NEUE HEIMAT Wird schwierig
Nur widerwillig brachten die Gewerkschaften im vergangenen Jahr noch einmal 400 Millionen Mark für die Sanierung der Neuen Heimat Städtebau (NHS) auf. Doch das, so drohte Konrad Carl, Chef der IG Bau-Steine-Erden, »war der letzte Opfergang«.
Die Verluste der NHS, die durch jahrelanges Mißmanagement verursacht wurden, dürften auf Dauer nicht mit den Mitgliedsbeiträgen der Gewerkschaften ausgebügelt werden. Die NHS, privatkapitalistisch organisiertes Schwesterunternehmen der gemeinnützigen Neuen Heimat, müsse - so forderte Carl - nun allein zurechtkommen.
Das wird sie kaum schaffen. Wie sich jetzt zeigt, ist die NHS ohne neue Hilfe ihrer Eigentümer, der Gewerkschaften, sowie der Banken nur schwer zu sanieren.
Seit Jahren kosten Baugeschäfte im Ausland, insbesondere in Mexiko und Brasilien, das Unternehmen zunehmend Geld. Die Zahlen für das vergangene Jahr aber übertreffen alle Schreckensnachrichten, mit denen sich die NHS-Eigner in der Vergangenheit abfinden mußten.
Noch einmal bis zu 600 Millionen Mark, so errechnete die staatliche Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Treuarbeit, werden wegen neuer Abschreibungen auf den Konten der NHS fehlen. Die Gewerkschaften wollen nicht mehr einspringen, weil sie ihre Kassen für mögliche Arbeitskämpfe schonen wollen. Findet die NHS keine willigen Geldgeber, ist das Unternehmen am Ende.
Seit Ostern schon müht sich der Chef des Baukonzerns Neue Heimat (NH), Diether Hoffmann, Kreditgeber für das Gewerkschaftsunternehmen zu finden. Doch auch das wird immer schwieriger.
Früher konnte im Notfall immer die gewerkschaftseigene Bank für Gemeinwirtschaft (BfG) einspringen. Jetzt helfen Hoffmann, der selbst aus dem Vorstand der BfG kommt, auch beste Beziehungen nicht allzuviel.
Die BfG nämlich, so meint das Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen, sei im Bereich der Gewerkschaftsunternehmen bereits zu großzügig mit Krediten umgegangen. Sie habe das gesetzliche Limit überschritten.
Nach den Vorschriften des Kreditwesengesetzes darf ein Geldinstitut nur 75 Prozent des gesamten Eigenkapitals der Bank an einen Großschuldner und dessen Tochterfirmen ausleihen. Da das Grundkapital der BfG einschließlich der offen ausgewiesenen Reserven 1,79 Milliarden Mark beträgt, dürfte die Gewerkschaftsbank also nur 75 Prozent davon - nämlich 1,34 Milliarden - an einen Schuldner ausleihen.
Für die Bankenaufsicht aber zählen die Gewerkschaftsholding Beteiligungsgesellschaft für Gemeinwirtschaft AG (BGAG) und die von ihr kontrollierten Unternehmen als ein einziger Kreditnehmer. Zur BGAG gehören Firmen wie das Beamtenheimstättenwerk, S.68 Volksfürsorge, Co op - und eben die NHS. Allein die NH-Gruppe aber, so die Bankenaufsicht, habe das Kreditlimit von 1,34 Milliarden Mark fast erreicht. Die Wohnungsfirma schuldet der BfG gut 1,2 Milliarden.
Das Aufsichtsamt zögert bislang noch, den Abbau der Kredite zu verlangen. Aber neue BfG-Hilfen für die NHS wollen die Kontrolleure nicht zulassen.
BfG-Sprecher Thomas Wegscheider und seine Experten sind dagegen der Ansicht, daß die von der BGAG gesteuerten Gewerkschaftsfirmen nicht zu einem einheitlichen Konzernverbund gehören, sondern als völlig selbständige Gesellschaften mit voneinander unabhängigen Vorständen und Aufsichtsgremien handeln.
