MANAGER Wieder einer dran
Die Manager von der Ruhr trauten dem neuen Kollegen aus Bonn nicht viel zu. Für sie stand fest, daß der langgediente Beamte die Arbeit in Dortmund nicht schaffen würde. Schließlich fehlte ihm jedwede Industriepraxis.
Kaum im Amt, kamen Detlev Karsten Rohwedder auch selber Zweifel. »So schwer«, bekannte der Vorstandschef des Stahlkonzerns Hoesch, »habe ich mir meine neue Aufgabe nicht vorgestellt.« Das Unternehmen, an dessen Spitze er berufen worden war, sei »praktisch bankrott«.
Gut viereinhalb Jahre nach Rohwedders Wechsel vom Amt des Wirtschafts-Staatssekretärs an die Ruhr haben seine Kollegen im Revier eine ganz andere Meinung über den Neuling. Rohwedder hat sich in der deutschen Stahlindustrie Respekt verschafft: Während Konkurrenten auf dem Höhepunkt der Stahlkrise immer weiter absackten, brachte er seinen konkursreifen Konzern wieder in die Gewinnzone.
Hoesch, das zweitgrößte deutsche Stahlunternehmen (7,4 Milliarden Mark Umsatz, 38 000 Beschäftigte), ist inzwischen so stark, daß der Hüttenchef bei den jetzt diskutierten Fusionsplänen der Krisenbranche nicht mitmachen will.
Brüsk lehnte der Neu-Manager die von Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff geforderte Fusion mit dem bundeseigenen Salzgitter-Konzern und den Klöckner-Werken ab. Er plant den Alleingang. Daß dies nicht gerade im Sinne seines früheren Dienstherrn in Bonn ist, kümmert ihn wenig.
Der promovierte Jurist, den seine einstigen Kollegen aus der Ministerialbürokratie als anpassungsfähig und jovial kennen, hat in Dortmund umgelernt. Der schlaksig wirkende Fünfziger gilt inzwischen als beinharter und zielstrebiger Manager, der taktisch gewieft vorgeht.
Selbst erfahrene Hüttenvorstände bewundern, wie Rohwedder Gewerkschafter, Betriebsräte und Aktionärsvertreter für sich einzuspannen weiß.
Seine im Bonner Klüngel gewonnenen Erfahrungen und sein bei zahlreichen Auslandskontakten geschliffenes Verhandlungsgeschick konnte Rohwedder schon manches Mal ausspielen. In der Ministerialbürokratie, die für die notleidende Stahlindustrie der wichtigste Gesprächspartner geworden ist, kennt er sich besser aus als seine Kollegen.
Neun Jahre lang hat sich Rohwedder, der 1969 mit 37 Jahren von Karl Schiller als Staatssekretär ins Wirtschaftsministerium berufen worden war, um Industrie- und Energiepolitik gekümmert. Der ehemalige Teilhaber einer Düsseldorfer Wirtschaftsprüfungsfirma, der mehr durch Zufall denn durch Neigung SPD-Mitglied geworden war, beschied sich stets mit der Rolle des obersten Beamten; eine politische Karriere schien ihm zu riskant und zu aufreibend.
Mit dem Einkauf des Bonner Profis hatte der Hoesch-Aufsichtsrat einen ganz besonderen Zweck verfolgt. Rohwedder, so glaubten sie, würde besonders qualifiziert sein, wenn es um das Abgreifen Bonner Subventionen ginge. Vor allem der niederländische Partner Hoogovens, mit Hoesch im Jahre 1972 fusioniert, spekulierte auf die deutschen Haushaltskassen.
Die Holländer, die in diesem Stahlpakt den Ton angaben und Hoesch jahrelang ausgepreßt hatten, waren schließlich selbst klamm geworden. Fast über ein Jahrzehnt hatte Hoogovens den westfälischen Partner gezwungen, zu Lasten der Dortmunder Werke eine halbe Million Tonnen Vormaterial jährlich teuer in Holland zu kaufen.
