West, aber berichtigte: »Nein, ich glaube nicht.« Kern, Repräsentant Ost: »Nein.«
Im Foreign Office haben die Diplomaten intern neue Sprachkürzel zur Unterscheidung der Deutschen auf der Insel gefunden: die »Krauts« (West) und die »Unkrauts« (Ost).