Arbeitskampf Wird härter
Für den IG-Metall-Vorsitzenden Eugen Loderer ist der Streik der Bremer Metallarbeiter zum »Höhepunkt der gegenwärtigen Tarifrunde« geworden, für seine Widersacher degenerierte der Arbeitskampf zum Streit um »weniger als ein Prozent«.
Beide könnten recht haben. Denn inzwischen scheint festzustehen, daß der knapp zwei Wochen dauernde Ausstand den hanseatischen Metallern kaum mehr einbringen, die bremischen Industriellen kaum mehr kosten wird als jene Prozentzahlen, an die sich beide Tarifparteien im Schlichtungsverfahren herangerobbt hatten. Damals, in der Schlichtung durch den Arbeitsrichter Menkens, hatten die Arbeitgeber ihr Angebot von 8,5 Prozent Lohnzuwachs für 1974 auf rund 14 Prozent erhöht, die Gewerkschaften ihre Forderungen von 18 Prozent auf 15 reduziert.
Dennoch -- und obgleich in den meisten anderen Metalltarifbezirken längst neue Lohnsätze gelten -- zogen Streikposten auf vor den Werften und Elektrofabriken. Bereitwillig investierte die IG Metall inzwischen fast zehn Millionen Mark Streikgelder: Für beide Seiten geht es in Bremen um wichtige Tarif-Finessen.
Der Arbeitgeberverband möchte -- als Vorstufe zu einer Tarifrunde auf Bundesebene -- durchsetzen, daß sich die Abschlüsse in den 16 Bezirken weitgehend gleichen. Folgerichtig beharrten die Industriellen auf Verträgen, die »das Lohngefüge innerhalb Deutschlands nicht verzerren«.
Ihr Hauptinteresse an einem Einheitsabschluß: Bei einer Bundestarifrunde müßte die Gewerkschaft auf jene schwachen Regionen Rücksicht nehmen, in denen hohe Lohnzuwachsraten die Arbeitsplätze in Gefahr brächten. Ein Streik zwischen Flensburg und Garmisch wäre zudem für die Arbeitnehmer nicht zu gewinnen: Die gut zwei Millionen Metaller würden die Streikkasse nach kürzester Zeit überfordern.
Für die IG Metall ist schon die Bereitschaft zu nahezu identischen Tarifverträgen gefährlich. Im letzten Jahr nämlich erließ die Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit ergänzend zum Paragraphen 116 des Arbeitsförderungsgesetzes eine Anordnung, die das Auszahlen von Arbeitslosengeld unter bestimmten Umständen verbietet.
Zwingt etwa ein Streik in Baden-Württemberg Zulieferfirmen in Bremen zu Produktionseinschränkungen« weil die Waren aus der Hansestadt nicht mehr abgerufen werden, so hätten ihre Arbeiter dann keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld, wenn die Gewerkschaftsforderungen in beiden Tarifbezirken identisch wären.
Das wiederum würde die IG Metall zur Zahlung von Streikgeldern an die Bremer Arbeitslosen verpflichten und so schließlich die finanziellen Möglichkeiten der IG Metall überfordern.
Überdies wollen sich die von den wilden Streiks des letzten Sommers verunsicherten Funktionäre die Chance nicht nehmen lassen, vor den Mitgliedern als harte Kämpfer aufzutreten. Die Vorzüge des Unterweser-Bezirks kamen ihnen dabei gerade recht, denn Deutschlands Werften schwimmen obenauf.
Die Umsätze auf Bremens Großwerften lagen 1973 um etwa 40 Prozent über dem Vorjahresstand. Mit dem Bau von zehn Großtankern ist Bremens größte Werft, die AG Weser, bis Ende 1976 ausgebucht. Auch die Vulkan-Werft ist für die nächsten zwei Jahre voll ausgelastet. Selbst die mittleren Schiffbauer sind für die nächste Zeit mit Aufträgen eingedeckt.
So hatten denn auch die Metallarbeiter von der Weser eigentlich den Stoßtrupp der IG Metall spielen sollen. Doch Arbeitgeber und Kollegen von Rhein und Ruhr durchkreuzten die Tarifstrategie. Durch die für den öffentlichen Dienst ausgehandelten Zuwachsraten beeindruckt, ließen sich die nordrhein-westfälischen Metallindustriellen eine Lohnerhöhung von gut 14 Prozent (elf Prozent für die ersten zehn Monate, bis zum Jahresende dann 13 Prozent sowie bessere Urlaubsregelungen) abtrotzen.
Dieses Modell aber können die streikenden IG-Metaller nicht akzeptieren -es sei denn, sie gäben klein bei. Schon verkündete Eugen Loderer: »Dieser Arbeitskampf ist der unumstößliche Beweis dafür, daß der Verteilungskampf in der Bundesrepublik zunehmend härter wird.«
Zumindest ebenso hart wird die am Mittwoch vergangener Woche zusammengerufene »besondere Schlichtungskommission« mit ihrem stimmberechtigten Vorsitzenden Olaf Sievert kämpfen müssen. Wenn ihr Einigungsvorschlag dem »Modell NRW« folgt, machen die Metaller nicht mit. Kommt ihr Vorschlag dagegen in die Nähe der Formel des gescheiterten Bremer Schlichters Menkens (15 Prozent), werden die Arbeitgeber passen.
Der Vorsitzende selber hat ohnedies ganz andere Zahlen im Sinn. Ende letzten Jahres empfahl er als Mitglied des Sachverständigenrates der Bundesregierung, den Lohnzuwachs in diesem Jahr -- der Preisstabilität zuliebe -- unter zehn Prozent zu halten.