»Wir werden sehr aufpassen« - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 37 / 104

»Wir werden sehr aufpassen«

• aus DER SPIEGEL 9/1990
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Herr Pöhl, sind die neuen Banknoten für die DDR schon in Auftrag gegeben?

PÖHL: Wir haben genügend Vorräte an Banknoten, um gegebenenfalls auch den Bargeldbedarf der DDR befriedigen zu können.

SPIEGEL: Im Herbst wird die Bundesbank neue Banknoten verteilen. Erhält die DDR die alten oder die neuen Scheine?

PÖHL: Die DDR würde natürlich die gleichen Banknoten bekommen wie die Bürger der Bundesrepublik, wenn es bis dahin eine Wirtschafts- und Währungsvereinigung gibt. Zwei der neuen Scheine zeigen übrigens Symbole aus der DDR, nämlich der Fünfer und der Hunderter.

SPIEGEL: Sie sehen die Währungseinheit offenbar nicht ganz so schnell kommen wie die Regierung. Den Vorschlag Helmut Kohls, quasi von heute auf morgen die D-Mark in der DDR auszugeben, haben Sie inzwischen zur »Offerte« herabgestuft.

PÖHL: In der Tat handelt es sich zunächst um ein Angebot der Bundesregierung an die DDR, über die Schaffung eines gemeinsamen Wirtschafts- und Währungsgebiets zu verhandeln. Es ist Sache * Wolfgang Kaden, Heiko Martens in der Frankfurter Bundesbank. der künftigen, frei gewählten Regierung der DDR, dieses Angebot, das ja mit weitreichenden Konsequenzen für die DDR verbunden ist, anzunehmen.

SPIEGEL: Welche Zeitvorstellungen haben Sie für diese Operation?

PÖHL: Ich bin nicht in der Lage, heute schon eine Zeitangabe zu machen. Die Schaffung eines vereinigten Wirtschafts- und Währungsgebietes ist ein nicht ganz einfacher Prozeß, der normalerweise mehrere Jahre dauern würde. Es sind radikale Umstellungen nicht nur auf dem Währungsgebiet, sondern auch in anderen Bereichen der DDR notwendig. Doch die Zeit drängt, weil die Menschen in der DDR es müde sind, in einem System weiterzuleben, das ein so miserables wirtschaftliches Ergebnis zustande gebracht hat. Deswegen müssen wir alles tun, um den Prozeß so schnell wie möglich zum Abschluß zu bringen. Es wäre aber eine Illusion, damit schon in wenigen Wochen zu rechnen.

SPIEGEL: Wie schnell dies alles geschieht, was am Ende dabei herauskommt - dies ist offenbar keine Sache der Bundesbank. Das wird von der Regierung in Bonn entschieden, soweit es die Bundesrepublik betrifft.

PÖHL: Dies ist eine politische Entscheidung, die von der Regierung und letzten Endes vom Parlament entschieden wird und zu verantworten ist. Die Bundesbank hat hier nur eine Rolle als Ratgeber.

SPIEGEL: Der notfalls auch übergangen wird?

PÖHL: Ich kann mir nicht vorstellen, daß die Bundesregierung eine Vereinbarung abschließen würde, der der Zentralbankrat der Deutschen Bundesbank nicht zustimmen könnte.

SPIEGEL: Immerhin hat Bonn die Offerte für eine sofortige Währungseinheit abgegeben, ohne Sie und den Zentralbankrat vorher auch nur zu informieren.

PÖHL: Ich habe es natürlich bedauert, daß ich in Ost-Berlin mit dem Staatsbank-Präsidenten und mit der Wirtschaftsministerin über diese Fragen gesprochen habe, ohne zu wissen, daß der Bundeskanzler am gleichen Tag der DDR diesen Vorschlag machen würde. Dies um so mehr, als ich am Tag zuvor noch ein ausführliches Gespräch sowohl mit dem Bundeskanzler als auch mit dem Bundesfinanzminister über diese Fragen hatte. Bei diesen Gesprächen hat man mir mit keinem Wort gesagt, daß ein solcher Vorschlag unterbreitet werden sollte. Das war schon ungewöhnlich und auch ärgerlich.

SPIEGEL: Halten Sie den Zeitpunkt, den Bonn für den Vorstoß in Sachen D-Mark gewählt hat, für falsch?

