Eisenbahnen Wie ein Kätzchen
US-Richter Charles R. Scott wünscht sich den Beistand eines erfolgreichen biblischen Kollegen herbei. »Es sieht so aus, als bräuchten wir einen Salomon«, klagt der Distriktsrichter aus Jacksonville (US-Bundesstaat Florida), »um diesen Fall zu entscheiden.«
Der Fall, den Richter Scott nur mit salomonischer Hilfe lösen zu können glaubt. handelt vom längsten Streik der US-Geschichte. Entsprechend umfänglich gerieten die Klagen der Arbeiter gegen die bestreikte Gesellschaft, die Zeugenaussagen und die Beweisunterlagen. die dreißig dickleibige Bände füllen.
Begonnen hatte der Rekord-Streik im Januar 1963, als zunächst 1200 Beschäftigte der privaten Eisenbahngesellschaft Florida East Coast Railway wegen unerfüllter Lohnforderungen die Arbeit niederlegten. Durch einen neuen Tarifvertrag beendet wurde der Kampf erst Ende Januar dieses Jahres -- neun Jahre, eine Woche und einen Tag nach Ausbruch des Arbeitskonflikts.
Dabei hatten die Eisenbahnarbeiter zu Beginn des Streiks auf einen leichten und schnellen Sieg gehofft. Denn ihre Gewerkschaften galten als stark, die Florida-East-Coast-Gesellschaft dagegen »war so schwach wie ein Kätzchen« ("The Wall Street Journal"). Das Unternehmen, das den Eisenbahn-Güterverkehr zwischen Miami und Jacksonville an der Ostküste Floridas betreibt, war erst knapp zwei Jahre zuvor aus dreißigjähriger Aufsicht des Konkursverwalters entlassen worden und kämpfte mühsam darum, sich in den schwarzen Zahlen zu halten.
Doch als der Streik neun Jahre später endete, war das Unternehmen saniert. Im vergangenen Jahr stieg der Betriebsgewinn auf 2,7 Millionen Dollar -- auf das Sechsfache des Gewinns im Jahre 1970. Und im ersten Quartal dieses Jahres kletterte er bereits auf 1,1 Millionen Dollar -- 75 Prozent mehr als in der gleichen Vorjahresperiode.
Die Verwandlung der maroden Gesellschaft in ein krisenfestes Unternehmen hat Ed Ball, der 84jährige Chef der Florida East Coast, allein dem überlangen Arbeitskampf zu verdanken. Denn von gewerkschaftlichen Vorschriften unberührt, konnte Ball während des Ausstands den Betrieb rationalisieren und den Personaleinsatz straffen.
Obgleich sich das 800 Mann starke Zugpersonal dem Streik der übrigen 1200 Arbeiter anschloß, stand der Ball-Expreß nur in den ersten zehn Streiktagen still. Dann kletterte das Aufsichtspersonal selbst in die Loks. Später übenahmen rasch angeworbene Fabrikarbeiter und College-Studenten die Jobs der Streikenden.
Bald verkehrten die Züge wieder fast in gewohnter Folge, wenn auch nur jeder zweite Streikende durch einen neuen Arbeiter ersetzt worden war. So sank die Zahl der Beschäftigten von 2129 im Jahre 1962 auf 974 im Jahre 1970. Die Firma merzte damit, wie Personalchef Wyckoff erklärte, »ein erstaunliches Maß an personeller Überbesetzung und Leerlauf in jeder Abteilung« aus.
Allein durch die Verringerung des Zugpersonals sparte das Unternehmen gewaltige Summen ein: Vor dem Streik fuhr eine fünfköpfige Besatzung mit dem Zug in zwei bis drei Stunden 120 bis 125 Meilen, wurde dann abgelöst und kassierte einen vollen Tageslohn. Gesamte Kosten für drei Zugbesatzungen auf der 345-Meilen-Strecke von Jacksonville bis Miami bei heutigen Löhnen: 580 Dollar.
Nach den neuen Regeln, die Eisenbahnboß Ball während des Streiks erließ, führt ein Drei-Mann-Team den Zug über die gesamte Distanz, spart dabei die Zeit für den zweimaligen Wechsel des Zugpersonals und steckt den Zuschlag für anderthalb Überstunden ein. Gesamte Lohnkosten: 127,61 Dollar. Bei 14 Zügen pro Tag -- sieben in jeder Richtung -- beträgt die Kostenersparnis der Gesellschaft täglich 6333,46 Dollar. etwa zwei Millionen Dollar im Jahr.
Weniger gut bekam der Dauerstreik allerdings den Arbeitern und ihren Gewerkschaften. Einige der Streikenden nahmen schon während des Ausstands ihre Arbeit wieder auf, einige heuerten bei anderen Firmen an, und einige gingen in Pension oder starben. Als die Gewerkschaften endlich aufgaben und einen neuen Tarifvertrag unterschrieben, kehrten nur knapp hundert Eisenbahner an ihren alten Arbeitsplatz zurück.
200 Arbeiter streiken sogar noch heute. Denn der Vertrag, den Florida-East-Coast-Chef Ball nach neun Jahren diktieren konnte, besiegelte eine vollständige Niederlage der Gewerkschaften. Mehr noch als über den hartnäckigen Eisenbahnboß sind die Arbeiter daher über ihre Gewerkschaftsführer erbost.
So hatten die Arbeiter 1962 zur Angleichung ihres Stundenlohns an vergleichbare Löhne anderer Eisenbahnunternehmen eine Zulage von zehn Cent gefordert. Heute verdienen Florida-East-Coast-Werker einen Dollar pro Stunde weniger als ihre Kollegen bei anderen Linien.
Verärgert sind die Arbeiter vor allem über die niedrige Entschädigung für den Lohnausfall, der ihnen während des Streiks entstand. Denn die Gewerkschaften, denen der Ausstand ein Loch von 7,7 Millionen Dollar in die Streickassen riß, gaben sich bei Abschluß des Ausstands mit einer Entschädigung durch die Firma von 1,5 Millionen Dollar zufrieden. Davon wollen sie ein Drittel für die eigenen Kassen einbehalten und nur den Rest an ihre streikgeprüften Mitglieder ausschütten.
Einige der Arbeiter fochten den Vertrag daher vor dem Distriktsgericht in Jacksonville an. Richter Scott hat nun zu entscheiden, ob der Vertrag rechtsgültig ist und wie die 1,5 Millionen Dollar auf die Gewerkschaften und die betroffenen Arbeiter aufzuteilen sind. Darüber hinaus liegen dem Richter dreitausend Klagen vor -- auch von Arbeitern, die nicht streikten -, in denen insgesamt 17 Millionen Dollar Schadenersatz gefordert werden.
Scott fürchtet, die Klagen nicht rechtzeitig genug entscheiden zu können. Er geht 1976 in Pension.