Wirtschaftsaufschwung Schluss mit Angstsparen
Hamburg - Der ifo-Geschäftsklimaindex stieg im März auf den höchsten Stand seit April 1991, als die deutsche Wirtschaft noch im Zuge der Deutschen Einheit boomte. Das Münchner ifo-Institut für Wirtschaftsforschung teilte heute mit, dass der Index überraschend von 103,4 Punkte im Februar auf 105,4 Punkte zulegte - wider Erwarten von Ökonomen, die mit einem Rückgang auf 102 Punkte ausgingen, weil es bereits in den vergangenen drei Monaten einen Anstieg gegeben hatte. Der unter mehr als 7000 Unternehmen erhobene Index gilt als eines der wichtigsten Stimmungsbarometer der deutschen Wirtschaft.
Europa-Chefvolkswirt der Bank of America Holger Schmieding erklärte die positiven Indexzahlen mit einem Ende der Kaufzurückhaltung. Die Befürchtung, dass die Deutschen ihre Ausgaben lediglich mit Blick auf die zum Januar 2007 anstehende Mehrwertsteuererhöhung vorziehen, um anschließend wieder zu sparen, teilte er nicht. "Im Gegenteil, da die Deutschen endlich wissen, was auf sie zukommt, hören sie mit dem Angstsparen auf", sagte Schmieding im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die Steuererhöhung sei zwar unangenehm, aber die Konsumenten könnten sich jetzt, da sie Gewissheit darüber hätten, darauf einstellen. Für diese Argumentation spreche, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) "sehr populär" sei, obwohl sie Steuern erhöhe.
Gleichwohl warnte Schmieding davor, die neuen Zahlen überzubewerten. Die Prognosen seien "fast zu schön, um wahr zu sein". "Man darf nicht außer Acht lassen, dass die Erwartungen der Unternehmen sehr gedrückt sind. Das Erwartungsniveau liegt mittlerweile so niedrig, dass schon eine geringfügige Verbesserung positiv bewertet wird", sagte Schmieding. Von drei bis vier Prozent Wachstum sei Deutschland noch weit entfernt. "Allerdings rechne ich nach fünf sehr schwachen Jahren mit einem stabilen Wachstum von 1,7 Prozent des Bruttosozialprodukts für das Jahr 2006." Die Bundesregierung geht derzeit von 1,4 Prozent aus.
Die vom ifo-Institut befragten Unternehmen hatten ihre Geschäftslage im März freundlicher als im Februar bewertet. Der Aufschwung der Konjunktur habe sich weiter stabilisiert, sagte ifo-Chef Hans-Werner Sinn. Die Konjunkturerholung gewinne immer mehr an Fahrt und erfasse zunehmend Bereiche, die nicht vom boomenden Export abhängen. Auch hauptsächlich im Inland tätige Firmen würden erfasst, und die Lage in der Bauwirtschaft und im Handel stabilisiere sich. "Wir sehen, dass es ein richtiger Aufschwung ist", sagte ifo-Volkswirt Klaus Abberger. Ifo-Chefökonom Gernot Nerb prognostizierte: "Jetzt haben wir die Chance, dass wir mal einen normalen Aufschwung haben, der drei Jahre durchzieht." Eine solch nachhaltige Entwicklung habe es seit dem Vereinigungsboom nicht mehr gegeben.
"Der Stellenabbau dürfte gestoppt sein"
Aus den Antworten der Unternehmen geht dem ifo-Institut zufolge hervor, dass sich die bessere Wirtschaftslage allmählich auch auf den Arbeitsmarkt auswirkt. "Der Stellenabbau dürfte gestoppt sein", erklärte Abberger. Wann sich die Erholung auch in mehr Arbeitsplätze niederschlage, sei aber noch unklar. Auf jeden Fall dürften die Beschäftigten ihre Stellen wieder als stärker gesichert empfinden, was sich positiv auf die Konsumneigung auswirken könnte.
Experten rechnen nun angesichts des verbesserten Geschäftsklimas sowie des Geldmengenwachstums in Europa mit einer Zinserhöhung im Mai. Schmieding sagte, er gehe davon aus, dass die Europäische Zentralbank (EZB) den Zinssatz um 0,25 Punkte auf 2,75 und im Juli auf 3 Prozent anhebt. "Das wäre dann ein Zinsniveau auf Normalmaß." Auch die Postbank erhöhte ihre Leitzinsprognose für den Euroraum auf 2,75 Prozent bereits ab Mai.
Bundesbank-Präsident Axel Weber sagte, der ifo-Index bestätige das Bild einer sich verstärkenden Konjunkturerholung. Weber, EZB-Ratsmitglied, erklärte, über künftige Zinsschritte der EZB wolle er nicht spekulieren. Allerdings sagte er auch, dass sich an der Beschleunigung des Geldmengen- und Kreditwachstums im Februar zeige, dass die Dynamik bei der Kreditvergabe stark sei und die niedrigen Zinsen Haupttriebkraft der monetären Entwicklung seien.
Das ifo-Institut teilte mit, dass es "aus deutscher Sicht noch Spielraum für eine weitere Zinsanpassung" sehe. Ein Vorgehen der EZB in kleinen Zinsschritten sei in Ordnung. Ein Risiko für die Konjunkturentwicklung seien dagegen steigende Ölpreise.
kaz/dpa-AFX/Reuters