PÖHL: Die Dinge haben sich in der DDR so dramatisch zugespitzt, daß der Bundeskanzler offenbar gemeint hat, er müsse den Vorschlag zu diesem Zeitpunkt machen. Ich hätte, wie die meisten Fachleute, zum Beispiel der Sachverständigenrat, ein stufenweises Vorgehen vorgezogen. Aber nun ist ein neues Datum gesetzt worden, und ich halte es für meine Pflicht, die deutsche Regierung in einer so schwierigen Situation loyal zu unterstützen.

SPIEGEL: Im Ausland wird die Bonner Entscheidung für eine schnelle Währungseinheit mit Skepsis bewertet. Vielfach wird in diesem Schritt eine Schwächung der D-Mark gesehen.

PÖHL: Ich kann nicht feststellen, daß die D-Mark durch diese Entwicklung geschwächt worden sei. Wir haben heute einen Dollarkurs von 1,67 Mark, das heißt, einen Kurs, der sich für uns eher positiv entwickelt hat. Wir sind im Europäischen Währungssystem nach wie vor eine der stärksten Währungen.

SPIEGEL: Immerhin ist die D-Mark ins Gerede gekommen. Und als Schwächezeichen kann wohl auch angesehen werden, daß die D-Mark-Zinsen dramatisch gestiegen sind.

PÖHL: Das ist richtig, aber die Zinsen sind nicht nur bei uns gestiegen. Wir haben weltweit einen überraschenden und erheblichen Zinsanstieg, zum Beispiel in Japan, in den USA. Am stärksten allerdings ist der deutsche Rentenmarkt betroffen, wo das Zinsniveau inzwischen über neun Prozent liegt, höher denn je seit Anfang der achtziger Jahre. Hier kommen sicherlich Befürchtungen zum Ausdruck, die nach meiner Meinung aber nicht berechtigt sind.

SPIEGEL: Es geht die Angst um, daß die Mark zur Inflationswährung verfällt.

PÖHL: Wir werden alles tun, daß es dazu nicht kommt.

SPIEGEL: Die Befürchtungen sind nicht ganz abwegig. Die Bundesbank wird in der DDR D-Mark ausgeben; dieser zusätzlichen Geldmenge steht kein entsprechend höheres Warenangebot gegenüber, weil die DDR-Wirtschaft nichts Entsprechendes zu bieten hat. Bei zunehmender Nachfrage und gleich großem Angebot steigen normalerweise die Preise.

PÖHL: Ein solcher Effekt muß und wird nicht eintreten. Ein Grund dafür ist, daß wir in offenen Märkten leben; ein Kaufkraftstoß, wenn er in der DDR zustande käme, würde daher nicht nur von uns, sondern quasi von der ganzen Welt befriedigt. Mit der Einführung der D-Mark bekäme die DDR plötzlich eine international voll konvertible Währung. Eine Begrenzung für Importe wegen der Zahlungsbilanz gibt es praktisch nicht mehr. Die Bundesrepublik erzielt schließlich einen Handelsbilanzüberschuß von fast 140 Milliarden Mark, und alle Welt wünscht einen Abbau dieser extremen Überschüsse.

SPIEGEL: Die zusätzliche Nachfrage aus der DDR richtet sich quasi an die Wirtschaft der ganzen Welt?

PÖHL: Sicher. Lassen Sie mich es mal plastisch sagen: Um die sicher stark zunehmende Autonachfrage konkurrieren ja nicht nur westdeutsche Firmen, sondern auch Toyota, Nissan, Peugeot und Fiat. Das gleiche gilt für andere Güter. Außerdem wird ein Teil des angeblichen Kaufkraftüberhangs sicher für Auslandsreisen ausgegeben, kommt also auch nicht auf den westdeutschen Markt. Im übrigen bin ich gar nicht so sicher, ob es zu einer starken Expansion der Nachfrage in der DDR kommt, wie manchmal erwartet wird.

SPIEGEL: Wovon hängt das ab?

PÖHL: Das hängt unter anderem davon ab, wie die Bürger der DDR sich verhalten. Die Menschen werden sich schon überlegen, ob sie ihr neues, gutes Geld gleich im ersten Anlauf für Konsumgüter ausgeben oder ob sie nicht das besser zunächst einmal auf dem Sparkonto lassen. Es gibt ja dann auch attraktive Zinsen und ganz neue Anlagemöglichkeiten. Außerdem kommt es natürlich auch auf den Kurs an, zu dem die Mark der DDR umgetauscht werden kann.

