Windows-XP-Party: Promotion im Nach-Terror-Amerika - DER SPIEGEL
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Windows-XP-Party Promotion im Nach-Terror-Amerika

Zum Start des neuen Betriebssystems Windows XP zog Microsoft-Gründer Bill Gates alle Register: Von "Wer wird Millionär?" über "Rudy" Giuliani bis Sting. Doch letztlich ging es nur um eines: Software verkaufen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

New York - Die Lichter im Marriott Marquis Theater gehen aus, eine Stimme aus dem Off ertönt: "Ladies and Gentlemen, bitte erheben Sie sich." Die Gäste stehen auf und sehen sich an. Erwartet Bill Gates neuerdings, wie der Papst begrüßt zu werden? Doch statt des Microsoft-Gründers betritt eine schwarze Frau die Bühne und beginnt zu singen: "America the beautiful". Hinter ihr fährt eine Wand hoch, und da steht ein Chor in weißen Engelsgewändern vor einem blauen Hintergrund mit Wattewölkchen und der Windows-XP-Flagge.

Willkommen im Nach-Terror-Amerika. In diesen Tagen wird selbst der Launch eines Microsoft-Betriebssystems als Sieg der freien Welt gefeiert. Mitten im Riesenapplaus für die Hymne erscheinen Bill Gates und New Yorks Bürgermeister Rudolph Giuliani auf der Bühne. Einige der 1500 geladenen Gäste brechen reflexartig in "Rudy, Rudy"-Rufe aus. Giuliani bedankt sich dafür, dass Microsoft das Ereignis nicht aus der Stadt abgezogen hat. Gates antwortet: "Es gibt nur einen Platz, um XP zu starten, und das ist hier, im Herzen von New York City."

Für das größte Ereignis in der Firmengeschichte seit Windows 95 hat Microsoft den britischen Sänger Sting eingeflogen, der nach der Eröffnungsveranstaltung ein Freiluftkonzert im Bryant Park gibt. Doch abgesehen davon ist die Veranstaltung ohne jeden Glamour. Die Stände vor dem Auditorium in dem Hotel am Times Square schaffen eine Messe-Atmosphäre. Die Partner von Microsoft stellen ihre Anwendungen vor, Visitenkarten werden getauscht. Wer eine Party mit Madonna erwartet hat, wird bitter enttäuscht.

In seiner Rede preist Gates das neue Betriebssystem zum x-ten Mal als "Meilenstein in der Computergeschichte". Damit die Anwesenden die ganze Bedeutung dieses Tages begreifen, erinnert er daran, dass mit der Einführung von Windows XP eine Ära zuende geht: Der MS-Dos-Code ist endgültig aussortiert. Ein letztes Mal tippt Gates den Befehl "Exit" auf einer Computer-Tastatur, und die Großbildschirme auf der Bühne werden schwarz. "Dies ist das Ende von zu vielen Computer-Crashes" kommentiert er.

Das Publikum freut sich. Darunter sind viele Prominente aus der Computerbranche. Michael Dell, Carly Fiorina von Hewlett-Packard, Michael Cappellas von Compaq, Craig Barrett von Intel, sowie die Chefs von Gateway, Toshiba und Sony. Ihre Anwesenheit zeigt, wie wichtig XP für die gesamte Branche ist. "XP wird die PC-Industrie zu neuen Höhen führen", verspricht Gates.

Davon ist die Branche im Moment weit entfernt. Sie steckt in der tiefsten Krise ihrer Geschichte. Zum ersten Mal werden dieses Jahr weniger Computer verkauft werden als im Vorjahr. Im dritten Quartal brach der PC-Umsatz um zehn Prozent ein, für das gesamte Jahr ist ein Rückgang von sechs Prozent vorhergesagt. Nach zwei Jahrzehnten des Booms ist der Markt gesättigt.

