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KONZERNE Wird belohnt

Letzter Versuch der Bonner: Wenn Daimler-Benz bei MBB einsteigt, übernimmt der Staat alle Risiken. *
• aus DER SPIEGEL 22/1988
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ehe er sich nach Brüssel zurückzieht, um sich in der EG-Kommission den großen Aufgaben Europas zu widmen, möchte Martin Bangemann noch eine Großtat in der Heimat vollbringen: Er will die deutsche Luft-und Raumfahrtindustrie neu ordnen - und es sieht so aus, als sei er einen Schritt weitergekommen.

Am Mittwoch vergangener Woche traf sich der Wirtschaftsminister im Süddeutschen, fernab von Bonn, mit Edzard Reuter, dem Chef von Daimler-Benz. Bangemann machte einen neuen Versuch, Reuter zum Einstieg in den halbstaatlichen Technologie-Konzern MBB zu überreden. Er kam diesmal nicht mit leeren Händen.

Der Liberale unterbreitete dem Industriellen ein mit dem Finanzminister abgestimmtes Angebot, das der Chef des größten deutschen Industrie-Konglomerats kaum noch ablehnen kann. Reuter bekommt die Firma MBB, die auch am Airbus mitbaut, zu einem Freundschaftspreis, ohne auch nur einen Rest des finanziellen Airbus-Risikos tragen zu müssen.

Dafür erwarten die Bonner, daß Daimler-Benz sich zu 30 Prozent bei MBB einkauft und zunächst zu 15 Prozent am Airbus beteiligt. Die erforderlichen 400 Millionen Mark könnte der Konzern, eines der solventesten deutschen Unternehmen, locker aufbringen. Zusätzlich müßten Reuter und seine Truppe jedoch auch die industrielle Führung bei MBB übernehmen.

Damit legt die Bonner Regierung dem Daimler-Benz-Chef eine ganze Branche zu Füßen, eine Industrie mit Zukunft, an der Reuter schon lange Interesse zeigt. Das traditionelle Autogeschäft allein ist den Daimler-Managern auf Dauer nicht genug. Das Unternehmen hat sich längst zu einem verzweigten Firmenverbund entwickelt. Mit AEG erwarb Daimler einen Mischkonzern mit Elektroniksparte, mit MTU eine Firma für Antriebstechnik und mit Dornier eine Flugzeugfirma. _(Cockpit eines A 320. )

Was jetzt noch fehlt, ist MBB, der größte Luft-und Raumfahrt-Konzern der Republik. Durch die Verbindung von MBB, Dornier, AEG und MTU könnte Reuter einen Koloß schaffen, der auf dem Weltmarkt für Luft- und Raumfahrt eine gute Chance hätte - und das deutsche Rüstungsgeschäft dominieren würde.

Bislang hielt die Beteiligung von MBB am verlustreichen Europa-Flugzeug Airbus den Strategen Reuter davon ab, seine Pläne zu verwirklichen. Der Airbus ist wegen der Abhängigkeit vom Dollar ein schwer kalkulierbares Risiko. Hartnäckig weigerte sich der Daimler-Benz-Chef deshalb, auch nur eine Mark in das Airbus-Abenteuer zu investieren.

Die Standfestigkeit wird nun belohnt. Die Bundesregierung wird MBB vor einer Übernahme durch Daimler-Benz so gefällig herausputzen, daß Reuter sich um den Airbus keine Sorgen mehr machen muß. Das Flugzeug könnte sogar in Zukunft für Daimler ein Geschäft werden, denn in den nächsten 20 Jahren werden etwa 8000 neue Flugzeuge im Wert von gut 400 Milliarden Mark gebraucht. Airbus-Manager rechnen sich eine gute Chance aus, etwa ein Drittel dieses - bislang allerdings verlustträchtigen - Geschäfts für sich zu verbuchen.

Bis das Flugzeug wirtschaftlich abhebt, soll nach Bonner Plänen die Bundeskasse das Risiko tragen. Zunächst übernimmt der Bundesminister der Finanzen sämtliche Schulden aus dem laufenden Airbus-Programm. Zusätzlich, so versprach Bangemann, werde Bonn die Risiken aus den Kursschwankungen des Dollar zu heutigen Paritäten bis ins Jahr 1994 absichern. Vorsorglich werde der Finanzminister für diesen Zweck zwei bis zweieinhalb Milliarden Mark in den Haushaltn für die Zeit von 1989 bis 1994 einplanen.