SPIEGEL: Sie haben das Umtauschverhältnis angesprochen. Ist darüber nicht schon politisch entschieden? Es kann gar nichts anderes geben als einen Umtausch von 1 : 1.

PÖHL: Über das Umtauschverhältnis kann man erst entscheiden, wenn man die Fakten kennt. Wir kennen im Augenblick weder die Aktiva noch die Passiva der DDR, jedenfalls nicht vollständig. Im übrigen wird vielfach übersehen, daß es ja nicht nur Gläubiger gibt, Sparer beispielsweise; sondern auch Schuldner, Firmen und Wohnungsbau beispielsweise. Wenn man einen Satz wählt, der sehr günstig ist für die Gläubiger, dann ist er gleichzeitig sehr ungünstig für die Schuldner, die natürlich Tilgung und Verzinsung in harter D-Mark leisten müssen. Ein falscher Umtauschsatz hätte weitreichende Folgen für die Wettbewerbsfähigkeit der DDR und damit für Beschäftigung, Staatsausgaben und so weiter.

SPIEGEL: Die meiste Angst haben die DDR-Bürger offenkundig um ihre Sparguthaben.

PÖHL: Die Angst ist völlig unbegründet. Die Sparer bekommen ja für ihre Ersparnisse in DDR-Mark, die im Augenblick nicht viel wert ist, auf jeden Fall einen günstigeren Umtauschsatz als den Satz, den es heute auf dem freien Markt gibt. Deshalb ist es ganz irrational, daß die DDR-Bürger jetzt panikartig ihre Konten plündern. Ich kann die Menschen in der DDR nur dringend dazu aufrufen, das nicht zu machen, es liegt nicht in ihrem Interesse. Der Umtauschsatz nach der Währungsumstellung wird auf jeden Fall günstiger sein als das, was heute auf dem freien Markt erzielt werden kann. Mit anderen Worten: Auch bei einem anderen Umtauschsatz als 1 : 1 werden die Ersparnisse der DDR-Bewohner aller Voraussicht nach aufgewertet und nicht abgewertet.

SPIEGEL: Welches Umtauschverhältnis würden Sie für die 170 Milliarden Ost-Mark auf DDR-Sparkonten empfehlen?

PÖHL: Ich möchte auf gar keinen Fall irgendeinen Satz nennen. Das ist das Ergebnis sehr schwieriger Überlegungen, und die stehen noch ganz am Anfang.

SPIEGEL: Wie hat man sich die Verwirklichung einer Währungseinheit praktisch vorzustellen? Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein? Es ist von Bonn die Vorstellung verbreitet worden, die Bundesbank müsse nur einen Lkw-Konvoi mit Hundertmarkscheinen Richtung Osten schicken, dann sei alles gelaufen.

PÖHL: Eine unabdingbare Voraussetzung ist zunächst einmal die Schaffung eines effizienten Bankensystems in der DDR. Dies Bankensystem muß den gleichen Regeln und Gesetzen unterworfen sein wie das in der Bundesrepublik.

SPIEGEL: Das Kreditwesengesetz, das die staatliche Kontrolle der Geschäftsbanken ermöglicht, muß auch für den Raum der DDR gelten?

PÖHL: Selbstverständlich. Aber darüber hinaus sind viele andere, weitergehende Voraussetzungen erforderlich. Die Übernahme der D-Mark bedeutet ja praktisch die Aufgabe der Souveränität auf den wichtigsten innenpolitischen Gebieten, in der Wirtschafts-, Finanz- und Geldpolitik, teilweise auch in der Sozialpolitik. Wenn die DDR-Regierung und die Volkskammer das wollen, dann bringt dies praktisch die Wiedervereinigung auf einem wichtigen Teilgebiet. Es wird eine Zeitlang noch eine DDR-Regierung geben, die mit der westdeutschen Regierung und den Alliierten den militärischen Status eines Gesamtdeutschlands verhandelt. Aber auf wirtschafts-, sozial-, finanz- und geldpolitischem Gebiet ist dann * Trabant-Preßwerk im VEB Sachsenring Automobilwerke in Zwickau. die Wiedervereinigung weitgehend realisiert. Und nur in diesem Kontext, also als Vorstufe der Wiedervereinigung, ist das Angebot der Bundesregierung zu verantworten.

