MANAGER Wilder Typ
Lothar Friedrich Wilhelm Sparberg, Vorsitzender der Geschäftsführung der IBM Deutschland GmbH, hatte den Mitarbeitern etwas mitzuteilen. Und es sah so aus, als sei es eine gute Nachricht.
»Ich freue mich bekanntgeben zu können«, so ließ Sparberg Dienstag vergangener Woche am Schwarzen Brett wissen, »daß der Aufsichtsrat Herrn Hans-Olaf Henkel zum Geschäftsführer der IBM Deutschland GmbH bestellt hat.«
So ganz von Herzen aber kann die Freude des IBM-Chefs nicht kommen. Henkel nämlich übernimmt am ersten Juni den neugeschaffenen Posten eines »Stellvertretenden Vorsitzenden der Geschäftsführung« und wird mit Sparberg »gemeinsam in der Unternehmensleitung tätig sein«. Langjährige IBMler ahnen, was das heißen soll: Ihr Boß wird total entmachtet.
Als Sparberg vor zwei Jahren die Nachfolge des deutschen IBM-Chefs Walther A. Bösenberg antrat, waren ihm sämtliche Bereiche des Unternehmens direkt unterstellt. Jetzt nimmt ihm der neuinstallierte Vize gerade die drei Sparten ab, in denen der deutsche Chef des weltgrößten Computerherstellers unternehmerisches Talent entfalten kann - soweit das in dem straff vom US-Hauptquartier in Armonk bei New York gelenkten Konzern überhaupt möglich ist.
An Henkel »berichtet«, wie das im feinfühligen IBM-Jargon heißt, der »Vertrieb Informationssysteme« - die wichtigste Sparte des ganzen Unternehmens. Mit den großen IBM-Rechnern fährt sie den größten Teil von Umsatz und Gewinn ein.
Außerdem ist der Stellvertreter zuständig für den Geschäftsbereich »Neue Märkte«, von dem sich IBM das Geschäft der Zukunft erhofft - etwa mit Personal-Computern und Telekommunikation. Mit dem »Zentralbereich operative Stäbe« hat Henkel zudem auch Planung und Finanzen unter sich.
Henkel sei, so versichern manche IBM-Manager eilfertig, nach Sparberg »eindeutig zweiter Mann«. Doch das neueste Organigramm der deutschen IBM, die Kommandostruktur, zeigt den Zweiten im selben Kästchen mit Sparberg. Die schwarzen Dreiecke links und rechts in den oberen Ecken der Kästchen jener Mitarbeiter, die den beiden Chefs untergeordnet sind, müssen dem Vorsitzenden weh tun - gemäßt IBM-Brauch zeigen sie die »Berichstwege«. Nach Lage der Dreiecke hat der Chef in Henkels drei Bereichen nichts mehr zu melden.
Sparbergs firmeninterne Gegner hatten schon immer gemurrt, daß der Chef vom Vertrieb nichts versteht. Die »Vertriebsbeauftragten«, die Verkäufer also, sehen sich traditionell als Elitetruppe der IBM. Nach altem Brauch kommen die Spitzen-Manager aus diesem Bereich. Sparberg aber hat seine 33 IBM-Jahre fast ausschließlich mit Verwaltungs- und Finanz-Jobs zugebracht.
Das Ergebnis des ersten Geschäftsjahrs, für das Sparberg als Vorsitzender voll verantwortlich zeichnet, ist keineswegs so glanzvoll, wie es den hochgesteckten Maßstäben des US-Konzerns entspricht. Der Umsatz der deutschen Tochter stieg 1984 um rund 6,2 Prozent auf 11,3 Milliarden Mark. Weltweit brachte es IBM auf ein Umsatzplus von über 14 Prozent. Die Umsatzrendite in Deutschland stagnierte bei 6,4 Prozent - international schaffte der Konzern immerhin 14,3 Prozent.
