US-Banken Wird ernst
Wir wollen weltweit operieren«, sagt John Reed, Chef der New Yorker Großbank Citicorp, »und wir wollen mächtig sein.«
Sprüche dieser Art klingen im einst gefeierten amerikanischen Bankgewerbe neuerdings mehr nach Selbstbeschwörung als nach Selbstbewußtsein. Amerikas Banker sind keine Weltmeister mehr. »Sie haben sich«, so Analyst James McDermott von der Wall-Street-Firma Keefe, Bruyette & Woods, »mit eingeklemmtem Schwanz nach Hause geschlichen.«
Mismanagement und Fehlurteile haben den US-Geldhäusern über die Jahre heftige Gewinneinbrüche gebracht. Und 1990 droht es weiter abwärts zu gehen: Im zweiten Quartal des Jahres schnitt Marktführer Citicorp um 37 Prozent schlechter ab als im zweiten Quartal 1989, die Bank of New York verlor 39 Prozent und die Chase Manhattan gleich 64 Prozent ihres Geschäfts.
Von sämtlichen Großbanken der USA haben nur Morgan, Security Pacific in Los Angeles und die North Carolina National Bank (NCNB) mehr verdient als zur gleichen Zeit des Vorjahres. Unter den international bekannten Adressen erfreut sich - trotz eines Tiefs im vergangenen Herbst - allein Morgan noch der höchsten Bonitätsstufe, wie sie von den Bewertungsfirmen Moody''s sowie Standard & Poor''s vergeben wird. Die meisten anderen, auch Citicorp, sind herabgestuft worden.
Der Qualitätsverlust ist hausgemacht und auf lange Sicht nicht aufzuholen. Im Gegensatz zur ausländischen Konkurrenz können die amerikanischen Banken kaum auf gelernte Bankkaufleute zurückgreifen. Die meisten Bankangestellten hinter den Publikumsschaltern sind eilig angelernt. Sie wissen zwar auf Knöpfe zu drücken, aber oft nicht, wovon sie reden.
Das obere Bankmanagement, eine verschworene Country-Club-Gemeinschaft, ist durch die jahrzehntelange Weltherrschaft des US-Dollar bequem geworden und folgt in seiner Geschäftsstrategie dem Urteil von Meinungsführern auf dem Golfplatz. Jahrelang liefen amerikanische Bankiers jedem Milliarden-Unsinn hinterher, der sich gerade bot.
Als Analytiker Anfang der achtziger Jahre voraussagten, der Rohölpreis werde noch auf 100 Dollar je Barrel steigen, gaben die Banken auch dem letzten Öldriller in Oklahoma Geld - abgesichert durch seine überbewerteten Ölreserven. Als sie sich wenige Jahre danach bei einem Ölpreis von unter 10 Dollar wiederfanden, waren die Kunden pleite und die Sicherheiten dahin.
Mitte des Jahrzents ließen die Banken sich aufgrund politischer Fehlinformationen in die Finanzierung der US-Getreidefarmer und der rechtslastigen lateinamerikanischen Entwicklungsländer drängen. Beides endete böse. Spektakuläre Proteste und Konkurse amerikanischer Landwirte, denen plötzlich der Geldhahn zugedreht wurde, ließen auch das Elend der Banken deutlich werden. Allein im Farmgürtel der USA machten jährlich rund 200 Institute dicht. Zudem mußte das Bankgewerbe jedes Jahr 20 Milliarden Dollar an faulen Krediten abschreiben.
Um solche Verluste rasch wieder wettzumachen, sahen sich die Banken daraufhin nach dem ganz schnellen Geld um. Sie entdeckten es im heißen Grundstücksgeschäft und in der Basis-Finanzierung von Übernahmeschlachten, mit denen der illustre, inzwischen aber haftverdächtige Kreis von Unternehmensjägern das Land überzog. Beides endete im Chaos, als das Wirtschaftswachstum der USA zu lahmen begann. Wieder waren Kunden pleite und Sicherheiten weg.
Fachleute der Beratungsgesellschaft McKinsey schätzen, daß sich nach diesen Abenteuern die riskanten Kreditpositionen der Banken auf 600 Milliarden Dollar hochgeschoben haben - das Zweieinhalbfache des Börsenwertes sämtlicher US-Geschäftsbanken plus ihrer Risikoreserven.
Das volkswirtschaftliche Katastrophenpotential der Geschäftsbanken ist damit noch größer als das der Sparkassen, deren 500-Milliarden-Pleite gegenwärtig die US-Finanzwelt durchschüttelt. Geriete das dreimal so große Bankengewerbe in eine ähnliche Schieflage, könnte Amerika sich aus eigener Kraft nicht mehr finanzieren.
