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PLEITEN »Wir haben Zeit«

Kirch-Insolvenzmanager Hans-Joachim Ziems, 48, über das langwierige Bieterverfahren und die Ermittlungen gegen den Firmengründer Leo Kirch und dessen Ex-Management
• aus DER SPIEGEL 51/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Im Frühsommer sagten Sie, Ihr Job bei der KirchMedia könnte bis August erledigt sein. Jetzt steht der Jahreswechsel bevor, und die Verhandlungen mit Ihrem Exklusivpartner, dem Hamburger Verleger Heinz Bauer, stocken.

Ziems: Ich sehe da nichts stocken. Wir sind in sachlichen Gesprächen und zuversichtlich, den ersten Teil des Kaufvertrags, in dem es um die Übernahme der Aktien an der Senderfamilie ProSiebenSat.1 geht, noch Ende dieser Woche abzuschließen. Der zweite Teil, der die Übernahme der Filmbibliothek regeln wird, braucht in der Tat noch etwas Zeit. Im Übrigen hat es von unserer Seite nie eine Exklusivitätszusage für Bauer gegeben.

SPIEGEL: Wie bitte?

Ziems: Wir haben lediglich gesagt, wir konzentrieren uns auf das Bauer-Angebot, weil wir darin die größte Chance sehen, zu einem schnellen Abschluss zu kommen. Wir haben nie jemanden ausgeschlossen, waren immer bereit, mit anderen Interessenten zu sprechen und haben das auch getan.

SPIEGEL: Die übrigen Bieter sehen das anders. Insbesondere bei den Kirch-Altgesellschaftern um die Bank Lehman Brothers ist man erbost über die Vorzugsbehandlung für den Hamburger Verlag.

Ziems: Genau diese Gruppe hat gerade wieder bei uns angeklopft und gefragt, ob wir nicht weiterverhandeln wollen. Viacom hat sein Interesse an der Senderfamilie bekräftigt. Und am vorigen Montag habe ich dem Gläubigerausschuss berichtet, dass Haim Saban sein Angebot für die Sender noch einmal aufgestockt hat.

SPIEGEL: Klingt ganz so, als würden Sie Bauer, der gerade noch einmal bekräftigt hat, nur kalkulierbare Risiken einzugehen, ein bisschen Druck machen wollen.

Ziems: Das ist überhaupt nicht nötig, denn wir sind auf einem sehr guten Weg. Aber wir können auch nicht alles auf eine Karte setzen. Deshalb stellen wir uns hier gerade so auf, dass wir auch für den Fall gerüstet sind, dass es mit Bauer wider Erwarten nicht klappt - aus welchen Gründen auch immer. Wenn das im Januar der Fall sein sollte, stehen unsere Türen anderen Interessenten wieder weit offen. Wir müssen das Geschäft nicht um jeden Preis sofort machen. Wir haben Zeit.

SPIEGEL: Sehen das die Kirch-Gläubiger genauso? Denen muss doch an einer schnellen Lösung gelegen sein.

Ziems: Klar wollen die Gläubiger, dass wir die vorhandenen Assets möglichst schnell verwerten. Andererseits verlangen sie berechtigterweise von uns, dass wir möglichst viel herausholen. Bevor wir also etwas verschenken, würden wir den Gläubigern vorschlagen, das Ganze noch ein, zwei Jahre weiterzubetreiben - denn wir glauben daran, dass wir aus der Talsohle im Markt herauskommen und damit die Chancen auf bessere Erlöse steigen.

SPIEGEL: Haben Sie am Ende am Mediengeschäft Gefallen gefunden und es deshalb nicht mehr so eilig?

Ziems: Um Himmels willen, nein. Mein Ziel wäre, das Geschäft im ersten Quartal komplett zu übergeben. Aber wenn das nicht funktioniert, werde ich diese Sache ordentlich zu Ende bringen, auch wenn es noch zwei Jahre dauert.

SPIEGEL: Die Verhandlungen werden überschattet von Nachrichten über fragwürdige Kredite, In-sich-Geschäfte und Vermögensverschiebungen in der alten KirchMedia. Der erste Fall, der jetzt aus einer juristischen Bewertung der Vorgänge bekannt wird, betrifft Rewe-Chef Hans Reischl, der an Ihrer Berufung harrsche Kritik geübt hatte und als Ihr Intimfeind gilt. Ein Zufall?

Ziems: Es mag ja nahe liegend erscheinen, aber das ist kein persönlicher Akt. Wir haben ein Gutachten erstellen und juristisch bewerten lassen. Danach hat Rewe einer Tochter der Kirch-Beteiligungen ein Darlehen über 127,8 Millionen Euro eingeräumt, zur Finanzierung von Zusatzrechten an der Formel 1. Zurückgezahlt hat das Darlehen aber KirchMedia. Unsere Anwälte haben uns empfohlen, diesen Rückerstattungsanspruch gegenüber Rewe sofort geltend zu machen. Wir haben die Rewe jetzt erst mal gebeten, dazu Stellung zu nehmen.

