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VOLKSWAGEN Wird schwerer

Nach dem Ausstieg des Bundes wird der Druck auf das VW-Management wachsen - weniger Kosten, mehr Gewinn. *
• aus DER SPIEGEL 13/1988
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Er verstehe nicht, schrieb der Betriebsrat der Volkswagen AG an den Bundeskanzler, daß »aus rein ordnungspolitisch-ideologischen Gründen« der Bund seine VW-Papiere verkaufe. Da ist auch nicht viel zu verstehen - die ordnungspolitischen Gründe spielten bei dem Geschäft kaum eine Rolle.

Für Finanzminister Gerhard Stoltenberg geht es im Augenblick schlicht um Geld. Nachdem er zweimal bereits seinen 16-Prozent-Anteil wegen zu niedrigen Kurses der VW-Aktien nicht an die Börse bringen mochte, hat er nun den nächstbesten Zeitpunkt abgepaßt. Die 1,1 Milliarden Mark, die ihm der Verkauf bringt, braucht der Finanzminister dringend - wie jede andere Milliarde auch - für seinen löchrigen Etat.

Darüber hinaus aber sind manche Befürchtungen des VW-Betriebsrates und die Proteste der Belegschaft zu begreifen. Der Konzern wird zwar nicht notgeschlachtet, wie der ehemalige Finanzminister Hans Apel (SPD) formulierte. Aber auch die VW-Werker ahnen, was kluge Finanzanalysten wissen: Bei Volkswagen könnte nach dem Ausstieg des Bundes vieles anders werden.

Das Unternehmen hat in der deutschen Industrielandschaft stets eine Sonderrolle gespielt. Seit seiner Gründung durch das Hitler-Regime war Volkswagen immer eng an den Staat gebunden. Erst 1961 gab der Bund einen großen Teil seiner VW-Beteiligung ab. Mit dem Verkauf des restlichen Paketes bleiben nur 16 Prozent in staatlichen Händen - die hält das Land Niedersachsen. Eine Ära geht zu Ende.

Der Staat ist im Fall VW immer wieder an seine besondere Verantwortung erinnert worden. Das Unternehmen hat kaum jemals Leute entlassen, die VW-Werker werden über Haustarif entlohnt, die Schließung von Werken oder gar die Verlagerung von Produktionen wird lange diskutiert, ehe sie nicht beschlossen werden.

Niedersachsens Finanzministerin Birgit Breuel will im VW-Aufsichtsrat auch weiterhin die Fürsorgepflicht des staatlichen Arbeitgebers wahrnehmen. Doch sie wird es ohne die Kollegen vom Bund schwerer haben. Die Vertreter der privaten Aktionäre werden künftig das Management des Unternehmens noch stärker auf betriebswirtschaftliche Grundsätze festlegen.

VW-Chef Carl Hahn hat seit Jahren Probleme mit den Kosten. Die VW-Belegschaft in Deutschland (etwa 175 000) soll ohnehin um ein paar tausend Mann verringert werden. Der Druck, hier noch mehr Kosten zu sparen, wird stärker.

Wenn weiter rationalisiert wird, kann auch die Standortfrage nicht tabu bleiben. Auf die Dauer scheint es wenig Sinn zu machen, den Polo gleichzeitig in Deutschland und in Spanien zu fertigen. Die moderne Fabrik der VW-Tochter Seat in Pamplona, in der die Produktion wesentlich billiger ist, könnte die Herstellung dieses Modells allein übernehmen.

Volkswagen hat in der Vergangenheit stets Schwierigkeiten gehabt, seine schmale Gewinnspanne zu verbreitern. Das Unternehmen verdient, verglichen mit der Konkurrenz, viel zuwenig. Selbst in den Jahren des schönsten Autobooms blieb bei VW nur gut ein Prozent des Umsatzes als Gewinn hängen; bei Ford sind es über fünf Prozent.

Fehler und Pannen erschwerten den Wolfsburgern zusätzlich das Geschäft. Der mißglückte Versuch, mit der Schreibmaschinenfirma Triumph-Adler auf neues Terrain vorzurücken, kostete VW zwei Milliarden Mark, die Devisenaffäre schmälerte das Vorjahresergebnis um eine halbe Milliarde.

Die Aktienkäufer, die am Donnerstag und Freitag das VW-Papier zum Kurs von 238 erwarben, schienen an Vergangenem nicht interessiert. Ihre Hoffnung auf steigende Kurse wurde zusätzlich von den Banken genährt, die durch eigene Käufe dafür sorgten, daß der Kurs nicht unter den Ausgabepreis rutschte (siehe Graphik Seite 111).

Ob das Geschäft für die neuen Aktionäre lohnt, ist noch keineswegs sicher. Die Erfahrungen mit der letzten Kapitalerhöhung sollten skeptisch machen. Damals, im September 1986, hatte VW Aktien für 350 Mark angeboten. Kaum waren sie verkauft, teilte das Unternehmen in einem Zwischenbericht mit, der Gewinn sei um 40 Prozent gesunken. Der Kurs der Aktie sackte prompt.

Böse Überraschungen sind auch diesmal nicht ausgeschlossen. Stoltenberg hatte es mit dem Verkauf derart eilig, daß er nicht einmal bis zum 4. Mai warten wollte - an diesem Tag legt VW die Bilanz für das vergangene Geschäftsjahr vor.

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CHANCE FÜR AKTIONÄRE? Monatsschlußkurse der VW-Aktien an der Frankfurter Börse; Angaben in Mark Zum Kauf angebotene VW-Stammaktien: Tiefstand

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