»Wir sind zwar noch nicht am Ende«, betont William M. Isaac, Ex-Präsident der staatlichen Einlagenversicherung, die Depositen bis zu 100 000 Dollar absichert, »aber wir sind an einem Punkt, wo es ernst wird.«
In diesem Jahr, so schätzt die US-Bankenaufsicht, werden rund 200 der insgesamt 12 588 amerikanischen Geschäftsbanken geschlossen werden. Weitere 1058 Banken, acht Prozent des Gewerbes, stehen auf den Problemlisten des Federal Reserve Board. Die Finanzreserven der Einlagenversicherung sind gefährlich geschrumpft. An New Yorks Aktienbörse, deren Gesamt-Kursindex immerhin noch leicht stieg, sind die Banken-Papiere seit Jahresbeginn denn auch um 13 Prozent gesunken.
Besserung nämlich ist nicht in Sicht. Außer an seinen Managementfehlleistungen leidet das US-Bankengewerbe auch an gesetzlichen Beschränkungen. Geschäftsbanken dürfen nur in jeweils einem der 50 US-Bundesstaaten tätig sein. Wenn es eine regionale Wirtschaftskrise gibt, sind die dort seßhaften Banken mit betroffen, ohne sich woanders Ausgleich verschaffen zu können.
Seit dem Ende der Reagan-Ära stecken die USA in einer sogenannten rollenden Rezession, die sich zwischen Branchen und Regionen hin- und herschiebt: Der High-Tech-Nordosten ist unten, der flugzeugbauende Nordwesten oben, Kalifornien wird der Abstieg, Texas der Wiederaufstieg vorausgesagt. Bei einem Bankensystem mit überregionalen _(* US-Farmer protestieren gegen ) _(Kreditpraktiken in Ohio 1985. ) Instituten wäre das nicht weiter gefährlich, weil irgendwo immer auch Konjunktur ist; für die dezentralisierten US-Banken ist es verheerend, weil nun nacheinander alle dran sind.
Zudem drängen neue Wettbewerber in die sichersten Geschäftszweige. Konzerne wie General Motors und Ford verfügen über eigene Kreditinstitute und haben inzwischen mehr Industriefinanzierung auf sich gezogen als die Geschäftsbanken.
Überregionale Service-Gesellschaften wie American Express und die Telefongesellschaft AT & T locken mit Kreditkarten und Überziehungskrediten. Japans Großbanken, die an regionale Vorschriften nicht gebunden sind, bewältigen bereits 15 Prozent des Kreditvolumens der USA.
Die US-Aufsichtsbehörden haben zu allem Unglück auch noch das Banken-Establishment mit schärferen Ausleihebedingungen verschreckt. »Manche Kollegen«, grämt sich Citicorp-Chef Reed, »ziehen daraus viel zu enge Schlüsse.« Das kostet Kundschaft.
Aus Angst, daß ihr Kreditrahmen zusammengestrichen wird, sehen sich alte Stammkunden nach neuen Finanziers um. Reed verlor dabei bereits die expansive Hotelgruppe Marriott an japanische Banken. Marriotts Rivale Radisson verlagert seine Expansion ins Ausland.
Im internationalen Geschäft aber herrschen längst andere. Außer Citicorp, die in 89 Ländern 2200 Niederlassungen unterhält, haben fast sämtliche US-Banken den geordneten Rückzug angetreten. Die New Yorker Chemical Bank reduzierte ihre Präsenz von 30 auf 9 Länder, Kaliforniens Wells Fargo schloß gleich sämtliche Auslandsfilialen, und BankAmerica in San Francisco verkaufte ihre italienische Tochter an die Deutsche Bank.
Vor fünf Jahren noch firmierte New Yorks Citibank als größtes Kreditinstitut der Welt. Nun liegt sie auf Platz elf, hinter acht japanischen und zwei französischen Geldhäusern (siehe Grafik Seite 70). Unter den 50 größten Banken der Welt gibt es nur noch drei Amerikaner. Allein drei bayerische Banken sind inzwischen größer als der legendäre Morgan Guaranty Trust.
Jeder zweite große Kredit-Deal in den Vereinigten Staaten geht nicht mehr ohne japanische Banken. Von den zehn größten Banken in Kalifornien gehören vier bereits der fernöstlichen Wirtschaftsmacht.
Das kann zwar der Solidität des US-Kredit-Geschäfts bekömmlich sein, für das amerikanische Selbstverständnis jedoch ist es tödlich. »Wir sind in Gefahr«, so Robert Clarke, oberster Bankenaufseher im US-Finanzministerium, »im Finanzwesen zu einer zweitklassigen Macht abzusinken.« o
* US-Farmer protestieren gegen Kreditpraktiken in Ohio 1985.