SPIEGEL: Öffentlich hat ein Rewe-Sprecher Ihre Forderung bereits als »konstruiert« und »völlig abwegig« bezeichnet.

Ziems: Es gibt keinen Grund, Forderungen zu konstruieren. Wir müssen alle Ansprüche verfolgen, die auf Grund der Gutachten unserer Juristen durchsetzbar scheinen. Wenn die Rewe die Vorwürfe entkräften kann, werden wir unsere Position überprüfen. Bislang stellt sich der Sachverhalt für uns aber völlig eindeutig dar.

SPIEGEL: Ein ähnlicher Fall sind die Anteile am spanischen Sender Telecinco. Dort räumte die KirchMedia der Dresdner Bank kurz vor der Pleite ein Pfandrecht ein, um einen Kredit zu verlängern - das Darlehen hatte aber ein anderer Unternehmensteil aufgenommen, die Taurus-Holding. Es scheint, die Sache hatte System.

Ziems: Offenbar hat man das Ganze tatsächlich bis zuletzt als ein großes Ein-Mann-Unternehmen betrachtet und dabei übersehen, dass man das Vermögen von Mitgesellschaftern dabei schädigt - oder besser: ins Risiko stellt. Auch in Sachen Telecinco haben unsere Juristen klar dargelegt, dass wir einen Anspruch auf Rückübertragung der Anteile haben. Ein entsprechendes Schreiben an die Dresdner geht in diesen Tagen raus. Wir setzen darin eine Frist von zehn Tagen, danach werden wir den Rechtsweg einschlagen.

SPIEGEL: Die Bank hat ihrerseits angekündigt, die Senderanteile zu versteigern.

Ziems: Das können wir nicht verhindern. Unser Schadensersatzanspruch wird sich dann eben in Geld bemessen - und das kann durchaus deutlich über den Versteigerungserlös hinausgehen.

SPIEGEL: Die Staatsanwaltschaft München ermittelt wegen des Verdachts auf Untreue und Urkundenfälschung gegen Leo Kirch und Dieter Hahn. Der Kirch-Vize hatte bis vorige Woche einen Vertrag bei der KirchBeteiligungs-GmbH. War das aus heutiger Sicht nicht ein Fehler?

Ziems: Ich glaube nicht. Die Mitwirkung von Herrn Kirch und Herrn Hahn war sicher sinnvoll, nehmen Sie nur den Streit um die Springer-Anteile - da waren wir auf das Insider-Wissen der beiden angewiesen. Sie haben uns, trotz all dieser Widrigkeiten, die sich jetzt ergeben haben, immer unterstützt. Wir hatten und haben keine Veranlassung zu glauben, dass sie sich uns gegenüber illoyal verhalten haben.

SPIEGEL: Immerhin haben Sie gerade den Ex-Finanzchef von Kirch, den Sie ebenfalls als Berater beschäftigen, wegen »Unregelmäßigkeiten« gebeten, von zu Hause aus weiterzuarbeiten. Es gibt den Verdacht, ein Vertrag sei rückdatiert worden. Warum wird dem Mann nicht sofort gekündigt?

Ziems: In dieser Sache laufen staatsanwaltschaftliche Ermittlungen, und solange die Vorwürfe nicht bewiesen sind, sehen wir keinen Grund für eine Kündigung.

SPIEGEL: Bislang ist bei den Untersuchungen immer nur von der Geschäftsführung die Rede. Was ist mit der Verantwortung des KirchMedia-Aufsichtsrats? Und warum haben die Wirtschaftsprüfer der KPMG noch zehn Monate vor der Insolvenz ein uneingeschränktes Testat erteilt?

Ziems: Wir prüfen in der Tat, ob hier ein Organversagen vorliegt - und das schließt den Aufsichtsrat ausdrücklich mit ein. Wenn es dort Verfehlungen gab, kann das durchaus zu Schadensersatzforderungen an einzelne Aufsichtsräte führen. Auch die Arbeit der Wirtschaftsprüfer lassen wir separat juristisch überprüfen. Insbesondere bei der Bewertung einzelner Unternehmensteile sehen wir großen Aufklärungsbedarf. Daraus könnten sich Schadensersatzansprüche an die KPMG ergeben.

SPIEGEL: Eine große Belastung für die Insolvenzmasse sind die Forderungen des Springer-Verlags, fast 800 Millionen Euro für 11,5 Prozent an ProSiebenSat.1. Zeichnet sich eine Lösung ab?

Ziems: Es gibt da zwei Alternativen: Entweder Springer erhöht seinen Anteil auf 28 Prozent, oder wir verkaufen die Beteiligung gemeinsam an einen Investor - in beiden Fällen werden wir uns über die ausstehenden Forderungen vergleichen.

INTERVIEW: MARCEL ROSENBACH

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