Aber da die BfG-Manager sich nicht sicher sind, ob sie sich mit ihrer Ansicht vor Gericht durchsetzen können, möchten sie einen Konflikt mit der Bankenaufsicht vermeiden. Das aber bedeutet: Neue Gelder stehen für den ehemaligen BfG-Bankier Hoffmann nicht mehr auf Abruf bereit, obwohl er den Kreditrahmen, den ihm die BfG einräumte, noch nicht voll genutzt hat.
So ist Hoffmann auf die Hilfe der nächstgrößeren Geldgeber der NHS angewiesen. Einspringen soll vor allem die Westdeutsche Landesbank (WestLB), bei der das morsche Bauunternehmen bereits mit 460 Millionen Mark verschuldet ist. Aber auch die Deutsche Genossenschaftsbank (410 Millionen Mark Kredit), die Dresdner Bank (330 Millionen), die Hessische Landesbank (170 Millionen) und die Deutsche Bank (160 Millionen Mark) sind gefragt.
Einflußreiche Freunde und Förderer aus den Gewerkschaften und der SPD drängen inzwischen auf eine möglichst schnelle und geräuschlose Geldzufuhr aus SPD-nahen Finanzkreisen. Zu diesem Zweck verabredeten sich vor wenigen Tagen die sozialdemokratisch engagierten Manager Friedel Neuber (WestLB), Manfred Schüler (Kreditanstalt für Wiederaufbau) und Ernst Pieper (Salzgitter) mit NH-Chef Hoffmann zu einer ersten Krisensitzung.
Gewerkschaftsbankier Walter Hesselbach, der seit 1974 die Holding BGAG führt, versuchte gleichzeitig, die wichtigsten Finanziers zu raschen Entscheidungen zu überreden. »An uns«, so Hesselbach vergangene Woche, unmittelbar vor einem einwöchigen Israel-Ausflug, »kommt niemand zu Schaden.«
Doch die fünf Nothelfer des Kreditgewerbes scheuen ein zusätzliches Kreditrisiko. So pokern sie um die Immobilien ihres Schuldners.
Die Banken sind bereit, ausländische Großobjekte der NHS - ein Hotel in Monte Carlo, den Pariser Wohn- und Geschäftsbau Passy Kennedy - zu übernehmen. Die würden sie dann gegen ihre Kredite an die NHS aufrechnen und so ihr Risiko vermindern.
Doch Hoffmann denkt noch weiter: Die Neue Heimat stößt auch in Deutschland Immobilien ab, um Mittel für die Sanierung der NHS freizumachen.
Nach dem Verkauf von über 6000 Wohnungen soll nun als nächstes der Frankfurter Stadtteil Nordweststadt an einen von mehreren Banken getragenen Immobilienfonds verkauft werden. Dann könnten auch ganze Trabantenstädte in Berlin, in Bremen und München feilgeboten werden.
Diese Wohnblocks jedoch gehören zum Vermögen der gemeinnützigen Schwestergesellschaft Neue Heimat und können nicht ohne weiteres für die Rettung der NHS eingesetzt werden. Zumindest muß Hoffmann damit rechnen, daß er Veräußerungsgewinne nachversteuert, denn die Gemeinnützigkeit ginge bei einem Verkauf ganzer Blöcke für die regionalen Trägergesellschaften verloren.
Aber Vermögensverwalter Hesselbach sieht bereits den Ausweg. »Im Notfall«, so der wendige Bankier, »kaufen wir der Neuen Heimat die Gemeinnützigkeit weg und zahlen eben hohe Steuern.«
Walter Hesselbach kalkuliert ganz nüchtern: Grund und Boden bleibe auch künftig ein knappes Gut. »Da muß man nur lange genug warten, und dann stimmt die Rechnung.«
S.68Wohn- und Geschäftsbau am Passy Kennedy.*