Wirtschaftsfaktor WM: "China ist der Sieger" - DER SPIEGEL
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Wirtschaftsfaktor WM "China ist der Sieger"

Die Fußball-WM wird einen Wirtschaftsboom auslösen - prophezeien Politiker. Der Faktor WM fällt kaum ins Gewicht, sagen die Volkswirte. Die Dynamik der Wirtschaft hat vor und während der WM zugelegt, sagen die Statistiker. Ein Klärungsversuch.
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Berlin - In London wird in diesen Tagen gründlich mit alten Vorurteilen aufgeräumt. Die Kommentatoren kommen nicht umhin, der deutschen Fußball-Elf Komplimente für ihre überraschend frische und sympathische Spielweise zu machen, die Fußball-Fans erzählen begeistert von ihren Feiern mit Gleichgesinnten auf den Fan-Meilen in Berlin, Hamburg oder Stuttgart - und in der zentralen U-Bahn-Station Bank rundet Claudia Schiffer das neue Deutschland-Bild ab. Nur mit einer Deutschland-Fahne bekleidet wirbt die Schönheit für das Land der Ideen.

So viel Sympathiewerbung, das muss einfach wirken. Schon stehen die Investoren Schlange, um in Deutschland Firmen und Immobilien zu kaufen, Arbeitsplätze zu schaffen und der Wirtschaft endlich jenen Schwung zu verleihen, auf den wir schon so lange warten. Das jedenfalls suggerieren Politiker dieser Tage, wenn sie die segensreichen Wirkungen der Fußball-WM für die Wirtschaft hochrechnen.

Es gebe viele Hinweise, dass die Weltmeisterschaft die deutsche Wirtschaft angekurbelt habe sagte der Präsident des Deutschen Städtetages, Münchens Oberbürgermeister Christian Ude (SPD). Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) erwartet von der WM kräftige Impulse für die Stadt. "Wir werden nachhaltig von dem verbesserten Image Berlins leben", sagte er im rbb. Auch Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) hatte von einem "positiven Wachstumseffekt" für die deutsche Wirtschaft gesprochen. Die Fußball-WM habe aber zu einem Imagegewinn im Ausland geführt, der in zukünftigen Kampagnen genutzt werden solle.

Ermutigende Zahlen

Es gibt sogar Zahlen, auf die sie sich stützen können. So veröffentlichte die Bundesagentur für Arbeit gestern ein erstes Resümee, nach dem rund 50.000 Jobs geschaffen worden seien. Die Fußball-WM in Deutschland hat den positiven Trend auf dem Arbeitsmarkt verstärkt, sagte BA-Vorstandsmitglied Heinrich Alt heute im Bayerischen Rundfunk. Etwa die Hälfte der durch die WM entstandenen neuen Stellen blieben voraussichtlich erhalten.

Anders als die Politiker wagen es die Experten allerdings nicht, einen direkten Zusammenhang zwischen den ermutigenden ökonomischen Eckdaten und der WM herzustellen. "Das Image Deutschlands hat zweifelsohne erheblich gewonnen", sagt Udo Ludwig, Studienleiter beim Institut für Wirtschaftsforschung in Halle. "Doch über Rahmenbedingungen wie Infrastruktur oder Qualifikation der Facharbeiter waren die Investoren auch schon früher informiert." Welchen Einfluss der Imagegewinn auf die einzelne Investitionsentscheidung ausübe, lässt sich jedoch beim besten Willen nicht feststellen." Sicher sei lediglich, dass sachliche Kriterien in jedem Fall den Ausschlag gäben.

Experten bleiben skeptisch

"Die Rahmenbedingungen sind nicht alles, aber ohne die richtigen Rahmenbedingungen ist alles nichts", bestätigt Rainer Thiele vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel, den Standpunkt seines Kollegen. Die WM habe etwas in Bewegung gebracht, soviel lasse sich jetzt schon sagen. "Aber wenn sich daraus ein Impuls für die Wirtschaft ergibt, dann ist er vernachlässigbar gering."

Die Einschätzung, durch die WM seien die Meriten Deutschlands erst bekannt geworden, teilt der Wissenschaftler ebenso wenig wie Ludwig. "Jemand, der über die Verwendung von Millionen von Euro entscheidet, verschafft sich seine Informationen nicht über die WM-Berichterstattung in den Medien."

Auch was den Konsum betrifft, bleiben die Experten skeptisch. Fan-Artikel und Unterhaltungselektronik seien zwar im größeren Umfang nachgefragt worden, die Zahl der Touristen habe die Erwartungen sogar weit übertroffen. Doch gesamtwirtschaftlich falle dies kaum ins Gewicht. "Außerdem", so ergänzt IWH-Forscher Ludwig, "sind Bildschirme und Fähnchen hauptsächlich in China gefertigt worden. Man könnte also auch sagen: China profitiert von der WM".

Privater Konsum als Stütze

Bleibt die Frage, ob die gute Stimmung womöglich zu einer nachhaltigen Belebung der Binnennachfrage führen könnte. Die Prognose des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung würde diesen Schluss auf den ersten Blick zulassen. "Das Auftragsvolumen bei den Konsumgüterherstellern steigt kontinuierlich", heißt es im aktuellen DIW-Konjunkturbarometer. "Dies deutet darauf hin, dass der private Konsum im laufenden Jahr eine Stütze der Konjunktur sein dürfte."

Doch DIW-Forscher Christian Dreger winkt ab. Wahrscheinlich habe die WM den ein oder anderen dazu verleitet, sich einen modernen Fernseher zuzulegen. Man könne jedoch davon ausgehen, dass sich die überwiegende Mehrzahl der Käufer ohnehin dafür entschieden hätte - "früher oder später". Im Übrigen, fügt Dreger hinzu, wirke sich ein anderer Faktor viel belebender auf die Nachfrage aus - die geplante Anhebung der Mehrwertsteuer 2007.

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