Wie Ebbe und Flut - DER SPIEGEL
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Arbeitslose Wie Ebbe und Flut

Tausende werden entlassen, neue Jobs sind rar. Der Niedergang der Industrie trifft die Menschen in der Region Nürnberg hart.
• aus DER SPIEGEL 15/1993
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Paff« macht es, und der Oberbürgermeister zuckt zusammen. Beim zweiten Knall blinzelt er nur noch. Sechs Luftballons zerplatzen, und am Ende hat sich Peter Schönlein wieder gefangen. Sechs Ballons mit der Aufschrift »100 AN« - für gut 600 Arbeitnehmer bei Grundig, deren Traum vom sicheren Job zerplatzt ist. Mitte des Jahres werden sie arbeitslos sein.

Morgens um sieben hat sich die Frühschicht in der kahlen Grundig-Kantine versammelt. An der Backsteinwand hängt als einziger Schmuck das Werbeposter »Zukunft made by Grundig«. Betriebsrat Dieter Appelt wollte den »abgehobenen Politikern« mal klarmachen, wie düster die Aussichten für Grundig-Arbeiter sind.

SPD-Stadtoberhaupt Schönlein beteuert seine Solidarität mit den Werktätigen ("Wir machen uns große Sorgen im Rathaus") und sorgt damit für lautes Gelächter. Wer jetzt seine Kündigung erhält, hat trotz Politiker-Mitleid wenig Chancen, woanders unterzukommen.

Die wichtigsten Arbeitgeber in der Region Nürnberg, die Elektro- und die Metallindustrie, beschäftigen immer weniger Menschen. Im vergangenen Jahr haben sie 5400 Mitarbeiter entlassen, bis zu 15 000 weitere Stellen sollen 1993 gestrichen werden. Jeder zehnte Arbeitsplatz ist in den Branchen bedroht, die mehr als die Hälfte aller Industriebeschäftigten der Region ernähren. Das langsame Sterben dieser Kernbereiche wird weitergehen. Politiker wie Schönlein, die sich heute Sorgen machen, haben es versäumt, zukunftsträchtige Betriebe anzulocken. Nun zeigen sich die gleichen Symptome wie in der gesamten deutschen Industrie: mangelnde Wettbewerbsfähigkeit, Verlust von Kunden und Arbeitsplätzen.

Von den 85 Nürnberger Betrieben mit mehr als 500 Beschäftigten haben 37 ihren Stammsitz außerhalb der Region. Viele Firmen wurden von auswärtigen Konkurrenten übernommen, wie etwa Grundig vom Philips-Konzern. »Wenn die Erbsenzähler im Konzern kürzen müssen, fangen sie zuerst bei den Außenstellen an«, sagt ein Gewerkschafter.

Vor einem Jahr schwärmte der bayerische Wirtschaftsminister August Lang noch von Nürnberg als »aufsteigender Metropole im Zentrum Bayerns«. Jetzt schreiben die Lokalzeitungen fast jeden Tag von Stellenabbau und Betriebspleiten.

Volker Kindler, 47, der seit 15 Jahren bei Grundig Fernsehgehäuse zusammenschraubt, macht sich schon Gedanken, ob man nicht bald eine »Brückenpartei« gründen sollte, »weil wir bald alle unter Brücken schlafen müssen«. Die _(* Im Rathaus, während einer Sitzung des ) _(Stadtrats am 3. März. ) Abteilung, in der er arbeitet, macht Ende März dicht, Kindler rechnet jeden Tag mit der Kündigung. Wenn er wieder einmal wegen Kurzarbeit schon mittags nach Hause kommt, fragen Nachbarn hämisch: »Na, schon wieder daheim? Wie lang habt ihr noch Arbeit?«

Die Frage stellt sich bei Triumph-Adler (TA) schon nicht mehr. Aus einem modernen Elektronikwerk mit derzeit 1000 Beschäftigten wird bis Mitte des Jahres eine Rumpffirma mit 200 Leuten.

Mitte vergangenen Jahres galten die 1700 Jobs bei TA noch als sicher; ein moderner kleiner Computer für den Aktenkoffer, ein Notebook, sollte im Nürnberger Werk entwickelt und produziert werden. Letzter Versuch, aus TA einen High-Tech-Konzern zu machen, wie es der Eigentümer, der italienische Elektronikkonzern Olivetti, seit dem Ankauf der Firma (mit damals rund 7600 Mitarbeitern) 1986 geplant hatte. Der Standort, nahe an den neuen Märkten im Osten, schien günstig.

»Das hab'' ich in der Zeitung gelesen«, sagt Luigi Montalto, »und mir den neuen roten Audi gekauft.« Auf Raten natürlich, erzählt Montalto, der schon seit 20 Jahren bei TA arbeitet. »Ich hab'' hier alles erlebt, hab'' erst Schreibmaschinen, dann Drucker für die Bundesbahn und auch das Notebook gesehen.«

Doch auch das neue Produkt brachte nur Verluste. Olivetti-Chef Carlo de Benedetti, mit seiner Firma selbst hoch verschuldet, verlor die Geduld. Sein Statthalter Giuseppe Giacobbe sagt, Deutschland, ganz Europa eigne sich sowieso nur noch als Marketingstützpunkt.