SPIEGEL: Die Einführung der D-Mark in der DDR bedeutet auch, daß die Volkskammer zumindest für den Übergangszeitraum bis zur vollständigen Einheit das Bundesbankgesetz übernehmen muß.

PÖHL: Ja, solange es keine gesamtdeutsche Regierung gibt, kann eine Wirtschafts- und Währungsunion nur auf der Basis eines völkerrechtlichen Vertrages zustande kommen, der von beiden Parlamenten ratifiziert werden muß. Unter anderem muß vertraglich zwischen den beiden Staaten vereinbart werden, daß Entscheidungen des Zentralbankrats auch in der DDR gelten. Es muß zudem gewährleistet sein, daß die ökonomischen Reformen tatsächlich durchgeführt werden, daß die Eigentumsordnung völlig geändert wird, daß die Niederlassungs- und die Gewerbefreiheit durchgesetzt werden. Praktisch bedeutet dies: Unser Wirtschaftssystem wird weitgehend in der DDR eingeführt, denn ich nehme nicht an, daß wir wesentliche »Errungenschaften« der DDR übernehmen wollen.

SPIEGEL: Eine der Voraussetzungen für diese Aktion ist wohl auch, daß der östliche Staat seine Einnahmen über Steuern beschafft. Bisher besorgt sich der Staat seine Mittel über Abgaben der Betriebe.

PÖHL: Das Steuersystem der DDR kennen wir im einzelnen gar nicht, weil vieles als Staatsgeheimnis behandelt worden ist. Wir wissen nur, daß es auf Abschöpfungen beruht. Das muß natürlich geändert werden, wenn sich die DDR-Wirtschaft im Wettbewerb behaupten will. Und, was noch wichtiger ist, die DDR-Regierung hat mit der Einführung der D-Mark keinen Zugang zur Notenpresse mehr, um ihre Ausgaben zu finanzieren.

SPIEGEL: Wie sieht es mit den Möglichkeiten der DDR-Regierung aus, D-Mark-Kredite aufzunehmen? In der Bundesrepublik reicht es laut Gesetz aus, wenn zwischen Regierung und Notenbank »Benehmen« über die Kreditaufnahme auf dem Kapitalmarkt hergestellt wird.

PÖHL: Dies würde meines Erachtens für eine DDR-Regierung nicht ausreichen. Sonst wäre die Versuchung sehr groß, daß sich die öffentlichen Hände in der DDR maßlos verschulden. Unter dem Regenschirm der D-Mark, also mit einer Art Patronatserklärung der Bundesregierung und der Bundesbank, könnten die öffentlichen Hände der DDR fast unbeschränkt Kredite in harter Währung aufnehmen. Das ist natürlich nicht möglich. Hier müßte eine Bremse eingebaut werden.

SPIEGEL: In Wahrheit bedeutet dies alles, was Sie als Voraussetzung für eine Währungseinheit formulieren, ein Abwandern gewichtiger Exekutivbefugnisse von Ost-Berlin nach Frankfurt?

PÖHL: So ist es.

SPIEGEL: Mit Einführung der D-Mark wäre die eigenständige Existenz der DDR praktisch beendet.

PÖHL: Ich habe gesagt: Dies alles ist für mich nur unter der Prämisse vorstellbar und auch verantwortbar, daß es in relativ kurzer Zeit zu einer politischen Vereinigung kommt.

SPIEGEL: In jedem Fall, auch bei Einhaltung Ihres Fahrplans, wird die DDR-Wirtschaft ziemlich schnell und ziemlich ungeschützt dem kalten Wind des internationalen Wettbewerbs ausgesetzt. Viele Firmen werden dem Druck der wesentlich produktiver arbeitenden Konkurrenten aus dem Westen nicht standhalten, sie müssen Konkurs .

PÖHL: Es wird sicherlich viele volkseigene Betriebe geben, die einem solchen Wettbewerbsdruck nicht gewachsen sind. Auf der anderen Seite sind natürlich Produktivitätsreserven vorhanden. Vor allem aber ist ein solcher Vorgang überhaupt nur vorstellbar, wenn in ganz großem Umfang westliches, vor allem westdeutsches Kapital in die DDR fließt. Denn daß die DDR aus eigener Kraft eine solche Schocktherapie durchstehen könnte, halte ich für ausgeschlossen. Eine erhebliche Zunahme der Arbeitslosigkeit und eine verstärkte Abwanderung wären dann die Folge.

