KRANKENHÄUSER Wie ein Supermarkt
Modernste Behandlungsmethoden« hatten sie versprochen, Komfort und eine Speisekarte »wie im Hotel": Den Kranken der nördlich von Hamburg gelegenen »KG Nordland Klinik GmbH & Co« sollte es an nichts fehlen.
Am Montag letzter Woche war die Klinikgesellschaft am Ende. Weil die Rechnungen sich häuften, die 450 Kommanditisten nichts nachschießen mochten und weder Patienten noch Krankenkassen zu rupfen waren, meldete Geschäftsführer Jan Quast Konkurs an.
Schon im September war der Hauptgläubigerin, der Deutschen Hypothekenbank in Hannover, klargeworden, daß das Unternehmen vor dem Zusammenbruch stand. Die Bank ließ die Klinik unter Zwangsverwaltung stellen und setzte ihren Bevollmächtigten Jörg Schröder per Gerichtsbeschluß zum Zwangsverwalter ein.
Was Schröder in der Abschreibungs-Klinik vorfand, dürfte in der westdeutschen Krankenhaus-Landschaft äußerst rar sein: Wegen »personeller Unterbesetzung« weigerten sich die Ärzte zu operieren, und von den 212 Betten des Hauses waren ganze 20 belegt.
Die Krankengeschichte begann unmittelbar nach dem Start der Klinik. Die Ärzte mußten sich zu Gehaltskürzungen bereitfinden, und weil auch das nichts half, wurde weiter gespart: an der Medikamentenausgabe und schließlich sogar am sterilisierten OP-Besteck. Schröder: »Da entstand eine tiefe Vertrauenskrise.«
Dann ging es dem Personal an die weißen Kittel. Von 19 Arzt-Planstellen waren schließlich nur noch sieben besetzt. Und »mit einer einzigen OP-Schwester«, wetterte im September Chefarzt Hartwig Carstensen, könne er »nicht einmal den ärztlichen Bereitschaftsdienst aufrechterhalten«.
Um beim Operieren nicht mit dem Staatsanwalt zu kollidieren, weigerten sich Carstensen und seine Kollegen schließlich, ein Skalpell in die Hand zu nehmen -- und wurden vor wenigen Wochen wegen ständiger Querelen mit der Verwaltung gefeuert.
Da erst wurden die Hannoveraner aktiv. Sie stellten die Gefeuerten wieder ein und sorgten dafür, daß der Operationsbetrieb wieder anlief.
Dabei hätten die Bankiers eigentlich von Anfang an mißtrauisch sein müssen. Zu den Klinik-Gründern nämlich gehört der in Fachkreisen einschlägig bekannte Hamburger Facharzt für Röntgenologie und Strahlenheilkunde Dr. Rupprecht Hohlfeld, der 1974 am Hamburger Nobistor das »größte Facharzt-Zentrum Europas« eröffnen wollte.
Der medizinische Supermarkt, in dem laut Prospekt »bis zu 120 selbständige niedergelassene Fachärzte aller Disziplinen nach dem Gruppenprinzip der amerikanischen Mayo-Klinik zusammenarbeiten« sollten, kam jedoch nie zustande. Als der Bau stand, war Hohlfelds »Norddeutsches Facharzt-Zentrum in Hamburg GmbH & Co KG« ausgeblutet, die Gesellschaft mußte in aller Stille liquidiert werden.
Auch die Nordland-Klinik stammt aus Hohlfelds Gründerzeiten. Zu ihrer Finanzierung gründete er die »Klinik des Norddeutschen Facharztzentrums in Hamburg GmbH & Co KG«, die später in »KG Nordland-Klinik in Henstedt-Ulzburg GmbH & Co« umbenannt wurde und ihren Kommanditisten 18 Prozent Rendite und 179 Prozent Verlustzuweisungen versprach. Steuersparer investierten insgesamt elf Millionen Mark Stammkapital -- viel zuwenig für das ehrgeizige Projekt.
Bereits im März 1974 -- die Bauarbeiten für die Klinik hatten gerade begonnen -- erlebte Hohlfeld seine erste Panne. Die Henstedter Interorg-Gruppe, die das Krankenhaus schlüsselfertig erstellen sollte, mußte Konkurs -- viele Handwerker-Rechnungen sind bis heute nicht bezahlt.
Als die Klinik einige Wochen später doch noch eröffnet werden konnte. erreichte sie bald eine Auslastung der Bettenkapazität von über 90 Prozent. Doch das war zu wenig: Fürstliche Bezüge für die Chefärzte (bis zu 400 000 Mark im Jahr) und hohe Kostenbelastungen aus der Gründerzeit zwangen zu immer neuen Einsparungen. Carstensen: »Man kann ein Krankenhaus nicht wie einen Supermarkt führen.«
Die angespannte Finanzlage hinderte Firmengründer Hohlfeld freilich nicht daran, mit der eigenen Gesellschaft lukrative Geschäfte zu machen. Im Auftrage von 400 Kommanditisten fand die »Betriebs- und Treuhandgesellschaft Westholstein GmbH« zum Beispiel heraus, daß Hohlfeld für ein 22 303 Quadratmeter großes Klinikgrundstück ganze acht Mark gezahlt hatte -- die Gesellschaft mußte ihm später einen Quadratmeter-Preis von 54,50 Mark zahlen.
Eine Option für weitere 22 000 Quadratmeter überließ er seinem Mitgeschäftsführer Klaus Martens, der das Areal ebenfalls an die Klinik verkaufte. Als es in der Gesellschaft wegen des Handels· zum Krach kam, mußte Martens seinen Posten niederlegen und 350 000 Mark Gewinn zurückzahlen.
Die hannoverschen Bankiers versuchen derweil, den Klinikbetrieb wieder unter Kontrolle zu bringen. Allzulange wollen sie sich damit nicht aufhalten: Das Geschäft mit der Krankheit ohne Staatszuschüsse erscheint ihnen so riskant, daß sie das Krankenhaus am liebsten rasch für 30 Millionen Mark verkaufen möchten. Zwangsverwalter Schröder: »Wir denken in erster Linie an einen gemeinnützigen Investor.«