Wie Fliegendreck - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 31 / 94

AFFÄREN Wie Fliegendreck

Auf Druck der Amerikaner drängt Bonn eine deutsche Firma aus einem legalen Exportgeschäft. *
• aus DER SPIEGEL 50/1987
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Wink kam von höchster Stelle, aus dem Weißen Haus in Washington. Sein Geheimdienst CIA habe herausgefunden, ließ Präsident Ronald Reagan den Verbündeten Helmut Kohl wissen, daß der Ajatollah Chomeini mit U-Booten der bundesdeutschen Firma Bruker im Persischen Golf operiere. Der Kanzler möge das doch bitte abstellen.

Helmut Kohl parierte. Mitte Oktober schrieb er einen Brief an Martin Bangemann. Kohl beauftragte seinen Wirtschaftsminister, den Export eines bei dem Unternehmen Bruker Meerestechnik in Rheinstetten bei Karlsruhe gefertigten U-Bootes zu verbieten.

Am Mittwoch der vorigen Woche meldete Bangemann Vollzug. Das kostet allerdings einiges. In dieser Woche beschließt das Kabinett offiziell, dem Unternehmen zum Ausgleich für das geplatzte Geschäft knapp sechs Millionen Mark aus dem Bundeshaushalt zukommen zu lassen.

Damit ist eine Bonner Posse beendet in der nichts stimmt. Das U-Boot ist kein U-Boot, sondern ein ziviles Tauchboot für vier Mann Besatzung. Das Boot war nie im Nahen Osten. Es wurde nicht an Chomeini, sondern an Nordkorea verkauft.

Unstreitig ist, daß Nordkorea neben dem bereits gelieferten ein zweites Boot bestellt hat, das in diesem Jahr ausgeliefert werden sollte. Aus diesem Handel wird auf Wunsch Washingtons nun nichts, obwohl keiner der Einwände sich als stichhaltig erwies.

Die bundesdeutschen Gesetze erlauben deshalb auch nicht, das Geschäft zu verbieten. Martin Bangemann mußte um Ronald Reagan gefällig zu sein, das Wohlverhalten der Firma Bruker mit Steuer-Millionen erkaufen.

Für die Firma, ein mittelständisches High-Tech-Unternehmen mit etwa 40 Beschäftigten, begann der Kontakt zum kommunistischen Nordkorea Anfang der achtziger Jahre. Die Asiaten bestellten ein Tauchboot vom Typ »Seahorse«.

Die Koreaner forschen mit dem Gerät an ihren Küsten nach Bodenschätzen, sie untersuchten mit dem Schiff zudem den Meeresboden in einer Region, wo sie mit Riesendämmen Neuland aus dem Meer gewinnen wollten. Boote dieser Art dienen außerdem dazu, Unterwasserkabel oder Bohrinseln zu inspizieren.

Bruker wendete sich, wie es üblich ist, an das Bangemann unterstehende Bundesamt für Wirtschaft in Eschborn. Die Experten dort überprüften die Pläne und erteilten einen sogenannten Negativ-Bescheid. Das bedeutet: Nach ihrem Urteil handelt es sich bei dem Tauchboot um ein ziviles Fahrzeug ohne sonderliche High-Tech-Qualität.

Nach bundesdeutschen Vorschriften konnte somit der Handel stattfinden ohne daß es einer besonderen Genehmigung bedurfte. 1983 lieferte Bruker den Koreanern das erste Boot, die Bezahlung erfolgte prompt. Als die exotischen Kunden ein zweites, baugleiches Schiff bestellten, lief die Prozedur nach gleichem Muster ab. Die Koreaner hatten sogar schon vor der Lieferung drei Millionen des Kaufpreises von insgesamt 5,9 Millionen Mark überwiesen.

Doch dann kam Reagans CIA ins Spiel. Die Amerikaner meinten, das Bruker-Boot »Seahorse I« plötzlich im Golf ausgemacht zu haben. Der Präsident beließ es nicht bei dem Bescheid an seinen Freund Helmut. Das US-Handelsministerium schickte eigens eine Kommission nach Bonn, die Bangemanns Experten Belege für ihre Behauptung vorlegten.

Die Bonner Beamten bekamen Videoaufzeichnungen und Satellitenphotos zu sehen. Die Vorführung war so geheim daß niedere Beamten-Chargen aus dem Saal gewiesen wurden. Ein Teilnehmer über den Erkenntniswert: »Man konnte so etwas wie Fliegendreck erkennen.«

Es stand längst fest, daß der »Fliegendreck« nicht »Seahorse I« sein konnte. Ein Bruker-Mitarbeiter hat das Schiff noch vor 14 Tagen in Nordkorea gesehen. Die Amerikaner bestanden dennoch darauf, die Auslieferung des fertigen »Seahorse II« zu verhindern.

Auf den CIA-Photos aus dem Golf glauben U-Boot-Experten inzwischen ein Schiff vom Typ »X-Craft« ausgemacht zu haben. Solche Kleinst-U-Boote setzten die Briten schon im Zweiten Weltkrieg ein. Wie ein solches Exemplar in den Nahen Osten gelangt sein könnte, weiß niemand.

Die CIA-Aktivitaten waren inzwischen den Südkoreanern aufgefallen. Die bestärkten ihre US-Beschützer im U-Boot-Streit. Die Militärs in Seoul behaupteten, der nördliche Nachbar mißbrauche die Tauchboote, um vor den Olympischen Spielen in Südkorea Agenten abzusetzen. So blieb es bei dem Veto aus Washington. Der Kanzler befahl Reagan zu Willen zu sein. Also wurde die Ausfuhr gestoppt.

Rechtlich war nichts zu machen, wie die Beamten sogar in einem Fernschreiben an Bruker gestanden. In der vergangenen Woche beschloß das Kabinett deshalb, Bruker zu entschädigen und das Problem so zu erledigen. Die Entscheidung ist nur deshalb noch einmal vertagt worden, weil Gerhard Stoltenberg nicht soviel zahlen will, wie Bruker von den Nordkoreanern erhält. 5,9 Millionen sind dem Finanzminister zuviel. Kein Wunder, er braucht ja auch kein Tauchboot.

Doch der Bonner Knauserer wird letztlich sogar noch ein paar Hunderttausender mehr überweisen müssen. Die sind der Firma Bruker wegen des Vertragsbruchs

an zusätzlichen Kosten entstanden.

Beim Feilschen hat Stoltenberg keine Chance. Wenn das Angebot der Regierung nicht ausreiche, so Geschäftsführer Jörg Haas, werde er den Export des Seepferds mit Hilfe der Gerichte erzwingen.

Zur Ausgabe
Artikel 31 / 94

Mehr lesen über