SPIEGEL: Wie schätzen Sie die Bereitschaft ein, privates Kapital in die DDR zu tragen?

PÖHL: Bisher sehr hoch, wenn die notwendigen Rahmenbedingungen geschaffen werden. Wir haben genug Kapital. Die Zunahme der privaten Geldvermögensbildung in der Bundesrepublik betrug im vergangenen Jahr 170 Milliarden D-Mark. Allein die Zunahme war höher als das gesamte Geldvermögen in der DDR. Wir haben im vergangenen Jahr einen Kapitalexport von über 100 Milliarden Mark gehabt. Der Bundesrepublik stehen die Kapitalmärkte der ganzen Welt offen. Wenn die DDR die Voraussetzungen für Investitionen schafft, wenn es interessant ist, dort zu investieren - dann wird es in der DDR zu einem enormen Aufschwung kommen.

SPIEGEL: Sollte es Vergünstigungen für jene geben, die in der DDR investieren?

PÖHL: Es wäre vorstellbar, daß steuerliche Anreize für Investitionen in der DDR geschaffen würden, wie wir das in der Bundesrepublik kennen.

SPIEGEL: Einigkeit besteht darüber, daß mit dem Tage X in der DDR ein Sozialsystem finanziert werden muß; daß eine Arbeitslosenversicherung eingeführt werden muß, die zunächst einmal über keine eigenen Gelder verfügt; daß die Renten mit bundesdeutscher Hilfe aufgebessert werden müssen. Dies alles wird hohe Milliardenbeträge kosten, zumindest in den ersten Jahren. Interne Rechnungen in Bonn kalkulieren mit bis zu 100 Milliarden Mark für die öffentlichen Kassen pro Jahr.

PÖHL: Die Vereinigung wird viel Geld kosten, sie ist ohne soziale Absicherung den Menschen in der DDR nicht zuzumuten. Eine Art Finanzausgleich ist unvermeidlich. Aber die von Ihnen genannten Berechnungen sind wahrscheinlich übertrieben. Sie gehen vom Status quo aus. Derlei Rechnungen berücksichtigen nicht, daß es auch in der DDR zu einem dynamischen Wachstumsprozeß kommen wird, der auch Einnahmen mit sich bringt. Die Leute müssen doch Beiträge und Steuern bezahlen. Für mich bestehen keine Zweifel: Die Kosten-Nutzen-Analyse führt per Saldo und in längerfristiger Perspektive dazu, daß der Nutzen der Vereinigung weit höher ist als die Kosten.

SPIEGEL: Inwieweit kann eine Verringerung der Verteidigungsausgaben dazu beitragen, den öffentlichen Aufwand für die DDR zu bezahlen?

PÖHL: In Amerika spricht man in diesem Zusammenhang von einer »peace dividend«, einer Friedensdividende. Das ist ein guter Ausdruck. Wir haben die historisch großartige Chance, daß nach der Beendigung des Kalten Krieges nun auch der Rüstungswettlauf beendet wird; daß es zu einer massiven Abrüstung kommt. Ich sehe wirklich keinen Grund, warum wir hochgerüstet wie bisher bleiben müssen, wenn die Wiedervereinigung verwirklicht wird. In einer Kosten-Nutzen-Analyse spielt die Verringerung der Verteidigungslasten daher eine ganz wichtige Rolle.

SPIEGEL: Ihre Kosten-Nutzen-Analyse ist eine längerfristige Berechnung. Zunächst, das ist wohl unstreitig, kostet die DDR die Bundesdeutschen viel Geld.

PÖHL: Ich will da gar keine Illusionen nähren. Es sind enorme Transferleistungen in die DDR notwendig. Aber die Zahlungen der öffentlichen Hand werden um so geringer, je höher der Transfer privaten Kapitals ist. Deswegen ist dies überhaupt die Schlüsselgröße für das Gelingen des Vorhabens.

SPIEGEL: Wie sollten die öffentlichen Mittel, die unterm Strich für die Vereinigung nötig sind, aufgebracht werden?