Luigi Montalto und seine Frau Rosa sind 1973 aus Kalabrien nach Nürnberg gekommen, »damit es unseren Kindern mal bessergeht«. Doch letzten Herbst dämmerte ihnen, daß sich der Traum nicht erfüllen wird. Beiden wurde am Tag vor Heiligabend die Kündigung zugeschickt.

Montalto hat inzwischen schon nach neuer Arbeit gesucht. Nur: »Es gibt keine Jobs, außer in der Gastronomie«, sagt er und schaut hilflos im vollgestellten Wohnzimmer umher. Rosa Montalto erzählt von der neuen Schrankwand und Couch, die sie sich kaufen wollten - doch »wir werden im Sommer nicht mal nach Italien fahren können«.

Lebensplanung ist schwierig geworden in dieser Region, in der die Klagen der Gewerkschaft nach Industriepolitik wenig bewirkt haben. Für Nürnberg ist es nicht die erste Krise: In den siebziger und achtziger Jahren kauften internationale Konzerne viele einheimische Großbetriebe.

Die Konzentration hat in den vergangenen 15 Jahren über 35 000 Arbeitsplätze gekostet. Die Stadtväter glaubten damals, damit habe die Region ohne ausgeprägten Mittelstand eine Überlebenschance. Doch die größeren Betriebe in Nürnberg - 70 Prozent der Erwerbstätigen arbeiten in Unternehmen mit mehr als 200 Beschäftigten - blieben anfällig.

Der Nürnberger IG-Metall-Chef Gerd Lobodda macht die Übernahme durch internationale Konzerne verantwortlich für den Arbeitsplatzschwund. Die Politiker hätten bisher nur tatenlos zugesehen.

Mit einer Menschenkette um das Gebäude der Industrie- und Handelskammer (IHK) wollten Lobodda und 1000 Nürnberger im Dezember endlich erreichen, »daß die Kammer nicht mehr den Kopf in den Sand steckt«. Doch die hat nicht mehr zu bieten als die alten Weisheiten der liberalen Schulbuchökonomie: »Konjunkturzyklen sind das eine, die Wirtschaft ist das andere«, heißt es in den IHK-Mitteilungen, »Konjunktur ist wie Ebbe und Flut, die Wirtschaft gleicht dem großen Meer.« Die Ebbe in Nürnberg kann von Dauer sein. Denn »es gibt keine Firma, die nicht darüber nachdenkt, ihre Fertigung in die Tschechei zu verlagern«, sagt Hans-Joachim Lindstadt, Leiter der IHK-Abteilung Volkswirtschaft. Die Grenze ist ja nur knapp 150 Kilometer von Nürnberg entfernt.

Die Folgen des Arbeitsplatzschwunds erkannte Gerd Lobodda vor ein paar Monaten bei der »Totenfeier« der Nürnberger Filiale des US-Konzerns National Machinery. Bei der Betriebsversammlung spielte einer der Arbeiter Trompetensolo. Mehr als 350 Jobs waren beim Konkurs verlorengegangen. Gestandene Facharbeiter, die der IG-Metall-Chef seit 20 Jahren als treue Sozialdemokraten kennt, sagten: »Gerd, jetzt wähle ich aber die Reps.«

Solch düstere Perspektiven veranlaßten Stadtoberhaupt Schönlein, einen Helfer aus Köln zu importieren, der den Abstieg aufhalten soll.

Der neue Wirtschaftsreferent Utz Ingo Küpper, der zugibt, sich an den Dialekt und fränkische Streiterein noch gewöhnen zu müssen, will zumindestens das Know-how der Hochqualifizierten retten. Auf dem alten Werksgelände von Triumph-Adler soll eine Denkfabrik entstehen, »als Keimzelle für neue industrielle Entwicklungstätigkeiten«.

Für die Traditionsbetriebe in Familienhand, glaubt Küpper, könnten die entlassenen Tüftler dort neue Produktideen ausbrüten. Doch auch er gibt zu, daß den meisten Arbeitnehmern ("traurige Einzelschicksale") damit wohl nicht zu helfen sei: »Großbetriebe fallen ja nicht vom Himmel.«

Das hat auch Oberbürgermeister Peter Schönlein zwei Tage nach der Luftballon-Betriebsversammlung erkannt. Sein Stadtrat rang sich, nach Buh-Rufen auf der Besucher-Tribüne, immerhin folgenden Beschluß ab: »Besondere Sorge bereiten die weiteren drohenden Arbeitsplatzverluste bei der Firma Grundig, die große Betroffenheit hervorgerufen haben.«

* Im Rathaus, während einer Sitzung des Stadtrats am 3. März.

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