TOURISMUS Wie ein Eichhörnchen
Als Peter Paul Brandenburg im August dieses Jahres die Touristikfirma Jet-Reisen erwarb, wunderte sich die ganze Branche. Niemand in dem sonst so geschwätzigen Gewerbe kannte den Dreiunddreißigjährigen, der das siebtgrößte Reiseunternehmen der Republik gekauft hatte.
Die wildesten Gerüchte kamen auf Die einen behaupteten, Brandenburg sei nur der Strohmann einer Charterfluggesellschaft. Andere spekulieren, das Geld für den Kauf der Reisefirma stammte aus Brandenburgs Familie, die am Hausgerätehersteller Miele beteiligt ist.
Nun zeigt sich, daß zumindest einige der seltsamen Geschichten, die über Brandenburg erzählt wurden, dicht an der Wahrheit lagen. Der Firma Jet-Reisen drohen schwere Tage.
Brandenburg hatte sich zunächst als Geschäftsmann mit einer Traumkarriere präsentiert. Mit 17 Jahren habe er sein Abitur gemacht, mit 20 in Italien einen Abschluß als Diplom-Volkswirt erworben. Danach habe er an der renommierten Harvard-Universität studiert und schließlich mit 26 Jahren in Tokio promoviert.
Auch über seine geschäftliche Tätigkeit ließ Brandenburg Erstaunliches verbreiten. Er habe etliche Millionen im Ölgeschäft verdient und, so ganz nebenbei, eine marode Firma saniert. Brandenburg: »Das Unternehmen lag am Boden, ich habe es aufgebaut.«
Den Namen der Firma mochte er jedoch nicht nennen, und so blieb es bei Behauptungen und immer neuen Gerüchten.
Dann meldete sich Brandenburgs jüngerer Bruder Axel zu Wort. In einem Interview, das er später wieder zurückzog, charakterisierte er Peter Paul als Hochstapler. Sein Bruder, so Axel, habe weder ein italienisches Wirtschaftsdiplom noch in Harvard studiert. Es stimme auch nicht, daß er Millionenbeträge im Ölgeschäft verdient habe.
Der neue Eigentümer der Jet-Reisen mußte zugeben, daß sein Bruder die Wahrheit gesagt hatte. Aus dem Wirtschaftsdiplom in Italien wurde nun ein abgebrochenes Medizinstudium, vom Studium in Harvard blieb nur ein dreimonatiger Sommeraufenthalt. Der Doktortitel aus Tokio war nur ein Diplom für Betriebswirtschaft.
Auch der berufliche Werdegang hatte kaum noch Glanz. Brandenburg begann als Lehrling bei der Dresdner Bank in Düsseldorf und wechselte dann zur deutschen Mitsubishi-Niederlassung. Die Millionengeschäfte mit Öl waren ebenso erfunden wie die Sanierung einer Firma.
Der Kaufpreis für Jet-Reisen, behauptete der Jungunternehmer nun, stamme zum größten Teil aus persönlichen Ersparnissen. »Wie ein Eichhörnchen«, so Brandenburg, habe er sein Geld gehortet. Allerdings hätten ihm auch Freunde und Verwandte geholfen, die Reisefirma zu erwerben. Brandenburgs Geschäftspartner zeigten sich nicht überzeugt. Reisebüros, Hotels und Fluggesellschaften fragen sich seitdem erst recht. ob der Neuling die finanziellen Mittel habe, um die Firma weiterzubetreiben. Jet-Reisen nämlich leidet schon seit längerem unter Geldmangel.
Begonnen hatte die Firma mit Studentenreisen. Ihr Geschäftsführer Roland Stichler baute sie im Laufe weniger Jahre zu einem der größten Städtereisen-Veranstalter aus. Inzwischen gilt Jet-Reisen zudem als besonders preiswerter Anbieter von Fern- und Badereisen.
Doch die rasche Expansion forderte ihren Preis. Die drei Gesellschafter, außer Stichler noch Michael Heines und Rudolf Reuter, konnten mit dem Kapitalbedarf
nicht Schritt halten. Sie mußten sich nach einem potenten Käufer umsehen.
Da tauchte Peter Paul Brandenburg auf. Er übernahm zunächst 40 Prozent der Firma und erwarb ein Jahr später die restlichen Anteile. Er versprach, das Stammkapital der Firma von 500000 Mark auf zehn Millionen aufzustocken, um das Unternehmen weiter auszubauen.
Die Praxis sieht anders aus. Brandenburg hat das Firmenkapital bis heute nicht erhöht. Statt dessen platzten bereits einige Schecks. Brandenburg erklärte das mit einem »Dispositionsfehler, der im Zusammenwirken mit der Bank bereinigt wurde«, und löste die Schecks Anfang vergangener Woche ein.
Seine Bank bescheinigte ihm. daß er alle »Verpflichtungen bis dato prompt erfüllt« habe. Trotzdem hatten bis Anfang vergangener Woche 14 Agenturen die Abbuchungsgenehmigungen für Jet-Reisen zurückgezogen.
Auch unter den Mitarbeitern ist Unruhe ausgebrochen. Ihnen fiel auf, daß Brandenburg vom Tourismusgeschäft kaum etwas versteht. Einige Mitarbeiter haben von sich aus gekündigt, zwei andere wurden von Brandenburg gefeuert. Als die Belegschaft den Chef zur Rede stellen wollte, flüchtete er in den Keller.
Brandenburgs wichtigste Geschäftspartner glauben nicht, daß der forsche junge Mann, der inzwischen auch seinen älteren Bruder in die Geschäftsleitung aufnahm, die Firma allein auf Kurs halten kann. Sie haben ihm geraten. Jet-Reisen so schnell wie möglich wieder zu verkaufen.
Doch Brandenburg will davon nichts wissen: »Darüber«, behauptet er, »wird nicht geredet.«