Aber es kommt noch besser. Bangemann möchte MBB nicht nur schuldenfrei an Reuter übergeben. Auch gegen drei Viertel aller künftigen währungsbedingten Verluste aus dem Airbus-Geschäft soll Daimler-Benz abgesichert sein. Bis ins Jahr 2000 steht der Bund dafür ein, und das sogar für Airbus-Typen, die noch nicht einmal entwickelt sind, wie zum Beispiel die Mittel- und Langstreckler A 330 und A 340.

Die Fürsorge des Bundes für eines der reichsten Unternehmen kennt offenbar keine Grenzen. Etwa sechs Milliarden Mark sind Bangemanns Versprechen wert, kalkulieren Kenner. Damit die Verbindung mit MBB für die Manager von Daimler-Benz nicht doch noch gefährlich wird, soll das Geschäft auch mit einer Vollkasko-Versicherung und zusätzlicher Gewinn-Garantie versehen werden.

Der kritische Unternehmensbereich Transport- und Verkehrsflugzeuge, in dem die Airbus-Verluste anfallen, soll rechtlich sauber vom eigentlichen MBB-Konzern getrennt werden. Daimler-Benz könnte daher in Zukunft die Gewinne aus lukrativen MBB-Aktivitäten wie etwa Rüstung mitnehmen, ohne sich um die Verluste aus dem Airbus-Verkauf kümmern zu müssen.

Das Arrangement scheint für Daimler in jedem Falle lohnend. MBB ist Hauptauftragnehmer für Rüstungsprojekte wie den Jäger 90, ein Geschäft von über 22 Milliarden Mark. Da fließen sichere Einnahmen, ebenso wie beim geplanten Panzerabwehr-Hubschrauber.

Auch an Raumfahrtprojekten wie Hermes oder Columbus wird MBB gut verdienen. Bei solchen Staatsaufträgen ist eine Gewinnmarge von fünf bis sechs Prozent vor Vergabe festgelegt.

Das von Bangemann unterbreitete Angebot, das für Daimler-Benz verlockend aussieht, hat nur einen Haken: Der Minister verhandelt über eine Firma, bei der die Bonner formal überhaupt keine Mitspracherechte haben.

Hauptanteilseigner bei MBB sind vielmehr die Länder Bayern, Bremen und Hamburg. Dort arbeiten die wichtigsten MBB-Werke. Die Länderregierungen wachen argwöhnisch darüber, daß nicht ein einziger Arbeitsplatz in ihrem Verantwortungsbereich abgebaut wird. Die Bonner müssen deshalb nicht nur Daimler-Benz zum Einstieg bei MBB, sondern auch die Länder zum Ausstieg überreden. Das könnte schwierig werden.

Schwer vorstellbar ist auch, daß Bayern, vom Airbus-Fan Franz Josef Strauß regiert, seine MBB-Anteile abgeben wird. Strauß, der als Airbus-Aufsichtsratschef an dem Treffen mit Reuter ebenso wie der Daimler-Benz-Aufsichtsratsvorsitzende Alfred Herrhausen von der Deutschen Bank teilnahm, hat bislang lediglich sein grundsätzliches Einverständnis mit dem Bonner Plan erklärt. Welche Bedenken er noch im Detail vorbringen wird, wagt niemand zu prophezeien.

Reuter, obwohl von Bangemanns Offerte angetan, hat sich Bedenkzeit ausgebeten. Er muß Skeptiker im eigenen Haus vom Nutzen eines MBB-Einstiegs überzeugen. Zudem hat Reuter mit dem Tochter-Unternehmen Dornier ein Problem, das er zunächst gern lösen möchte.

Die Familie Dornier ist immer noch mit 30,5 Prozent an dem nicht eben rentablen Unternehmen beteiligt, das seit 1985 zum Daimler-Konzern gehört. Den Daimler-Chef stört das bei seinen Plänen, Dornier fest mit MBB zu einem Luft-und Raumfahrtbereich in seinem Konzern zu verschweißen. Von diesen Plänen nämlich halten die Dorniers wenig.

Reuter würde die Familie deshalb am liebsten aus dem Unternehmen herausbugsieren. Doch die Dorniers haben sich gut abgesichert. Sie verfügen nicht nur über ein Veto-Recht, sondern können sich auf eine Klausel berufen, wonach ihnen, komme, was wolle, stets zehn Prozent Dividende zustehen.

Leicht wird das nicht. Reuter, so spotten Kollegen bereits, wird wohl den Dorniers ein ähnlich freundliches Angebot unterbreiten müssen, wie er es jetzt aus Bonn erhalten hat.

Cockpit eines A 320.

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