Wirtschaftsboom: Indien beschwört sein Karma - DER SPIEGEL
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Wirtschaftsboom Indien beschwört sein Karma

Der Glaube an sich selbst wirkt: Mit großem Aufwand stellt sich Indien, Heimat von Millionen Hungernden, Slum-Bewohnern und Analphabeten, auf internationalen Messen und in Werbekampagnen als Land der Superlative dar - mit erstaunlichem Erfolg.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Neu-Delhi - Ajay Khanna ist ein vergnügt dreinschauender Mann. Für seine Fröhlichkeit hat er auch allen Grund. Der Inder ist Vizepräsident des Unternehmerverbandes Confederation of Indian Industry (CII) - und Erfinder einer der erfolgreichsten Werbekampagnen für sein Land.

"India everywhere" stand überall auf Plakaten beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos, als sich vor zwei Monaten Wirtschaftsbosse, Spitzenpolitiker und Stars im schweizerischen Nobel-Skiort tummelten. Die von Khanna koordinierte Kampagne schlug dort voll ein.

"Vorher hieß es immer nur China, China, China. Wir fanden: Genug China, jetzt ist Indien dran!", sagt der Verbandsmann. Vier Millionen Dollar hat er im vergangenen Jahr von indischen Unternehmen für den Werbefeldzug eingesammelt. "Ich hatte die Idee nicht alleine, sondern zusammen mit ein paar Firmenchefs", sagt er.

"India everywhere" - der südasiatische Riese ist dank solcher Imagewerbung und dank seines imposanten Wachstums tatsächlich überall: Wirtschaftsblätter übertreffen sich wieder einmal mit "Indien ist die Zukunft"-Artikelserien. Die vom CII und der indischen Regierung getragene India Brand Equity Foundation (IBEF) soll Indien als Marke noch weiter entwickeln und dafür sorgen, dass das Land in den Medien präsent bleibt.

Boom und Autosuggestion

Der Hype hat etwas von Autosuggestion: Indische Politiker, Manager und Medien reden und schreiben über Indiens rosige Zukunft, große Teile der Bevölkerung glauben an den Boom, der Konsum nimmt im erstaunlichen Ausmaß zu, regional um bis zu 30 Prozent jährlich. Als Folge wächst die Wirtschaft, im vergangenen Jahr um beeindruckende 8,6 Prozent. "Das wahre Wachstum ist das Konsumwachstum auf dem Binnenmarkt", sagen Politiker in Neu-Delhi.

Geht es nach der Regierung in Neu-Delhi, soll jetzt aber auch der Export kräftig zulegen. Premierminister Manmohan Singh reist am Wochenende mit rund 300 indischen Unternehmern erstmals nach Deutschland und eröffnet in Hannover, gemeinsam mit Bundeskanzlerin Angela Merkel, die Hannover Messe. Ziele sind neue Geschäftspartnerschaften, ein größeres Handelsvolumen mit Deutschland - und natürlich wieder Publicity für den Standort Indien. Im Oktober kommen dann auf der Frankfurter Buchmesse indische Schriftsteller und Intellektuelle zu Wort und stellen das kulturelle Indien jenseits von Bollywood vor.

Indien feiert sich selbst, auch wenn die meisten Inder überhaupt keinen Grund zum Feiern haben. "Wer kein Geld hat, hat so gut wie keine Chance auf Bildung und somit keine Chance auf sozialen Aufstieg", kritisiert Jayati Ghosh, Ökonomie-Professorin an der Jawaharlal-Nehru-Universität in Neu-Delhi. Und Geld haben die meisten nicht: Mehr als ein Drittel aller Inder müssen noch immer mit weniger als einem Dollar pro Tag auskommen. Allein in Bombay haben fast 60 Prozent der schätzungsweise 18 Millionen Einwohner ihr Zuhause in Wellblechhütten, ausrangierten Fischerbooten - oder auf der Straße.

Die Bevölkerung auf dem Land bekommt vom Wachstum noch weniger mit. Dort leben die Menschen teils ohne Wasser, Kanalisation und Strom. Die Hälfte aller Kinder - die meisten davon in ländlichen Regionen - werden unterernährt geboren. "Es gibt Dörfer, in denen kaum noch Erwachsene leben, weil die alle in die Städte gezogen sind, um Arbeit zu finden", sagt die Globalisierungskritikerin Ghosh und verweist auf das Dorf Anantapur im Bundesstaat Andra Pradesh. "Wer in diesen Ort kommt, sieht fast nur Kinder und Jugendliche. Das macht einem richtig Angst", sagt sie.

Modernes Selbstbild

"Natürlich haben wir Probleme in unserem Land", sagt Planungsminister Montek Singh Ahluwalia, einer der Mächtigen in der indischen Regierung. "Aber die Probleme sind längst nicht so groß, wie manche behaupten. Die Verlierer einer Entwicklung machen immer mehr Krach als die Gewinner", sagt er und meint damit die indischen Globalisierungskritiker. "Sie werden sehen: Langfristig werden von dem Wachstum in Indien alle ihren Nutzen haben."

In Zeiten der Indien-Euphorie finden Kritiker wie Jayati Ghosh wenig Gehör. So zeigt die IBEF in einem neuen Werbefilm lieber die Glanzseiten, die Indien-Reisende nur selten zu Gesicht bekommen: IT-Unternehmen, Kraftwerke, moderne Krankenhäuser, Roboter in der Autoproduktion, intakte Straßen.

"Das Karma eines Menschen", heißt es in dem Spot pathetisch, "ist es, für immer das Rad des Lebens in Richtung einer besseren Zukunft für alle zu drehen". Von Ein-Mann-Betrieben wie Schuhputzern, Müllsammlern, Ohrenreinigern, von schmuddeligen Arztpraxen und Straßen im jämmerlichen Zustand ist nicht die Rede.

Sunil Munjal, Geschäftsführer des weltgrößten Fahrradherstellers Hero aus dem nordindischen Bundesstaat Punjab, wischt selbstbewusst alle Zweifel an der glänzenden Zukunft seines Landes von Tisch. "Wir sind die am schnellsten wachsende freie Marktwirtschaft der Welt. Wir werden eines Tages größer als die EU, größer als die USA und viel größer als China sein." Er hält kurz inne, lächelt und sagt: "Und in drei Jahren sind wir das Land mit der jüngsten Bevölkerung der Welt."