Wie ein Zocker - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 49 / 127

Wie ein Zocker

• aus DER SPIEGEL 5/1996
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hilmar Kopper blickte an die Decke, Karl Feuerstein zur Seite und die übrigen Aufsichtsräte schauten nur irritiert drein: Daimler-Benz-Chef Jürgen Schrempp hatte soeben seinen Rücktritt angeboten.

Für den drohenden Konkurs von Fokker, so hatte Schrempp den Kontrolleuren am vergangenen Montag gesagt, »übernehme ich die moralische Verantwortung«. Deshalb frage er den Aufsichtsrat, ob er noch dessen Vertrauen habe. Manfred Bischoff, Vorsitzender der Daimler-Benz Aerospace, schloß sich seinem Chef gleich an.

Kurz danach mußten die beiden den Raum verlassen. Aufsichtsratschef Kopper von der Deutschen Bank, Karl Feuerstein vom Betriebsrat und die übrigen Kontrolleure waren erkennbar verärgert.

»Wie ein Zocker«, so ein Aufsichtsrat, habe der Vorstandsvorsitzende von Daimler-Benz agiert, alles auf Rot gesetzt in der ziemlich gesicherten Hoffnung, daß die Kugel auf der richtigen Zahl liegenbleibt.

Der Manager hatte seine Aufseher in eine unangenehme Lage gebracht. Sie konnten den Daimler-Chef doch nicht, nachdem er knapp acht Monate im Amt ist, stürzen. Andererseits wollten sie ihm aber auch keinen Persilschein ausstellen. Und so drückten die Aufsichtsräte sich vor einer Entscheidung, wie so oft in der Vergangenheit.

»Die Vertrauensfrage kann nicht das Thema sein«, beschied Kopper die beiden Vorstände, als sie wieder hereingerufen wurden.

Bei einigen Kontrolleuren weckte der Auftritt Schrempps Zweifel, ob er der richtige Mann an der Spitze von Deutschlands größtem Konzern ist. Solidität und Seriosität strahlte sein Verhalten jedenfalls nicht aus.

Andere Aufsichtsräte waren vor allem ums eigene Geschäft besorgt. Jürgen Sarrazin von der Dresdner Bank und Martin Kohlhaussen von der Commerzbank interessierte, was nun mit den Fokker-Fonds geschehe. Ihre Institute haben für insgesamt 950 Millionen Mark Fokker-Anleihen verkauft. Den Kunden droht der Verlust des Geldes und den Banken jede Menge Ärger.

Daimler-Finanzvorstand Manfred Gentz mußte die beiden Aufsichtsräte abweisen. Der Konzern könne dafür nicht bürgen. Es gibt keine Vorzugsbehandlung für die Banken der Kontrolleure.

Wenn sie schon keinen Vorteil aus ihrem Aufsichtsratssitz bei Daimler ziehen, dann müssen die Bankiers wenigstens dafür sorgen, daß ihr Ruf keinen Schaden nimmt. Aktionäre könnten fragen, was die Kontrolleure eigentlich gemacht haben, als Daimler bei AEG, Dornier, MBB, Cap Gemini und Fokker einstieg.

Sie haben genickt, zehn Jahre lang. So wie sie jetzt wieder nicken, wenn Schrempp das Steuer herumreißt, AEG auflöst und Fokker in den Konkurs treibt.

Nun müssen Kopper und Co. ablenken vom eigenen Versagen. In der Sitzung traute sich keiner, den Schuldigen zu nennen; er saß ja noch unter ihnen. Doch danach wurden die Ängstlichen mutig und forderten: Reuter raus.

Natürlich trägt Edzard Reuter die Verantwortung. Als Vorstandsvorsitzender hat er den Konzern in die Krise geführt. Doch der Aufsichtsrat ließ ihn nicht nur gewähren. Er wählte ihn zum Abschied sogar noch in sein Präsidium.

Kopper damals: Reuter habe »Unternehmensgeschichte und noch ein wenig mehr« geschrieben. Nun will Kopper »mit Reuter reden«, um ihn zur Aufgabe seines Postens zu bewegen.

* Im Mai 1995 mit Aufsichtsratschef Hilmar Kopper (l.) und VorgängerEdzard Reuter (r.).

Zur Ausgabe
Artikel 49 / 127

Mehr lesen über