XP soll diesen Trend stoppen und die Nachfrage wieder anregen. In einem Forum vor der Gates-Rede (Titel: "Die Zukunft der PC-Industrie") hatten sich die versammelten Branchen-Häuptlinge gegenseitig Mut zugesprochen. "Wir sehen Begeisterung", hatte Michael Dell gesagt. "Eine Menge Leute haben auf XP gewartet." Seine Firma habe bereits "eine gesunde Zahl" an neuen Computern ausgeliefert. Gateway habe bereits 100.000 Computer mit dem neuen Windows verkauft, hatte Firmenchef Ted Waitt gesagt. "Es ist eine gute Zeit, um einen Computer zu kaufen."

Doch die meisten Analysten glauben nicht an den XP-Effekt. "Die Leute werden ein bisschen darüber reden, aber es wird niemals den Gabelstapler-Effekt geben, den die Hersteller so gerne hätten", sagt Brett Miller vom Broker-Haus A.G. Edwards. Laut Gartner Dataquest werden zwar 87 Prozent der amerikanischen Computer-Haushalte bis Ende nächsten Jahres Windows XP besitzen, aber nur 16 Prozent der Unternehmen. Diese wichtige Klientel werde wie bisher das alte Windows 2000 benutzen.

Die düsteren Prognosen spielen im Marriott Marquis Theater an diesem Tag jedoch keine Rolle. Hier wird XP gefeiert, das bisher beste Microsoft-Betriebssystem, wie anwesende Beta-Tester gerne bestätigen. Wenn man alle Arbeitsstunden zusammenrechne, dann steckten zehntausend Jahre an menschlicher Arbeit in Windows XP, sagt Gates.

Gut gelaunt lässt sich der reichste Mann der Welt auf eine Runde "Wer wird Millionär?" auf der Bühne ein. "Ich wollte schon immer mal in Deine Show kommen", sagt Gates zum Moderator der Sendung, Regis Philbin. "Glaubst du, das ist Deine Zeit wert?", schießt der zurück. Gates beantwortet Fragen zu XP. Alle richtig.

Dann spielt TV-Star Philbin den ahnungslosen Computer-Novizen. Ein Microsoft-Mitarbeiter zeigt ihm, wie einfach das neue System ist und was für tolle Multimedia-Sachen die Maschine kann. In Sekundenschnelle ist Windows XP hochgefahren. Videos mit Musik unterlegen, Fotos auf E-Mail-Größe komprimieren - alles geht schnell und einfach. Das sei die neue "Windows-Erfahrung", sagt Gates stolz. XP steht für Experience.

Doch obwohl Gates es mehrfach betont - wie ein historischer Moment fühlt sich die Vorführung nicht an. Eher wie die Spielstunde mit Steve Jobs. Der Chef des Rivalen Apple hatte im Juli auf der MacWorld, ebenfalls in New York, das neue Apple-Betriebssystem vorgestellt. Dabei hatte er mit einer ganzen Reihe von neuen Multimedia-Applikationen gespielt, aber keinen großen technologischen Durchbruch verkündet.

Die Zeit der revolutionären Neuerungen scheint vorbei. Intel-Chef Barrett erwartet in den nächsten fünf Jahren "just more of the same". Multimedia gilt als Schlüssel zur Wiederbelebung der PC-Industrie. "Wir müssen den Leuten zeigen, was sie mit ihrem PC machen können", fordert Compaq-Chef Michael Cappellas. Windows XP funktioniere wie eine Mausefalle, es locke die Kunden an.

Tatsächlich ist XP nach Meinung der Tester eine attraktive Plattform. Doch vorerst hält sich das Interesse der Kunden in Grenzen. Weit und breit keine Schlangen vor den Computergeschäften wie damals bei Windows 95. Der Grund? "In schwierigen Zeiten fragen die Kunden: Was bringt mir dieses Produkt?", sagt Ted Waitt von Gateway. Und was bringt XP? Neben den Multimedia-Eigenschaften zum Beispiel 40 Stunden Zeitersparnis im Jahr, rechnet Gates vor. Unter anderem zwei Minuten pro Tag, weil es schneller arbeitet, und eine Minute pro Tag, weil es nicht crasht. Warten wir es ab.