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Umweltschutz Wird schon gutgehen

Weil es zuviel Staub und Lärm erzeugt, soll das Hoesch-Stahlwerk in Dortmund-Hörde seine Produktion drosseln. Hoesch sieht dadurch mehr als 2500 Arbeitsplätze gefährdet.
• aus DER SPIEGEL 23/1973
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Rund 400 Beschwerden umweltgeschädigter Bürger sammelte Dr. Manfred Pütz, 40, Chef des Dortmunder Gewerbeaufsichtsamtes, innerhalb weniger Wochen auf seinem Schreibtisch. Dann entschloß sich der Umweltschützer zu handeln: »Wir müssen jetzt hart durchgreifen.«

In Behördengriff nehmen will der beim Umweltschutz pingelige Pütz den Dortmunder Stahl-Konzern Hoesch. In einer Verfügung fordert das Gewerbeaufsichtsamt das Unternehmen auf, seine Produktion im Dortmunder Oxygen-Stahlwerk Phoenix von derzeit 280 000 auf 216 000 Tonnen monatlich zu drosseln.

Anlaß für den harten Eingriff der Umweitwächter sind Drecklawinen und Dauerkrach, die das Hoesch-Stahlwerk im Dortmunder Industrie-Stadtteil Hörde täglich erzeugt. Messungen des Gewerbeaufsichtsamtes ergaben, daß zeitweilig mehr Staub aus den Schloten der Stahlschmiede auf Straßen, Wohnviertel und Gärten niedersinkt, als vom Gesetz -- die Grenze liegt bei täglich 0,85 Gramm Staub je Quadratmeter -höchstens erlaubt ist.

Auch der Lärm, mit dem die Hoesch-Fabrik die angrenzenden Wohnviertel beschallt, übersteigt die erlaubte Stärke. So maßen Pütz und seine Umwelt-Kontrolleure in unmittelbarer Nähe des Stahl-Kolosses nachts einen Lärmpegel, der die zugelassene Höchstgrenze von 45 Phon zum Teil weit überschritt.

»Das ist kein Kavaliersdelikt mehr«, sekundierte vergangene Woche Ministerialrat Alfred Schmitt im Düsseldorfer Arbeitsministerium seinem Umweltschutz-Kollegen Pütz bei dessen Lärm- und Schmutz-Duell mit Hoesch.

Ähnlich wie Schmitt dachten auch die Richter des Gelsenkirchener Verwaltungsgerichts über den Fall. Das Gericht, das über den Einspruch des Hoesch-Managements gegen die Putz-Verfügung befinden sollte, entschied vergangene Woche in erster Instanz gegen die Hutten-Lenker aus Dortmund und für den Behörden-Ukas. Damit müssen die Stahlproduzenten vorerst die Hoffnung begraben, mit Hilfe des Gerichts dem entschiedenen Vorgehen der Umweltschützer widerstehen zu können.

Die bedrängten Stahlmanager, die mit so viel Härte der Behörden nicht gerechnet hatten, ließen sich jedoch nicht entmutigen. Peter Ulrich Schmithals, Chef der betroffenen Hoesch Hütte, drohte mit der Erklärung, im Fall einer Produktionsdrosselung würden mehr als 2500 Arbeitsplätze gefährdet.

Die Ankündigung des Stahlmanagers verfehlte nicht die beabsichtigte Wirkung. Dortmunds Stadtväter, schon im vergangenen Jahr bei der Fusion des Hoesch-Konzerns mit dem holländischen Konkurrenten Hoogovens von der Furcht beschlichen, die Hoesch-Produktion könnte auf Dauer an die holländische Küste verlagert werden, packte neue Sorge.

»100 000 Menschen sind schließlich von Hoesch abhängig. Und wir haben die Stillegungen aus dem Bergbau noch nicht überwunden«, klagte vergangene Woche Dortmunds Stadtdirektor Bernhard Sträter in Angst vor neuen Entlassungen. Auch Friedhelm Farthmann, DGB-Mitbestimmungsexperte und Aufsichtsratsmitglied des attackierten Stahlunternehmens, sieht schwarz: »Wenn die Produktion gedrosselt werden muß, kann Hoesch den Laden dichtmachen.«

Pütz indessen reagiert auf die dumpfe Kunde aus der Hoesch-Zentrale mit Gelassenheit: »Das ist reine Hysterie. Bisher ist durch eine Umweltschutzmaßnahme noch kein Arbeitsplatz gefährdet worden.«

Seine Auflage für den zweitgrößten deutschen Stahlkonzern findet nicht nur den Beifall vieler staub- und lärmbelästigter Bürger. Der energische Ingenieur stützt seine Maßnahme gegen das umweltfeindliche Stahlwerk zudem auf ein schwerwiegendes Versäumnis der Hüttenmanager.

Die Stahlproduzenten aus Dortmund hatten es in den vergangenen Jahren unterlassen, sich die geplante Produktionserhöhung über 216 000 Tonnen hinaus von der Behörde genehmigen zu lassen. Gestand letzte Woche ein Hoesch-Manager: »Der Vorstand unserer Hütte hat dieses Problem verschlafen. Die dachten wohl, das wird schon gutgehen.«

Behörden-Erfahrungen, wie sie jetzt Hoesch macht, mußten unlängst auch die Manager der Duisburger August Thyssen-Hütte sammeln. Mit Erfolg waren Gewerbeaufsichtsamt und Anrainer gegen den Dauerlärm eines neuen Thyssen-Hochofens am Rheinufer im Duisburger Stadtteil Marxloh vor Gericht gezogen. Die Richter hatten schließlich Thyssen angewiesen, den Lärmpegel innerhalb einer festgesetzten Frist beträchtlich zu senken.

Ein anderes Industrie-Projekt scheint wegen wachsender Proteste der Bevölkerung ganz zu scheitern: Der Düsseldorfer Energiekonzern Veba plante im Orsoyer Rheinbogen bei Duisburg den Bau einer Großraffinerie. Fachleute im Revier geben diesem Vorhaben mittlerweile kaum noch eine Chance.

Dortmunds Umweltschützer Pütz machte bereits vor seiner jüngsten Hoesch-Verfügung durch scharfe Aktionen gegen industrielle Lärm- und Staub-Produzenten von sich reden. So legte er Ende April kurzerhand das zur Schließung anstehende Kraftwerk der Harpener AG in Dortmund-Derne wegen überhöhter Dreck-Produktion vorzeitig still. Anfang Mai stoppte Pütz wegen unzumutbaren Lärms den Nachtbetrieb auf dem Lagerplatz des Hoesch-Röhrenwerks in Dortmund-Barop.

Die Hoesch-Manager hoffen allerdings im Fall Hörde inzwischen doch noch auf einen Kompromiß. Der Stahl-Konzern ließ erkennen, daß er unter bestimmten Bedingungen bereit ist, sich mit den Dortmunder Umweltschützern zu vergleichen. Hoesch-Generalbevollmächtigter Erich Vogel vergangene Woche: »Wir sind für Umweltschutz. Aber er sollte in einem Rahmen vollzogen werden, der wirtschaftlich und technisch vertretbar ist.«

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