Sparberg fiel den Konzernlenkern in den USA nicht bloß durch magere Zahlen auf. Auch eine peinliche, von Sparberg verschleppte Affäre vom Herbst vergangenen Jahres wurde in Armonk mit Stirnrunzeln registriert. Deutsche IBM-Mitarbeiter hatten Computer-Leasing-Firmen geholfen, ihren Kunden Rechner des Konzerns mit verbotenen Rabatten zu verschaffen (SPIEGEL 50/1984).
Die Mietfirmen hatten die Computer zunächst kurz bei Universitäten und Forschungseinrichtungen geparkt. Auf Rechner für Lehre und Forschung gewährt IBM hohe Rabatte bis zu 40 Prozent. Bald darauf wanderten die billigen Geräte zu günstigen Konditionen an Industriekunden weiter, die sonst den vollen Preis hätten zahlen müssen.
Das vertragswidrige Dreiecksgeschäft berührte IBM an einem besonders sensiblen Punkt. Die marktbeherrschende Firma der Großcomputer-Branche (Weltmarktanteil: rund 60 Prozent)
schwebt ständig in Gefahr, Ärger mit den Kartellbehörden zu bekommen.
Unter der Regie des Vizepräsidenten Paul J. Kofmehl von der IBM-Europa-Zentrale in Paris veranstalteten Sparbergs Aufseher demonstrativ eine Strafaktion unter den deutschen IBM-Vertriebsleuten. Degradierungen trafen Gerechte wie Ungerechte bis hinauf zum Vertriebschef Hans Kohn, der erst wenige Monate zuvor ernannt worden war.
Daß es soweit kommen mußte, lasten viele IBM-Leute Sparbergs Ungeschick an. Aber auch in weniger spektakulären Dingen ließ der Vorsitzende die Diskretion vermissen, mit der die »bestgeführte Firma der Welt« ("Business Week") gewöhnlich interne Zwistigkeiten regelt.
So gab es Anfang diesen Jahres offenen Aufruhr selbst bei sonst linientreuen IBMlern. Personalchef Ihno Schneevoigt strich auf Sparbergs Geheiß den zweitägigen Sonderurlaub für langjährige Mitarbeit - als kleinkarierte Rache für die Einführung der 38,5-Stunden-Woche. Und auf der Bilanzpressekonferenz im April drohte Sparberg höchst undiplomatisch mit einem Investitionsstopp der IBM in Deutschland, falls weitere Arbeitszeitverkürzungen durchgesetzt werden sollten.
Mit Henkel verpaßt die Zentrale dem deutschen IBM-Boß nun einen ungewöhnlich hochrangigen Stellvertreter. Der neue Mann war bisher als Vizepräsident in Paris Ober-Aufseher für alle europäischen IBM-Gesellschaften außer Deutschland, England, Frankreich und Italien. Mit seinem künftigen Boß Sparberg stand Henkel in der internen Hierarchie auf gleicher Stufe.
Dem 45jährigen Hamburger, der 1962 bei IBM begann, geht bei seinen Kollegen der Ruf voraus, er sei »ein ganz feiner Kerl«. Henkel hat die Schule mit mittlerer Reife abgeschlossen, bei Kühne & Nagel Spedition gelernt und bei Ralf Dahrendorf an der gewerkschaftsnahen Akademie für Wirtschaft und Politik studiert. Freunde von damals haben ihn als »richtig wilden Typen« in Erinnerung. Er raste im offenen MG durch die Stadt und sprang in Stimmung auch schon mal vollbekleidet in die Alster.
Inzwischen hat er sich längst das konservative Weltbild seiner Firma zugelegt. Über mehrere Posten in Indien, Ceylon, München und im Hauptquartier Armonk brachte er es bis zum dritten Platz im europäischen IBM-Management.
In Stuttgart wird Henkel wohl länger bleiben. Mit der Stellvertreter-Lösung, so beteuern IBM-Manager, seien nun endgültig die seit Monaten in der Branche kursierenden Gerüchte über eine Ablösung von Sparberg aus der Welt.
Der 57jährige Chef, so wurde den Mitarbeitern bedeutet, solle bis zur IBM-üblichen Pensionsgrenze von 60 Jahren gehalten werden. Denn schließlich würden ja »die repräsentativen Aufgaben« immer wichtiger.