Winterboom Börsianer im Neujahrsrausch
Hamburg - Die Lage ist eigentlich schlimm: Der Dollar ist im freien Fall, die Kreditmärkte sind schwer angeschlagen, der Ölpreis ist ebenso hoch wie das Misstrauen der Marktteilnehmer. In den USA sind inzwischen so viele Hausbesitzer in Not, dass Präsident George W. Bush kurz vor seinem Abgang mal eben die Kreditzinsen einfrieren lassen will.
Und die Börse? Ignoriert das Gejammer der Börsenbetrachter und Weltökonomen, die Kurse klettern wieder nach oben. Mit rationalen Argumenten kommt man den Märkten offenbar nicht auf die Spur.
Wenn schon nicht mit Logik, kommt man vielleicht mit Statistik und dem Blick auf die vergangenen Jahrzehnte weiter. Ein traditionell starker Börsenmonat steht bevor: Seit 1965 hat der Dax im Schnitt im Januar jeweils rund 2,2 Prozent zugelegt, kein anderer Monat brachte Anlegern so häufig Freude.
Nach einer Untersuchung der WestLB gab es für den Dax im Zeitraum zwischen 1965 und 2005 nur elfmal einen schwachen Januar. In den elf Jahren, in denen der Dax und der vergleichbare Vorgänger-Index im Januar fiel, gab es mit einer Jahresdurchschnittsrendite von 1,7 Prozent an der Börse auch im Gesamtjahr nicht viel zu holen. In den übrigen 29 Jahren, in denen der Dax einen guten Jahresstart hinlegte, wuchs die Jahresrendite im Schnitt dagegen auf stolze 9,6 Prozent.
Vorzieheffekte: Wenn der Januar in den Dezember fällt
Schon 1980 belegte der US-Ökonom Donald Kiem an der Universität von Chicago, dass vor allem Werte mit geringer Marktkapitalisierung, die im Vorjahr stark gefallen waren, zum Start des folgenden Jahres häufig wieder deutliche Kursgewinne aufweisen.
Mittlerweile setzen viele private und institutionelle Anleger auf eine breite Markterholung zum Jahresbeginn. Die Kraft des Januar soll nicht nur kleine Werte, sondern auch Large Caps stärken.
Die These vom starken Januar verstärkt sich so selbst, je mehr Menschen daran glauben. Es ist wie eine hoffnungsvolle Verabredung in unübersichtlichen Börsenzeiten: Die Bereitschaft zum Risiko steigt zum Jahresende, weil es sich in der Vergangenheit meist ausgezahlt hat. Häufig kommt es dabei zu Vorzieheffekten: Die Kurse steigen bereits Anfang Dezember, weil viele darauf wetten, dass der Januar weitere Käufer anlocken wird. Ebenso fallen die Kurse häufig schon im August, weil sich viele Börsianer vor dem September fürchten.
"Saisonal starke Phase" - und Hilfe der Fed
"Wir kommen aus einer Phase getrübter Stimmung. Viele Fondsmanager haben wegen der Kreditkrise Positionen abgebaut, und die Skepsis ist weiterhin groß", sagt der Aktienstratege der Helaba. Damit wachse aber auch die Chance, dass die Subprime- und Dollarsorgen bald ihre belastende Wirkung verlieren und es zu einem Themen- und Stimmungswechsel an der Börse kommt: "Der Risikoappetit der Marktteilnehmer könnte bald wieder zunehmen - zumal die US-Notenbank signalisiert hat, den Markt mit weiteren Zinssenkungen zu stützen."
Eine Zinssenkung der Fed am kommenden Dienstag ist bereits eingepreist. Weitere Zinssenkungen, so die Meinung der Mehrheit an der Wall Street, dürften Anfang 2008 folgen. Dies ist ein anderes Szenario als etwa im Januar 2005, als die US-Börsen entgegen der Regel vom starken Januar schwach ins Jahr starteten. Damals steckte die Notenbank mitten im Zinserhöhungszyklus. Doch im ersten Halbjahr 2008 dürfte es darum gehen, eine zu starke Abkühlung der US-Wirtschaft zu verhindern: Die an der Börse extrem beliebten Zinssenkungen sind dafür der Königsweg.
Die Geldmenge wächst nach Angaben der OECD immer noch stark, Zinssenkungen fördern diesen Effekt. "Die große Menge Liquidität sucht Anlageziele. Doch Anleihen versprechen eine vergleichsweise geringe Rendite, und komplexe Hochzinsprodukte drängen sich nach den Turbulenzen der vergangenen Monate nicht gerade als Anlageziel auf", sagt Reinwand.