PÖHL: Ausgeschlossen ist, die Vereinigung mit der Notenpresse zu finanzieren. Das will ich kategorisch sagen, damit niemand auf solche Ideen kommt. Am besten wäre natürlich, die notwendigen Transferleistungen durch eine Umschichtung der öffentlichen Ausgaben zu finanzieren. Das ist sicherlich in erheblichem Umfang möglich, wenn es politisch gewollt wird. Ob darüber hinaus auch Steuererhöhungen nötig sind, kann man im Augenblick noch nicht übersehen.

SPIEGEL: Aber Sie wollen das auch nicht ausschließen?

PÖHL: Ich will jetzt keine Diskussionen über Steuererhöhungen anzetteln. Nur eines dazu: Wenn wir jetzt die historische Chance haben, die Wiedervereinigung zu erreichen, dann sollten wir nicht nur über die damit verbundenen Kosten reden. Wir sind ein reiches Land. In den letzten Jahren sind unsere Steuern um fast 50 Milliarden Mark gesenkt worden, allein zum 1. Januar um 25 Milliarden. Ich finde das Geschrei, das ertönt, wenn ein Politiker in diesem Zusammenhang über die Möglichkeit von Steuererhöhungen spricht, beschämend. Die große Mehrheit unseres Volkes will die Einheit. Dann müssen wir auch bereit sein, die damit verbundenen Kosten zu tragen. Und was wäre denn die Alternative? Ein beschleunigter Exodus aus der DDR, der am Ende weit mehr kostet.

SPIEGEL: Steuererhöhungen schaden den Regierungen, die Bezahlung des Abenteuers DDR mittels Notenpresse erscheint den Politikern womöglich eleganter. Sind Sie wirklich ganz sicher, daß Bonn am Ende nicht ein gut Teil der DDR-Last der Bundesbank aufbürden wird? Daß die Vereinigung den Bundesbürgern nicht einen ordentlichen Schub Inflation bescheren wird?

PÖHL: Die Bundesbank hat ihre Rechte im Bundesbankgesetz. Dieses Gesetz stellt uns die Instrumente zur Verfügung, um das Geld knapp zu halten und für Preisstabilität zu sorgen. So ist es über Jahrzehnte geschehen, und die daraus gewonnene Stabilität der D-Mark ist einer der wichtigsten Aktivposten in der Bilanz der Bundesrepublik. Ich sehe keinen Grund, warum sich das nun ändern sollte. Wir werden natürlich sehr aufpassen müssen, daß nicht aus dem politischen Raum Zumutungen an uns herangetragen werden, die eine nachhaltige Stabilitätspolitik erschweren oder unmöglich machen würden. Solange wir dazu die Möglichkeit haben, werden wir das aber sicherlich verhindern.

SPIEGEL: Was empfinden Sie als Zumutung?

PÖHL: Wenn man uns zum Beispiel auffordern würde, einen zu weiten Geldmantel für die DDR zu schneidern. Wir müssen die Möglichkeit haben, das Geld weiterhin knapp zu halten, auch in der DDR. Nur eine knappe D-Mark ist eine gute D-Mark.

SPIEGEL: Es besteht also durchaus die Gefahr, daß mit falschen Schritten in Richtung Wirtschafts- und Währungseinheit das Stabilitätsziel aufs Spiel gesetzt wird?

PÖHL: Diese Gefahr besteht immer. Wir haben viele Anfechtungen in der Vergangenheit erlebt, die wird es auch in Zukunft geben. Der Gesetzgeber hat uns ja Gott sei Dank durch das Bundesbankgesetz mit der notwendigen Unabhängigkeit ausgestattet, um diese Gefahren abzuwehren.

SPIEGEL: Nun aber muß dieses Gesetz geändert werden, um es an die DDR anzupassen.

PÖHL: Es denkt doch kein Mensch daran, die Unabhängigkeit der Bundesbank bei dieser Gelegenheit abzuschaffen. Im übrigen haben gerade die letzten Wochen gezeigt, wie sensibel Finanzmärkte und öffentliche Meinung auf scheinbare oder tatsächliche Gefährdungen der Stabilität der D-Mark reagieren. Vorsicht im Umgang mit diesem wichtigen öffentlichen Gut ist angebracht.

SPIEGEL: Herr Pöhl, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

W. Kaden, H. Martens
Zur Ausgabe
Artikel 37 / 104