Im Glauben an einen ewigen Stahlboom hatten sich die Niederländer verpflichtet, für mögliche Verluste bei Hoesch geradezustehen. Als Stahl am Ende der Siebziger nur noch zu Billigstpreisen loszuschlagen war, mußte Hoogovens in Dortmund ein Minus von rund 800 Millionen Mark ausgleichen.
1980 wollten die Holländer für neue Hoesch-Verluste nicht mehr einstehen. Nun setzte Rohwedder alles auf Trennung. Während in Dortmund schon die Scheidung vorbereitet wurde, spielte er in Holland noch den treuen Partner. Mit
juristischen Winkelzügen schaffte Rohwedder schließlich, was in der Branche niemand für möglich gehalten hatte - die reibungslose Abkoppelung von Hoogovens.
Weil sein marodes Unternehmen allein nicht lebensfähig schien, verhandelte Rohwedder damals mit dem benachbarten Ruhrkonzern Krupp Stahl über eine Fusion. Monatelang schleppten sich die Gespräche dahin, die Partner zerstritten sich immer wieder über die Bewertung einzelner Vermögensteile. Rohwedder bereitete derweil sein Unternehmen darauf vor, daß es auch allein überleben konnte.
Rigoros räumte der Chef in den Dortmunder Fabriken auf. Chronische Verlustbringer wurden abgestoßen oder dichtgemacht und sämtliche Betriebe konsequent auf überflüssige Kosten durchforstet.
Gegen die unvermeidbaren Entlassungen inszenierten Gewerkschafter und Politiker zwar Proteste. Doch der wortgewandte Chefmanager brachte schließlich die Betriebsräte hinter sich und konnte mit ihrer Hilfe die Belegschaft um rund 9000 Mitarbeiter vermindern.
Auch an der Spitze wurde gekürzt. Der neue Chef fand in Dortmund einen Vorstand vor, der sich an der Ruhr vor allem durch seine Trinkfestigkeit einen Namen gemacht hatte. Bis auf den Arbeitsdirektor wechselte Rohwedder alle seine Spitzenmanager aus.
Nicht einmal Freunde wurden geschont. Der erst im Juli 1981 von Rohwedder als Chef für die Sparte Weiterverarbeitung angeheuerte Karl Piwonski - mit Rohwedder seit dessen Bonner Zeiten gut bekannt - mußte schon nach knapp zwei Jahren wieder gehen.
Seine Aufsichtsräte kreideten dem Hoesch-Chef den Fehleinkauf nicht an. Im Gegenteil, die Dortmunder Kontrolleure sind froh, daß sich bei Hoesch endlich einer durchsetzt. Als jetzt Rohwedders Vertragsverlängerung anstand, schwärmte Aufsichtsratschef Andreas Kleffel von der Deutschen Bank: »Der Mann ist ein Gewinn.«
Die einst gegenüber dem Umsteiger aus Bonn so skeptischen Standeskollegen wollten Rohwedder sogar mit einem Ehrenamt aufwerten. Er sollte Nachfolger von Thyssen-Chef Dieter Spethmann als Sprecher der Stahlindustrie werden. Doch Rohwedder lehnte ab.
Als Verbandschef hätte der Dortmunder mehr Rücksicht auf die Interessen der gesamten Branche nehmen müssen und dann nicht mehr so frei zum Vorteil von Hoesch taktieren können. Gerade jetzt, da in Bonn die Milliarden-Subventionen für den Stahl verteilt werden, will Rohwedder soviel wie möglich rausholen - auf Kosten der Konkurrenz.
Einen Teilerfolg kann er schon verbuchen. Noch ehe Bonn über den Verteilerschlüssel entschied, teilte Nordrhein-Westfalen Hoesch vorab 120 Millionen Mark zu.