Neues Geld lässt Anlagedruck wachsen
Der Aktienstratege der Helaba hält es für möglich, dass der Dax bis Sommer 2008 die Marke von 8600 Zählern erreicht: Es gebe gute Chancen, dass sich die US-Wirtschaft mit Hilfe der Fed in den kommenden Monaten stabilisiere. Sollten dann noch weitere Hiobsbotschaften vom US-Immobilienmarkt und vom weltweiten Finanzsektor ausbleiben, sei es gut möglich, dass man ab Sommer 2008 wieder mehr von Inflationsgefahr und wieder steigenden Zinsen rede. Nach diesem Szenario böte "die saisonal starke Phase" zwischen Dezember und April jetzt eine Möglichkeit, Positionen aufzustocken.
Wer nicht auf die Fed und die Regenerationskraft der US-Wirtschaft allein vertraut, kann sich auch an den beliebten "Januar-Regeln" orientieren. Eine der beliebtesten: Zum Jahresende verkaufen viele Fondsmanager ihre Verlustbringer, um am Bilanztag ihren Investoren ein hübsches Depot ohne Nieten präsentieren zu können. Viele dieser Werte kaufen sie dann im Januar nach dem Motto "neues Spiel, neues Glück" wieder zurück.
Prominent ist auch die These von der steigenden Liquidität und vom "Anlagedruck". Geldmarkt- und Rentenfonds schütten zum Jahresende Erträge aus, und auch Aktienfonds fließt frisches Geld zu. Wohin damit? Im Zweifel in Aktien, wenn Investoren keine bessere Alternative einfällt.
Die Menge an frischer Liquidität wird außerdem dadurch vergrößert, dass einige professionelle Geldverwalter zum Jahresende Verluste realisieren, um sie steuerlich geltend zu machen.
Wenn die Herde rennt
Januar-Jünger weisen außerdem gerne darauf hin, dass viele Investoren zu Beginn des Jahres noch im Urlaub weilen. Bei vergleichsweise geringen Umsätzen haben gezielte Käufe eine größere positive Wirkung auf den Kurs.
Mehr Kraft als all diese Annahmen hat jedoch die schlichte Regel vom Herdentrieb. Sind die Börsen erst einmal im Aufwärtstrend, wollen immer mehr Anleger davon profitieren.
Auf die Magie des Januar allein sollte sich jedoch kein Anleger verlassen. "Die These vom starken Januar ist zu unsicher und zu anfällig für Verschiebungen, um allein darauf eine Anlagestrategie zu gründen", warnt Helaba-Experte Reinwand. "Statt dem Jahreszyklus hinterherzujagen, empfiehlt sich eine kontinuierliche Anlagestrategie, die auch schwache Monate übersteht", findet auch Cordula Heldt vom Deutschen Aktieninstitut DAI.
Ein solches Durchhaltevermögen hat dem Dax-Anleger in den vergangenen vier Jahren nicht geschadet: Seit Januar 2004 ist der Dax um 100 Prozent gestiegen, Dax-Zertifikate haben ihren Wert verdoppelt. Allein im Jahr 2007 glänzt der Index trotz Subprime-Krise mit einem Kursplus von bislang rund 20 Prozent - wobei der Januar zwar Kursgewinne brachte, aber nicht einmal zu den drei stärksten Monaten des Jahres gehörte.
"Der Januareffekt hat sich im Lauf der Zeit eher abgeschwächt", sagt Michael Köhler, Aktienstratege bei der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). War seit 1965 jeweils im Januar noch ein Kursplus von durchschnittlich 2,2 Prozent zu verzeichnen, sind es auf Sicht der vergangenen zehn Jahre nur noch 1,6 Prozent und mit Blick auf die vergangenen fünf Jahre nur noch ein Prozent.
Köhler blickt verhalten ins neue Jahr. Die Immobilienkrise sei noch nicht abgehakt, Banken drohen weitere Abschreibungen, und die Unsicherheit hinsichtlich der Entwicklung der US-Konjunktur bleibe. Diese Risikofaktoren mahnen zur Vorsicht - selbst dann, wenn man dem Aktienjahr 2008 insgesamt noch etwas zutraut. Viele Jahresprognosen der Kreditinstitute sind verhalten positiv, und Fondsmanager haben im neuen Jahr neuen Spielraum: "Es ist gut möglich, dass sie diesen Spielraum im Januar nutzen", meint Köhler.